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Auenwälder in Schwarz-Weiß

Ein breiter Fluss erstreckt sich über die ganze Leinwand. Im Hintergrund wächst schulterhoch das leuchtende Schilf, dahinter erheben sich dunkel die mächtigen Bäume, die das gegenüberliegende Ufer säumen. Der ganze Film ist in schwarz-weiß gedreht. Die verschiedenen Braun- und Grüntöne der Landschaft, die sich hinter den Graustufen verbergen, lassen sich daher nur erahnen. Auf der rechten Bildschirmseite taucht ein Boot auf. Es ist ein flaches, langes Holzruderboot auf dessen einen Ende ein großer Haufen geschnittenes Schilf ruht. Auf dem anderen Ende sitzt eine Person, die das Ruder ein ums andre Mal bedächtig ins Wasser gleiten lässt und so langsam über die gesamte Leinwand fährt. Die Kamera bleibt noch eine Weile stehen bis das Bild wechselt und wieder die großen Bäume am anderen Ufer des Flusses zeigt, die sich leicht verschwommen auf der Wasseroberfläche spiegeln. Die Landschaftsaufnahmen in La Leon lassen den Zuschauer immer wieder staunend zurück.
„La Leon“ ist ein Passagierschiff, das auf einem großen Fluss in der Region Chaco im Norden Argentiniens fährt. Auf ihr erreichen die Bewohner einer namenlosen Insel in diesem Fluss die nächste Stadt, um dort ihre spärlichen Erzeugnisse zu verkaufen. Das Schiff stellt für die InselbewohnerInnen den einzigen Kontakt zur Außenwelt dar. Somit sind sie allesamt von El Turu, ihrem Kapitän, abhängig. Die Uferbewohner bilden eine kleine Gemeinschaft, doch schnell wird deutlich, das jedes einzelne Mitglied dieser Gemeinschaft sehr einsam ist. Da ist Alvaro, der Mittdreißiger, gespielt von Jorge Ramón, der sein Geld damit verdient, Schilf zu schneiden und Bücher für die öffentliche Bibliothek der Stadt neu zu binden. In seinem Leben gibt es nur zwei Menschen. Der eine ist sein Ziehvater, ein sehr alter Mann, mit dem er still und nur beim Licht einer kleinen Kerze die langen Abende abwartet, und zu dem er eine zärtliche Beziehung führt. Der andere ist Turu, der Kapitän von La Leon, und Alvaros Gegenspieler. Keine Gelegenheit lässt dieser aus, ihn zu schikanieren und seine Boshaftigkeit an ihm auszuleben. Als El Turu Alvaro in der Inselkneipe antrifft, ruft er „Eh, Schwuchtel!“ durch den ganzen Raum. Alvaro bewegt sich nicht, doch El Turu lässt nicht locker: „Schwuchtel!“, ruft er wieder und wieder. Alvaro wirft tiefe Blicke auf das Messer, das neben ihm liegt.
Wie setzt man sich gegen Diskriminierung zur Wehr, wenn man von dem Menschen, der einem am meisten Ärger bereitet, finanziell abhängig ist? Und wie reagiert man, wenn sich später herausstellt, dass sich auch dieser Mensch, wie man selbst, nur nach Nähe sehnt? Aber El Turu legt sich nicht nur mit Alvaro an. Seine obszönen Blicke auf die Tochter einer seiner Kundinnen bleiben vielleicht noch ungesühnt, aber als er zum Benzinkanister greift, um die Insel vor der paraguayanischen Einwandererfamilie zu „schützen“, überschätzt auch er seine Macht auf der Insel und das Drama nimmt seinen Lauf.
„La Leon“ besticht durch seine beeindruckende Fotografie. Der Film gleicht einem Gang durch eine Galerie, bei dem die Kamera oft einen Moment vor einem Bild verharrt, so dass den ZuschauerInnen die Möglichkeit gegeben wird es in Ruhe zu betrachten und auf sich wirken zu lassen, bevor sie sich auf das nächste Bild einlassen. Sensibel wird jede noch so kleine Regung in den Gesichtern der Darsteller eingefangen, die mehr transportieren, als in Worten ausgedrückt werden könnte. Hier kommunizieren die Charaktere über Mimik und Gestik. Der Film entwickelt sich über die Darsteller und Landschaftsaufnahmen, was ihn auch ohne längere Dialoge auskommen lässt. Statt subjektive Wahrheiten zu produzieren, hält sich der Regisseur Santiago Otheguy zurück und überlässt es dem Publikum sich seine Meinung über die einzelnen Szenen zu bilden und sein eigenes Urteil zu fällen. Obwohl die Geschichte im Film so ruhig fließt wie das trübe Wasser in den Flüssen, lässt er die ZuschauerInnen für 85 Minuten in das Leben zwischen Holzhütten und bewaldeten Flussufern eintauchen.
In La Leon bleiben aufgrund des sparsamen Einsatzes von Dialogen viele Dinge unausgesprochen, was beim Zuschauer in einigen Momenten etwas Unsicherheit über die Handlung auslösen kann. Trotzdem ist der Film auf jeden Fall sehenswert, denn das Bild, das er vermittelt, ist sehr facettenreich: Interessante Themen wie Homosexualität auf dem Land oder Fremdenfeindlichkeit werden genauso beleuchtet wie das harte und einsame Leben der BewohnerInnen der Feuchtgebiete. Auf das langsame Tempo von La Leon muss man sich zunächst einlassen. Doch wer dazu bereit ist, wird mit einem schönen Film belohnt.

Der Film wird auf der Berlinale vom 8. bis 18. Februar im Panorama Programm zu sehen sein.

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