Guatemala | Nummer 246 - Dezember 1994

Aus der Illegalität in die Zivilgesellschaft

Zur Situation in den CPR

Die „Comunidades de Población en Resistencia“ (CPR), die Widerstandsdörfer in Guatemala, entstanden zu Anfang der achtziger Jahre, als durch die brutalen Massaker des Militärs und der Todesschwadronen ca. eine Million Dorfbewoh­nerInnen vertrieben wurden. Ein großer Teil von denen, die nicht nach Mexiko gingen, bildeten die CPR, die über viele Jahre unter schrecklichen Bedingun­gen im Urwald zu überleben versuchten: Geheim, immer mit der Angst, ent­deckt zu werden, unter rudimentären Formen von Ernährung, Behausung, Hy­giene etc. Im Zuge des allgemeinen Friedensprozesses in Guatemala gehen sie seit 1990 schrittweise an die Öffentlichkeit.

Michael Eberlein

Vom 27.- 31. Juli 1994 fand in Cabá, Pro­vinz El Quiché, die fünfte Generalver­sammlung der CPR de la Sierra (ein regionaler Zusammenschluß eines Teils der CPR) statt. Zwar liegt sie schon eine Weile zurück, aber ein Bericht von der Versammlung, den wir im Folgenden leicht gekürzt abdrucken, vermittelt ein plastisches Bild von der Situation in den CPR und dürfte seine Aktualität nicht verloren haben.
Die Struktur der CPR
Der interne Aufbau der CPR ist basisde­mokratisch organisiert: Auf der Ebene der einzelnen Dörfer werden Lokalkomitees gewählt. Für die drei Gebiete Santa Clara, Cabá und Xeputul sind jeweils Gebiets­komitees zuständig, während die Koordi­nationskommission (CDC) als zentrale Instanz jeweils auf den Generalversamm­lungen gewählt wird. Zusätzlich wird ein Ältestenrat einberufen, der sich aus Ver­treterInnen verschiedener Gebiete zu­sammensetzt und die Aufgabe hat, die CDC kritisch zu beraten.
Die Produktion
Die landwirtschaftliche Produktion ist zweigleisig organisiert: Im Unterschied zu den CPR del Ixcán dominiert in denen der Sierra die private Produktion der Fami­lien, die jeweils ein eigenes Stück Land zur Verfügung haben. Daneben steht die Kollektiv-Produktion, die ursprünglich unter den Bedingungen absoluter Repres­sion entwickelt wurde. Heute dient sie in erster Linie dazu, Gemeinschaftsarbeiten wie z.B. den Bau von Schulen und Stras­sen zu realisieren und diejenigen zu ver­sorgen, die für sich selbst nicht genug er­wirtschaften können. Dies sind vor allem die Witwen und DorfbewohnerInnen, die als LehrerInnen und Gesundheitsbrigadi­stInnen arbeiten.
Die landwirtschaftliche Arbeit ist immer noch weitgehend subsistenzwirtschaftlich ausgerichtet: Überwiegend wird Mais an­gebaut, daneben – weit weniger – Bohnen, Zuckerrohr, Bananen, Kaffee, Guisquil, verschiedene Kräuter, Tomaten, Orangen, Avocados, Sapotes und Kürbisse. Die Frauenorganisation (sector de las mujeres) ist momentan dabei, ergänzend zur bishe­rigen Produktion, ein Gemüsegarten-Pro­jekt aufzuziehen. Außerdem läuft ein Schweinezucht-Projekt in Gemeinschafts­arbeit.
Im vergangenen Jahr ist es nicht gelungen, die landwirtschaftliche Produktion zu er­höhen, was angesichts der steigenden Be­wohnerInnenzahl zu einem Versorgungs­problem führt: Insgesamt steht den CPR innerhalb der Gebiete, in denen sie sich bewegen können, zu wenig Land zur Ver­fügung, das bewirtschaftet werden kann. Darüber hinaus fehlt es an anderen Grundvoraussetzungen landwirtschaftli­cher Produktionsmittel, wie z.B. an Ar­beitsmitteln, Lastentieren, Werkzeug und Naturdünger. Weiter wäre eine systemati­sche Bodenanalyse notwendig, um durch den Anbau geeigneter Nutzpflanzen auf den unterschiedlichen Bodenarten die jeweils besten Erträge zu erzielen.
Eine „Vermarktungskommission“ ist der­zeit damit beauftragt, den Handel mit den Nachbardörfern bis hin nach Chajúl und Nebaj auf- bzw. auszubauen, der durch den Ausbau der (Fuß-) Wege und den Kauf weiterer Lastentiere gefördert wird.
Gesundheit
Durch mangelhafte, bzw. einseitige Er­nährung ist der Gesundheitszustand der Bevölkerung schlecht: Allein an einem Impftag wurde im vergangenen Jahr bei 103 Kindern Unterernährung festgestellt, 9000 Krankheitsfälle wurden im Laufe des Jahres registriert. Wie überall auf dem Land sind die Hauptkrankheiten Magen-Darm-Leiden und Erkrankungen der Atemwege; besonders problematisch er­scheinen darüberhinaus gegenwärtig die ca. 200 Fälle von Tuberkulose.
Auf der Versammlung wurde ausdrücklich der Zusammenhang von Leben in Unter­drückung und Krankheit thematisiert und als wesentliche Ursache der Krankheiten die Armutsverhältnisse genannt, in der die CPR seit 12 Jahren, die Maya-Bevölke­rung insgesamt schon seit 500 Jahren gehalten werden. Die CPR besitzt einen sehr umfassenden Gesundheitsbegriff, der das Recht auf ausgewogenes und ausrei­chendes Essen ebenso beinhaltet und ein­fordert wie Kleidung, Wohnung, Arbeit, Ruhe, medizinische Vorsorge, Arzneiver­sorgung, Akupunktur und die Einbettung des Gesundheitswesens in die Strukturen der Gemeinschaft.
Die Situation hat sich seit November 1993 merklich verbessert: Seitdem arbeitet eine Gruppe der „Médicos del Mundo“ in den CPR. Eine Hebamme, ein Arzt und eine Krankenschwester arbeiten in einer klei­nen Klinik, die kürzlich in Cabá fertigge­stellt wurde und halten außerdem immer wieder Sprechstunden in den anderen Dörfern ab. Dort sollen im nächsten Jahr ebenfalls kleine Krankenstationen gebaut werden. Ihre Hauptaufgabe ist, innerhalb der begrenzten Zeit, die sie in den CPR bleiben werden, eine genügend große Zahl von GesundheitsbrigadistInnen unter den BewohnerInnen auszubilden, die ihrerseits wieder andere Personen ausbilden sollen.
Daneben stellen die „Médicos del Mundo“ als VertreterInnen der ersten nennens­werten internationalen Nichtregierungsor­ganisation, die innerhalb der CPR arbeitet, durch ihre Anwesenheit auch einen gewis­sen Schutz vor Bedrohungen und Ein­schüchterungen durch das Militär dar.
Schule
50 LehrerInnen (promotores de educa­ción) geben den insgesamt ca. 1200 SchülerInnen an drei Tagen der Woche Unterricht. Im letzten Jahr wurde eine Al­phabetisierungskampagne für derzeit rund 500 Erwachsene unternommem, die im kommenden Jahr mit Hilfe von außen er­weitert und möglicherweise auf Ixíl und Spanisch durchgeführt werden soll.
Der Schulalltag wird von ganz grundle­genden Problemen bestimmt: Es mangelt an Papier, Stiften und Schulbüchern; die wenigen, die vorhanden sind, sind nur in Spanisch oder in Quiché abgefaßt und müssen in die andere Sprache, vor allen Dingen in Ixíl übertragen werden. Nur 75 Prozent der eingeschriebenen SchülerIn­nen nehmen am Unterricht teil, weil die Feld- und Gartenarbeit auch bei den Kin­dern Vorrang hat. Das gleiche Problem stellt sich auch für die LehrerInnen und GesundheitsbrigadistInnen: Die drei Tage, die sie in der Schule arbeiten, fehlen ihnen vor allem bei der Feldarbeit, die sie „nebenher“ verrichten müssen, und die Unterstützung, die sie für ihre Arbeit in Form einiger weniger Pfund Mais von der Gemeinschaft erhalten, machen diesen Ausfall nicht wett. Es wurde überlegt, die GesundheitsbrigadistInnen, deren Arbeit zu einem „Vollzeitjob“ ausgeweitet wer­den soll, von der Feldarbeit freizustellen und ganz von der Gemeinschaft zu unter­stützen.
Der politische Kampf der CPR
Seit 1990, als das guatemaltekische Mili­tär die CPR de la Sierra zu vernichten drohte und die CPR aus dieser Situation heraus erstmals an die Öffentlichkeit gin­gen, führen sie nicht „nur“ einen Überle­benskampf als Maya-Gemeinschaft im Widerstand, sondern auch einen politi­schen Kampf, der sich sowohl auf regio­naler als auch auf nationaler und interna­tionaler Ebene weiterträgt.
Auf regionaler Ebene wurden Kontakte besonders für wirtschaftliche Zusam­menarbeit zu VertreterInnenn der umlie­genden Dörfer und der Gemeinden Nebaj, Chajúl bis hin nach Cunén und Sacapulas geknüpft. Als politischer Erfolg wurde die Entsendung eines Delegierten der CPR als ständiges Mitglied in das Menschen­rechtsbüro Chajùl, das dem Erzbischöfli­chen angegliedert ist, gewertet. Durch dessen Arbeit gelang es erstmals, Teile der Bevölkerung aus den umliegenden, unter Militärkontrolle stehenden Dörfern zu aktivieren: In einigen Dörfern erklärten sich über 50 Personen bereit, mit dem Büro zusammenzuarbeiten, Informations­veranstaltungen zu besuchen und bei Menschenrechtsverletzungen öffentlich Zeugenaussagen zu machen.
Auch auf höherer Ebene wurde die Men­schenrechtsarbeit durchgesetzt: Die CPR brachten ihre Anklagen einer Delegation der Menschenrechtskommission der UNO und bei der Interamerikanischen Men­schenrechtskommission der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) vor. Ein Delegierter der CPR sitzt als ständiger Vertreter in der „Asamblea de la Sociedad Civil“, dem runden Tisch der Zivilsekto­ren, der den sogenannten Friedensprozeß und die Verhandlungen zwischen URNG (Unidad Revolucionaria Nacional Gualte­matéca) und Regierung bzw. Militär kri­tisch und mit eigenen Entwürfen begleitet. Darüber hinaus sind die CPR Mitglied der Maya-Organisation „Coordinadora Maya ‚Nuevo Amanecer‘ Majawil Q’ij“.
Die zentrale politische Aktion des vergan­genen Jahres war der Marsch in die Hauptstadt, den die CPR de la Sierra gemeinsam mit den CPR del Ixcán im September unternahmen, um ihre politi­sche und rechtliche Anerkennung als zivile Bevölkerung einzufordern und Menschenrechtsverletzungen anzuklagen.
Weiter unternahmen CPR-Delegationen politische Informationsreisen durch die USA und Europa.
Politische Forderungen der CPR
Die grundlegende Forderung der CPR ist immer noch ihre offizielle Anerkennung als zivile Bevölkerung. Militär und Regie­rung verweigern dies jedoch seit den Tagen der Präsidentschaft Ríos Montts (1982/83) und denunzieren die CPR als politischen Arm der Guerilla. Auch der Präsident de León Carpio, der noch als Menschenrechtsprokurator 1991 der erste und einzige Staatsvertreter war, der die CPR besuchte und ihnen versprach, sich für ihre Anerkennung als Zivilbevölke­rung stark zu machen, will heute nichts mehr davon wissen und weigert sich, überhaupt eine Delegation der CPR zu empfangen. Trotzdem kamen aber Militär und Regierung nicht umhin, die CPR als, durch den Staatsterror der frühen 80er Jahre, „entwurzelte Bevölkerung“ anzuer­kennen: Im „Acuerdo sobre el reasenta­miento de la población desarraigada“, dem Abkommen über die Wiedereingliederung der entwurzelten Bevölkerung, den URNG und Regierung bzw. Militär unter massivem Druck der UNO-Vermittler im Juni 1994 schlossen, werden die CPR erstmals von offizieller Seite als „Entwurzelte“ anerkannt. Sie müßten so­mit auch in den Genuß der in diesem Ver­trag vereinbarten Maßnahmen kommen. Einer solchen Interpretation schieben Militär und Regierung jedoch einen Rie­gel vor, indem sie weiterhin und gegen besseres Wissen auf den vermeintlich militärischen Charakter der CPR beharren.
Die CPR fordern von der Regierung Besitzurkunden für das Land, auf dem sie leben und das sie bebauen. Sie beanspru­chen das Land nicht nur, weil es ihren Maya-Vorfahren geraubt wurde, sondern auch, weil sie das Land unter unvorstell­baren Leiden und Entbehrungen im Laufe von 12 Jahren überhaupt erst urbar ge­macht und darauf eine neue Form des Gemeinschaftslebens entwickelt haben. Die CPR fordern von der Regierung die Überschreibung des staatlichen bzw. des Gemeindelandes von Chajúl und den Ver­kauf und die Übergabe des Landes an sie, das sich derzeit noch in Privatbesitz befindet. Dieses Land soll dann perspekti­visch nicht nur den CPR, sondern allen Ixíl-Flüchtlingen zur Verfügung stehen.
Als Voraussetzung dafür, daß sich ein Gemeinschaftsleben der CPR frei entwik­keln kann, fordern sie die Auflösung der Zivilpatrouillen und das Verschwinden des Militärs, das rund um das CPR-Gebiet immer präsent ist.
Im gegenwärtigen sogenannten Friedens­prozeß bezieht die CPR folgende Position: Die CPR lehnen einen Frieden der Angst, einen Frieden der Straffreiheit für die Verbrecher und einen Frieden der Armut ab, da sie einen solchen „Frieden“, der tatsächlich das Ergebnis der laufenden Verhandlungen sein könnte, schon seit 500 Jahren kennen. In diesem Sinne for­dern sie von der Regierung die sofortige Einhaltung des Menschenrechtsabkom­mens, das URNG und Regierung bereits im März unterschrieben haben – bisher folgenlos: Bis Ende Juli wurde noch nicht einmal die Überprüfungskommission, die mit UNO-Unterstützung über die Einhal­tung des Abkommens wachen sollte, ein­gerichtet.
Außerdem fordern die CPR die sofortige Umsetzung des Abkommens über die „Wiederansiedlung der Entwurzelten“, das laut Vertragsvereinbarungen jedoch erst mit der Gültigkeit eines Friedensvertrags zwischen Regierung und URNG inkraft treten soll. Die CPR beanspruchen einen VertreterInnensitz in der „technischen Kommission“, die – von Regierungs- und VerfolgtenvertreterInnen paritätisch be­setzt – die Umsetzung des Abkommens in seinen (finanz-) technischen Aspekten noch vor Inkrafttreten des Vertrags vorbe­reiten soll.
Schließlich fordern die CPR die Neuver­handlung und Revision des Abkommens über die sogenannte Wahrheitskommis­sion, die den Auftrag erhält, die Verbre­chen und Menschenrechtsverletzungen besonders seit der Terror-Ära Lucas Garcias (Präsident 1978-82) zu erforschen.
In der Bewertung des Verhandlungspro­zesses zeigte man sich realistisch: Die bereits geschlossenen und zukünftigen Abkommen stellten an sich keineswegs den Friedensprozeß dar, sie seien vielmehr eine materielle Voraussetzung dafür, daß dieser sich entwickeln könne: Die auf dem Verhandlungswege erreichten Vereinba­rungen verbesserten zwar die Kampfbe­dingungen der verschiedenen Basisbewe­gungen. Der tatsächliche Friedens- und Demokratisierungsprozeß könne aber nur durch deren Kampf eingeleitet und bestimmt werden.

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