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Befreiungsversuch aus der Enge

Alles, aber auch wirklich alles, wurde in der DDR von der „Dreieinigkeit“ Partei, Staat und gesellschaftlichen Organisationen unter der Führung der „avantgardistischen SED“ bestimmt. Eigenständiges Handeln war nicht vorgesehen. Wollte man sich aus der Klammer dieser lähmenden „Rundumbestimmung“ wenigstens ansatzweise befreien, konnte man dies nur im privaten Bereich der Familie oder zusammen mit FreundInnen tun; wollte man sich nicht nur auf das Private beschränken sondern begriff sich auch als politischer Mensch, arbeitete man in einer der unabhängigen Gerechtigkeits-, Friedens- oder Ökologiegruppen mit.
Sicher ist dies eine (wenn auch nur geringfügig) überspitzte und polemische Beschreibung der Wirklichkeit des DDR-Lebens. Will man aber die Motivation derer verstehen, die in unabhängigen Gruppen arbeiteten, braucht es diese Art der Charakterisierung. Die Motivationslage der Engagierten in den Basisinitiativen fand sich prinzipiell zwischen folgenden zwei Polen wieder: Einerseits ließ das Wissen vom Elend auf der Welt Untätigkeit nicht zu und forderte geradezu persönliches und direktes Handeln heraus und andererseits konnte man nur durch „eigenständiges sinnvolles Tun“ ansatzweise der Apathie und den vorgefertigten Strickmustern der gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR entgehen.
Nicaragua war genau in diesem Kontext ein sehr attraktives, ja geradezu schillerndes Land. Dort herrschte nicht nur bittere Armut, die es zu überwinden galt. Nach dem Sturz der Somoza-Diktatur war man dabei, eine gerechte Gesellschaft nach wie auch immer gearteten sozialistischen Vorstellungen aufzubauen, die den Blick auf den real existierenden Sozialismus à la DDR kritisch schärfte. Dichtende Priester, schreibende Regierungsmitglieder und politisch-erotische DichterInnen vom Schlage eines Ernesto Cardenal, Sergio Ramirez oder einer Giaconda Belli, deren Scharfsinnigkeit, Charme und Charisma es von alleine verbieten, sie beispielsweise mit Egon Krenz oder Margot Honecker zu vergleichen. Mit anderen Worten: Nicaragua war etwas Besonderes, mit dem man sich gern beschäftigte und was einen von dem engen, grauen Mief in der DDR befreite. Aber die alltägliche Arbeit dieser Gruppen war nicht annähernd so spektakulär wie ihr „Objekt der Begierde“. Überall stieß man an Grenzen: Projekte mit Geld zu unterstützen, war nicht möglich, da die DDR-Mark nicht konvertierbar war. Wollte man statt dessen Pakete schicken, stieß man beim Kauf auf die Mangelwirtschaft. Schickte man Pakete mit zu viel Mangelware, scheiterte man am Zoll. Und zu all dem kam noch die „freundliche Begleitung“ durch die Staatssicherheit.
Doch es war genau diese Ambivalenz zwischen „unseren täglichen Schlag gib uns heute“ und dem noch so beengten und dennoch erweiternden Blick über den Tellerrand hinaus, der die Gruppen existieren ließ. Sie verstanden sich trotz aller Enge und Begrenzung als entwicklungspolitisch Wirkende. Zugleich waren diese Gruppen im Kleinen Praxis- und Erprobungsfelder für Demokratieverhalten und alternative Ansätze für kommunikative, partizipative und emanzipatorische Strukturen. Sie stellten ganz bewusst auch ein Stück Gegenöffentlichkeit in der DDR dar.
Eine solche Arbeit war ohne Unterstützung der Kirchen nicht möglich. Der Staat überließ sowohl die Legitimation der Gruppen als auch die Reglementierung in den meisten Fällen der Kirche. Die nahm diese Rolle an – in Form einer Gratwanderung zwischen Opposition und Anpassung. Mitunter war dabei die innere Zensur größer als die äußere.
Um Anfeindungen in der täglichen Arbeit widerstehen zu können, brauchte man verlässliche Verbündete und musste sich selbst größere Arbeitsstrukturen und -zusammenhänge schaffen. Einer der wichtigsten war INKOTA (Information, Koordination und Tagungen zu Problemen der Zweidrittelwelt). Der Name war Programm: es wurden in der Regel schwer zu beschaffende Informationen besorgt (meist aus oder über den Westen), koordinierte Aktionen gestartet und Tagungen durchgeführt. INKOTA hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Kluft zwischen Basisinitiativen und Administration zu überbrücken. Nicht zuletzt kamen über diese vernetzenden Strukturen auch eine ESG/INKOTA-Delegation 1986 und meine Reise 1989 nach Nicaragua zustande.
Der Großteil der Solidaritätsbewegten der unabhängigen Gruppen aber hatte erst ab 1990, das heißt nach dem Abgang der DDR und nach der Abwahl der Sandinisten in Nicaragua, die Möglichkeit, in das Land „ihrer Träume“ zu reisen – wenn sie es überhaupt noch wollten.
Der Abgang der DDR fand nahezu zeitgleich mit der Abwahl der sandinistischen Regierung statt. INKOTA arbeitet bis heute mit vielen nicaraguanischen Projektpartnern zusammen, auch wenn sich der Fokus der Arbeit während der Jahre verschoben hat. „Nach der Revolution kamen die Frauen“, habe ich diese Entwicklung zusammengefasst, denn wir wandten uns verstärkt den Frauen zu, also dem Teil der Bevölkerung, der in der Revolution zu kurz gekommen war. Politisch waren wir in dieser Neuorientierung unserer Meinung nach nicht von der sandinistischen Revolution weggerückt, im Gegenteil. Wie die Frauen unserer Partnerorganisationen, die sich zwar zunehmend von den sandinistischen Parteistrukturen distanzierten, nicht aber von ihren eigenen revolutionären sandinistischen Wurzeln, so verstanden auch wir inzwischen die beste Art der „Verteidigung von revolutionären Errungenschaften“ darin, zumindest Teilen der armen Bevölkerung durch unsere bescheidenen Mittel der Projektbegleitung die Chancen auf ein besseres Leben und eine emanzipatorische Entwicklung zu ermöglichen.
Dass wir damit nicht so ganz falsch lagen, machte mir das Miterleben des 10. Jahrestages des Frauenzentrums Xochilt Acalt in Malpaisillo im Jahr 2002 deutlich. Mit Sprüchen wie „Wir sind alphabetisiert und haben nun Worte, um unseren Männern zu antworten“ brachten sie zum Ausdruck, worauf sie zu Recht stolz waren und welche Entwicklung sie genommen haben.
Als gelernter DDR-Bürger, Sympathisant und Unterstützer der sandinistischen Revolution, kamen in mir zwei Gefühle hoch: Das hier war das Gegenteil von offiziellen Demonstrationen à la DDR und im Leben dieser Frauen hat zumindest eine „kleine sandinistische Revolution“ stattgefunden.
Aber es waren nicht Revolutionen, sondern die Mühen der Ebenen, die den Projektalltag von INKOTA in erster Linie prägten. Wir mussten lernen, was es heißt, komplexe Strukturen der Ungerechtigkeit und der Armut auch nur ansatzweise mit zu überwinden. Bei diesem Lernen konnten wir uns auch auf westdeutsche Organisationen stützen. Aber es waren nicht nur die deutschen Organisationen, von denen wir viel lernten, sondern vor allem auch die nicaraguanischen. Natürlich geht es zum Beispiel der Stiftung für die integrale Entwicklung der indigenen Frauen von Subtiava Xochilt Acalt bei ihren Bemühungen um eine ökonomische Besserstellung der Landfrauen. Aber die Frauen wissen, dass Entwicklung ganzheitlich sein muss. Deshalb gehören neben den produktiven Projekten beispielsweise Alphabetisierung und Schulausbildung, vorbeugende Gesundheitsversorgung, Ausbildung von Genderbewusstsein, Kultur- und Sportarbeit mit Jugendlichen, Begleitung von sexuell missbrauchten Frauen und politische Kampagnenarbeit zu ihren Programmen.
Dass ausgerechnet unser einstiger Revolutionsheld Daniel Ortega als wiedergewählter Präsident einer pluralistischen Entwicklung der nicaraguanischen Gesellschaft im Wege steht, erscheint vor dem Hintergrund der gemeinsam gemachten Erfahrungen mit der sandinistischen Revolution als ein echter und schmerzlicher Treppenwitz der Geschichte.

Der Artikel setzt sich aus zwei gekürzten Beiträgen des Autors im kürzlich erschienenen Buch Aufbruch nach Nicaragua – Deutsch-deutsche Solidarität im Systemwettstreit zusammen. Herausgegeben von Erika Harzer und Willi Volks // Christoph Links Verlag // Berlin 2009 // 246 Seiten // 19,90 Euro

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