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Blick hinter die Kulissen

Die aktuelle Staffel der spanischen Reality Show Supervivientes: Perdidos en Honduras (etwa: „Überlebende: Gestrandet in Honduras“) wurde von März bis Mai 2014 an 71 Tagen auf den Cayos Cochinos-Inseln gedreht. Prominenteste Kandidatin war Kátia Aveiro, Sängerin aus Portugal und Schwester des Fußballstars Cristiano Ronaldo. Der Privatsender Telecinco produzierte die Show mit hohen Einschaltquoten bereits zum fünften Mal in Honduras auf den Cayos Cochinos, einer Inselgruppe im Karibischen Meer vor der Küste von Honduras. Die Inseln wurden 1993 zum Nationalpark und 2003 zum Nationalen Meeresschutzgebiet (MNMCC) erklärt (siehe Infokasten).
Die Fischgründe des Meeresschutzgebietes werden seit Generationen in Subsistenzwirtschaft von den Garífunas genutzt. Sie fischen mit einfachen Methoden und fangen nur so viel, wie sie für den täglichen Bedarf benötigen.
Gleichzeitig ist für die Garífunas das Meer viel mehr als nur eine Nahrungsquelle. Es ist elementarer Bestandteil ihrer Weltsicht. Crisanto Meléndez, ein Garífuna-Intellektueller, beschreibt dies so: „Das Meer ist Symbol, Ausdruck und Zeuge der Entwurzelung, des Lernens, der Liebe, des Leidens und der Befreiung des Garífuna-Volkes.“
Auch wenn der Honduras Coral Reef Fund (HCRF), dem die Verwaltung des Meereschutzgebietes übertragen wurde, offiziell proklamiert, die Gemeinden in Entscheidungen einzubeziehen, sind die lokalen Fischer_innen zunehmend bedroht von den Fangrestriktionen, die der HCRF zum Schutz der Artenvielfalt im MNMCC erlassen hat.
Um seine Finanzierung zu erhalten, ist der Fund nach dem Rückzug der Society for Ecological Investments, einer privatwirtschaftlichen Gesellschaft für Umweltinvestitionen, Verbindungen mit internationalen Unternehmen eingegangen, vor allem mit ausländischen TV-Gesellschaften. Deren Interessen stehen den propagierten Umweltschutzinteressen entgegen und belasten die ohnehin schon konfliktiven Beziehungen zu den Gemeinden. Der HCRF koordiniert die Logistik der Dreharbeiten vor Ort. „Die Dreharbeiten schaffen Arbeitsplätze in den lokalen Gemeinden und stellen eine kostenlose Werbung für das touristische Ziel Cayos Cochinos in den europäischen Ländern dar, wo die Shows gesendet werden. Der Tourismus ist in der Lage, die sozioökonomische Entwicklung der Gemeinden zu beschleunigen und die Abhängigkeit vom Fischfang zu lösen“, rechtfertigt ein leitender Vertreter des HCRF die Produktion der Shows im Naturschutzgebiet. Keine der Gemeinden verfügt jedoch über die entsprechende Infrastruktur für diese Tourismusform, die mit einem hohen Personal- und Technikaufwand einhergeht. Das Filmteam wurde deshalb 20 Kilometer von der Küstenstadt La Ceiba entfernt im Hotel Palma Real untergebracht, das ehemals zur spanischen Hotelkette Barceló gehörte.
Fünf Gemeindemitglieder wurden vom HCRF für den Transport der Kandidat_innen und des Filmteams innerhalb des MNMCC angestellt. Sie mussten dafür über Boote mit leistungsstarken Motoren verfügen und sonstige Auflagen erfüllen können, wie etwa gültige Papiere und ein Empfehlungsschreiben des patronato, eine Art Gemeinderat. 80 US-Dollar erhielt die Zwei-Mann-Besatzung diesmal pro Schicht – 20 Dollar weniger als in den Vorjahren, „wegen der Wirtschaftskrise in Europa“, rechtfertigte der HCRF die Kürzung. Die Entlohnung entspricht aber immer noch etwa dem doppelten Mindestlohn in Honduras und garantiert ein besseres Einkommen als andere lokale Aufträge. Die Arbeit für den HCRF ist in den Gemeinden deshalb begehrt. Die Garífuna-Gemeinde Río Esteban auf dem Festland blieb jedoch wegen wiederholter Ordnungsverstöße von den Verhandlungen über eine Anstellung im Rahmen der Dreharbeiten ausgeschlossen. Auf diese Weise versucht der HCRF, die Einhaltung seiner Gesetze durchzusetzen.
Auch wenn durch die Dreharbeiten vorübergehend Arbeitsplätze in den lokalen Gemeinden geschaffen werden, bedrohen sie gleichzeitig andere Erwerbsmöglichkeiten, vor allem den Fischfang. Während der Dreharbeiten der Reality Shows werden die maritimen Nutzungsrechte der Garífunas weiter beschränkt und auf andere Meereszonen ausgedehnt: Das Bild von den Gestrandeten auf einer einsamen Karibikinsel soll nicht gestört werden. So dürfen sich die Fischer_innen bestimmten Inseln nicht nähern. Dies betrifft besonders die im Besitz des HCRF befindliche Insel Cayo Paloma, die an die TV-Produktionsgesellschaften verpachtet wird und zu der die Garífunas unter dem Vorwand des Artenschutzes seit der Gründung des Nationalen Meereschutzgebiets keinen Zutritt haben. Die Gewässer um diese Insel werden jedoch von den Fischer_innen zum Fang kleinerer Fische genutzt, die sie als Köder verwenden. Tatsächlich ist Cayo Paloma eine der Inseln, wo je nach Jahreszeit Schildkröten ihre Eier ablegen und Seevögel nisten. Ungeachtet der im Management-Plan festgelegten Ruheperioden hat der HCRF wiederholt die Dreharbeiten während der Reproduktionszyklen genehmigt. „Wir sehen regelmäßig, wie durch die Anwesenheit der Kandidaten und den ständigen Bootsverkehr um die Insel herum ganze Vogelschwärme aufgeschreckt werden“, berichtet eine Bewohnerin Chachahuates.
Für ihren fiktiven Überlebenskampf der Reality Show fangen die Teilnehmer_innen unter den Augen des HCRF sogar Langusten, für die eigentlich Beschränkungen und sogar temporäre Fangverbote gelten. Aufgrund der Bedeutung für die Ernährung sowie des kommerziellen Wertes der Langusten sind die Fischer_innen davon besonders betroffen. Die Einhaltung der Gesetze wird vom HCRF und der honduranischen Marine überwacht, die im Schutzgebiet MNMCC patrouilliert. „Wenn wir gegen die Regeln verstoßen, werden unsere Boote konfisziert und uns somit unsere Existenzgrundlage entzogen“, klagt ein lokaler Fischer. „Aber für die Reichen gelten eigene Gesetze“.
Die TV-Gesellschaft zahlt eine Entschädigung von 1.000 US-Dollar an jede der fünf Gemeinden – ein sehr geringer Betrag angesichts der hohen Einschaltquoten und der Zahl der Gemeindemitglieder, die direkt oder indirekt vom Fischfang leben. Davon behält der HCRF ein Viertel zur Deckung der vor Drehbeginn angefallenen Kosten für Fortbildungsmaßnahmen für die Gemeinden ein. Die Auszahlung des Restbetrages ist an die Umsetzung konkreter Projekte gebunden, was die Autonomie der Gemeinden mindert und ihnen grundsätzlich die Fähigkeit eines verantwortungsvollen Umgangs mit diesen Ressourcen abspricht. Davon abgesehen „sind 750 US-Dollar viel zu wenig, um dringend notwendige soziale Projekte in den Gemeinden voranzutreiben. Wir sind deshalb immer noch auf andere Geldgeber angewiesen“, sagt dazu Benito, Fischer und Aktivist aus der Garífuna-Gemeinde Río Esteban.
Das fehlende soziale Engagement der Fernsehgesellschaften wird auch nicht dadurch aufgewogen, dass sie nach Drehschluss Medikamente und nicht mehr gebrauchte Ausrüstungsgegenstände an die Bevölkerung verschenken. Hier wird deutlich, dass niedrige Produktionskosten, schwache Umwelt- und Arbeiterschutzbestimmungen ebenso wichtige Entscheidungsfaktoren für die Unternehmen darstellen wie die Existenz einer entsprechenden natürlichen Kulisse für diese Art von Reality Show. „Uns wurde versprochen, dass die Dreharbeiten vor allem den Garífuna-Gemeinden nutzen würden. Aber stattdessen werden wir nur für schlecht bezahlte Hilfsarbeiten als Küchenhilfen oder Kabelträger angestellt, obwohl wir in den Gemeinden durchaus über gut ausgebildete Arbeiter verfügen“, kritisiert Benito.
Omar, heute Präsident der Garífuna-Gemeinde von Sambo Creek, erzählt, wie er und andere Gemeindemitglieder für einen Testlauf der Show angeworben wurden. „Wir sollten einige Prüfungen, denen die Kandidaten später gegenüberstanden, nachspielen. Dabei hat man uns gefilmt, ohne uns vorher zu fragen. Dafür hat man jedem von uns zehn Dollar bezahlt.“ Dennoch ist Sambo Creek, wo die Fernsehgesellschaften direkt Personal für die Filmarbeiten rekrutieren, der einzige Ort, in dem die Mehrheit der Meinung ist, dass die Gemeinde von den Reality Shows profitiert habe.
Von La Ceiba aus ist Sambo Creek leicht zu erreichen, und gelegentlich besucht das Produktionsteam in seiner Freizeit die Gemeinde. Zu diesem Anlass finden auch immer wieder Tanzaufführungen statt. Mario, der einen Getränkemarkt in strategisch günstiger Lage mit importierten Spirituosen betreibt, freut sich auf die Ankunft des Filmteams, das oft zum Feiern in sein kleines Dorf kommt. „Meine Landsleute geben nicht viel Geld aus“, erzählt er. „Oft bringen sie ihr eigenes Essen und Getränke mit und lassen den Müll in unserem Dorf zurück. Die Spanier und Italiener kaufen viel ein. Mir sind diese Touristen lieber“.
Trotz der wenigen kollektiven Vorteile für die Gemeinden werden die Reality Shows nicht generell abgelehnt. Die Kritik richtet sich vornehmlich gegen den HCRF, der die Einnahmen für sich behält, weshalb sich die Gemeinden benachteiligt und ausgebeutet fühlen. Aufgrund seines gemeinnützigen Charakters und des Rückzugs insitutioneller Geldgeber sieht sich der HCRF gezwungen, den Zugang zu den Ressourcen des Meereschutzgebietes zu kommerzialisieren, um Schutzprojekte überhaupt erst initiieren zu können. Das Ergebnis ist eine ambivalente Politik: Die Durchsetzung der Umweltschutzrichtlinien ist stark davon abhängig, wessen Interessen betroffen sind. Der HCRF erteilt Konzessionen an ausländische Unternehmen, von denen er finanziell profitiert, und kriminalisiert gleichsam die lokalen Fischer_innen, die er bei Ordnungsverstößen mit harten Strafen belegt. Trotz ihrer traditionellen Nutzungsrechte, der zunehmenden Bedeutung der Reality Shows und der Versprechen des HCRF, die Gemeinden mehr in die Entscheidungsprozesse einzubinden, bleiben sie von den Verhandlungen zwischen den Fernsehgesellschaften und dem HCRF ausgeschlossen.
Auf ironische Art und Weise offenbart der fiktive Überlebenskampf der Reality Shows Parallelen zu der gelebten Realität der Garífunas in der Vergangenheit, als sie 1797 von den britischen Kolonialherren auf die lebensfeindlichen Inseln deportiert wurden. Und er beeinflusst im großen Maße ihre Überlebensstrategien in der Gegenwart. Die Aussage des HCRF, der in den Reality Shows eine kostenlose Werbung sieht, mag richtig hinsichtlich der Entwicklung der Besucher_innenzahlen sein; die sozialen und ökologischen Kosten aber lässt er außer Acht. Sie übersteigen zunehmend die positiven ökonomischen Effekte der Reality Shows für den HCRF und die Gemeinden.

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