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Boxliteratur

Die Literatur, begriffen als Kunst, geht einen Kompromiss mit der Sprache ein – und nicht etwa mit der Wahrheit. Wir begegnen literarischen Werken nicht in der Absicht, die Wahrheit zu erfahren – obwohl viele von ihnen uns der Realität näher zu bringen vermögen als manche wissenschaftliche Abhandlung –, sondern um anderen Welten, Figuren und Ansichten zu begegnen. Die Literatur erlaubt uns, die Welt mit den Augen des Verrückten, des Mörders, des Exzentrikers, des Helden oder des Genies zu sehen. Außerdem: wen interessiert schon ein gewöhnlicher Erzähler oder Protagonist?
Orlando Malacara, Erzähler und Hauptfigur von Malacara, dem jüngsten Roman Guillermo Fadanellis, ist ein randständiger Schriftsteller, dessen großer Wunsch es ist, mit zwei Frauen gleichzeitig zu leben und einmal in seinem Leben ohne Motiv zu morden. Während der 49 kurzen Kapitel, in die der Roman aufgeteilt ist, erzählt Malacara ungeordnet Episoden aus seinem Leben. Die Erzählung gibt sich einer eigensinnigen Erinnerung hin, die dazu tendiert, abzuschweifen, einem Gedächtnis, das von Drogen und Alkohol heimgesucht wird.
Malacara lebt in einem anständigen Stadtviertel weit entfernt vom Martyrium der Armut. Und obwohl er nicht, wie viele andere Figuren Fadanellis, in einem marginalen Viertel wohnt, erlebt er Mexiko-Stadt als eine stickige, feindselige, gewalttätige Metropole: „Ich betrachte meine Stadt als den seltenen Fußtritt, der einem am Boden liegenden Körper verpasst wird.“ Orlando Malacara verlässt die Megalopolis: er begibt sich nach Tijuana, reist nach Porto und Lissabon, aber seine Verbitterung bleibt unverändert bestehen. Mexiko-Stadt hat ihn für immer geschädigt: „Ich trug den Geist der Stadt mit mir herum wie jemand sein fortgeschrittenes Krebsgeschwür mit sich schleppt, das kein Arzt behandeln möchte […].“
Während des kurzen aber intensiven Romans wirft der Erzähler mit Urteilen um sich, deren Kürze sie manchmal in schlagkräftige Aphorismen verwandelt. Fadanelli, der sich selbst als gescheiterten Boxer bezeichnet, verwandelt die Literatur in einen Ring, in dem die Sprache dazu dient, knock outs zu verteilen: an die Politiker, die Mächtigen, die Ärzte, die gesamte Menschheit. Der Roman hält die LeserInnen durch die Schlagkraft seiner Sprache und seinen beißenden Humor gefangen. Die Denksprüche des Erzählers stechen durch ihren Scharfsinn hervor, doch vereinfachen, deformieren und karikieren sie die Realität auch oft.
Zwischen Autor und Erzähler bestehen einige biographische Parallelen: beide brechen die Universität ab, beide sind Waisen und kinderlos. Außerdem teilt Fadanelli, wie er in einem Interview gesteht, einige Obsessionen seiner Figur: „Das feminine Universum, die Stadt, das kurzlebige Vergnügen und die menschliche Dummheit.“ Beide bedienen sich des Schreibens als Provokation, aber dem Autoren Fadanelli fehlt es im Unterschied zu seiner Figur nicht an Sympathie und er verfügt über noch mehr Sinn für Humor. So wäre es auch ein Fehler, Autor und Erzähler gleichzusetzen. Fadanelli selbst drückt es folgendermaßen aus: „… in der ersten Person zu schreiben, ist eine gute Art, sich zu verstecken, denn der Lärm, den du um dich herum erzeugst, bildet letztendlich einen Vorhang aus Rauch, der dir erlaubt, durch die Hintertür zu entwischen.“
// Übersetzung: Inga Opitz

Guillermo Fadanelli: Malacara, Anagrama, Barcelona 2007, 193 Seiten, 15,38 Euro // In deutscher Sprache ist von Guillermo Fadanelli bisher der in Mexiko-Stadt spielende Roman Das andere Gesicht Rock Hudsons bei Matthes und Seitz (2006) erschienen, 16,80 Euro.

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