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Bulldozer und Blockaden

Bis zu einem Meter hoch wird das Brennholz zu einer Blockade gestapelt. Mehrere Dutzend Frauen und Männer packen mit an und stellen sich in einer Reihe hinter die errichtete Blockade, die den Bulldozer aufhalten soll. Dann rufen die Protestierenden die Polizei an, um die Aktion zu dokumentieren und die Anschuldigungen der Gemeinschaft zu protokollieren. Die Polizei läßt allerdings auf sich warten. Erst als das Raupenfahrzeug komplett von aufgeschichtetem Brennholz umgeben ist, Benzinkanister herbeigeschafft sind und damit gedroht wird, das Fahrzeug in Brand zu stecken, taucht die Polizei auf und nimmt den Vorfall zu Protokoll. Das empate, wie diese Form der friedlichen Blockaden in Brasilien heißen, ist damit erfolgreich beendet.
Ende September haben die BewohnerInnen der kleinen Gemeinschaft Raiz im Norden des Bundesstaates Minas Gerais ein erfolgreiches empate gegen den Eukalyptuskonzern REPLASA durchgeführt. Dieser wollte seine Eukalyptusplantagen abholzen, um erneut zu pflanzen. Doch dagegen setzen sich die BewohnerInnen zur Wehr. Die Gemeinschaft hat sich nach langen internen Debatten entschlossen, Widerstand gegen die Eukalyptuskonzerne zu leisten. „Raiz ist von Eukalyptus eingepfercht und die Gemeinschaft hat alle Rechte, sich gegen die andauernde Zerstörung zu wehren“, beschreibt der Gewerkschaftssekretär Eliseu Oliveira des Munizips Alto Rio Parto die Situation.
Scheinbar endlose Forstplantagen aus Eukalyptus erstrecken sich kilometerweit. Die Ausweitung dieser Eukalyptusplatagen ist eine der Prioritäten der brasilianischen Bundes- und Landesregierungen. Unter staatlicher Entwicklungspolitik wurde in Brasilien seit der Kolonialzeit immer eine möglichst maximale Ausbeutung der Naturressourcen verstanden. Besondere Verschärfung fand diese Politik in der Zeit der Militärdiktatur. Aber auch die nachfolgenden demokratisch legitimierten Regierungen, bis zur heutigen Regierung Lula, stehen in dieser Tradition.
Auch die Hochebenen des etwa zwei Millionen Quadratkilometer großen zentralen brasilianischen Cerrado, der artenreichsten Savanne der Erde, sind von diesem Entwicklungsmodell betroffen. Das zum größten Teil staatliche Land wurde in den 1980er Jahren zunächst als unproduktiv klassifiziert und dann an Forstkonzerne für etwa 25 Jahre verpachtet, die den Cerrado abholzten und Eukalyptusmonokulturen anpflanzten.
Die hochproduktiven Eukalyptusbäume, mit einem Produktionszyklus von nur sieben Jahren, verursachen mit ihren tiefen Wurzeln verheerende ökologische Folgen: Der Artenreichtum verschwindet und der Grundwasserspiegel sinkt, wodurch Bäche und Flüsse austrocknen. Dort wo die Bäche und Flüsse noch Wasser führen, sind sie oftmals durch die eingesetzten Pestizide und durch Verschlammung auf Grund von Erosionen in den Quellgebieten stark belastet. Abnehmerin des Eukalyptusholzes im Norden von Minas Gerais ist die Eisen- und Stahlindustrie, die das unter stark gesundheitsbelastenden Bedingungen zu Holzkohle geköhlerte Eukalyptusholz als Energierohstoff nutzt.
Das vom Staat zu eher symbolischen Preisen an die Eukalyptuskonzerne verpachtete Land ist jedoch traditionelles Allmendeland der Geraizeirogemeinschaften gewesen. Geraizeiros ist die Eigenbezeichnung der Bevölkerung, die die Hochebenen des Cerrado (die so genannten gerais) seit Generationen besiedeln. Sie haben spezifische kulturelle Ausdrucksformen, was sich u.a. in ihrem Liedgut spiegelt und eine seit Generationen entwickelte Wirtschaftsweise, die an die besonderen Bedingungen der gerais angepasst ist.
Die Hochebenen sind traditionelles Sammelgebiet für Früchte, Brennholz und Medizinalpflanzen. Zudem dienen sie als Jagdgebiete und als Weidefläche für die kleinen Rinderbestände. Die Häuser der Geraizeiros liegen in der Regel in den eingeschnittenen Tälern der Abflüsse aus den Hochplateaus. Um ihre Häuser befindet sich ein mit vielen Fruchtbäume bepflanzter Hausgarten. Ihre großen Gärten befinden sich stets in der Nähe der Bachläufe. Landwirtschaft betreiben sie auf entfernteren Flächen, dort werden vor allem Mais, Maniok und Bohnen angebaut. Die Bäche und Flüsse bereichern den Speiseplan mit Fisch.
Ein großer Teil dieser wirtschaftlichen Tätigkeiten ist nach der Rodung des Cerrado und der Anpflanzung von Eukalyptus nicht mehr möglich. Die Hochebenen sind für Sammelwirtschaft, Jagd und als Weideland nicht mehr nutzbar, die Gartenwirtschaft an den Bächen muss auf Grund des verschmutzten oder fehlenden Wassers aufgegeben werden, und auch der Fischbestand ist aus den Gewässern verschwunden. In vielen Familien gibt es zeitweilig regelrechten Trinkwassermangel. „Es gab Nächte, da weinten die Kinder vor Durst, aber wir hatten kein Trinkwasser. Mein Mann musste es in der Nacht von weit her holen, um den Durst der Kinder zu stillen“, erzählt Dona Elisa aus Vereda Funda, einer Nachbargemeinde von Raiz, die das empate in Raiz mit unterstützte. Geblieben sind ihrer Familie nur eine stark reduzierte Landwirtschaft und die Hausgärten. Einzelne Familienhöfe und auch ganze Gemeinschaften sind regelrecht umzingelt von Eukalyptusplantagen. Infolge dessen wandern viele Familien dauerhaft ab. Und die wenigen, die noch bleiben, müssen sich saisonal zur Kaffee- und Zuckerrohrernte im Süden des Bundesstaates verdingen.
Die Gemeinde Raiz folgte mit ihrem empate dem Beispiel der Nachbargemeinschaft Vereda Funda, der es bereits 2006 gelang, das Territorium der Gemeinschaft durch verschiedene Aktionen und schließlich einer Landbesetzung zurückzuerobern. Die Gemeinschaften versuchen dabei eine besondere Situation zu nutzen. Die in den 1980er Jahren abgeschlossenen Pachtverträge laufen aus, und die Gemeinschaften wollen eine Verlängerung oder neue Pachtverträge verhindern. Allerdings verweigern die staatlichen Behörden die Offenlegung der Verträge. „Es ist ein Skandal, dass dieses zentrale Anliegen der Gemeinschaften für die Zivilgesellschaft vollkommen intransparent ist!“, schimpft Carlinhos Dayrell von der Nichtregierungsorganisation Zentrum für alternative Landwirtschaft in Nordminas CAA.
Die Behörden verweigern den Gemeinden weiterhin Einblick in die Rechtslage, so bleibt auch die große Unsicherheit über den juristischen Status bestehen. Aber die Gemeinde von Raiz hat zu Beginn des Jahres reagiert. Die BewohnerInnen haben eine Autodemarkation durchgeführt, d.h. eine selbst durchgeführte Abgrenzung und Kartierung ihres traditionell genutzten Territoriums. Diese Aktionsform greift eine von Indigenen in Amazonien entwickelte Aktionsform auf. Die von den BewohnerInnen Raiz‘ erstellten Karten wurden den Behörden übergeben. Laut brasilianischer Rechtslage bedeutet dies aber nun, dass die Eukalyptusfirmen ohne erneute Genehmigung der Umweltbehörden, die nun die Forderungen der Gemeinschaft berücksichtigen muss, in diesem Gebiet keinen Eukalyptuseinschlag und schon gar keine Neupflanzungen vornehmen können. Genau dies aber wird von dem Unternehmen REPLASA mit einer mehr als zweifelhaften Genehmigung in Raiz versucht. Álvaro Carrara, Mitarbeiter des CAA, der die Gemeinschaft und die Situation gut kennt, beurteilt dies so: „Die hier vorgelegte Genehmigung entbehrt jeglicher Grundlage.“ Nachdem schon tagelang abgeholzt wurde, hatte sich die Gemeinschaft dann entschlossen, das empate durchzuführen. Die Gemeinschaft stellte sich den Kettenfahrzeugen entgegen, die in ihrem Territorium agieren. Mit tatkräftiger Unterstützung von Nachbargemeinschaften, der Landarbeitergewerkschaft des Munizips, der CAA und der Landpastorale CPT wurde das Raupenfahrzeug erfolgreich blockiert und vom Territorium von Raiz verwiesen.
Für die nächsten Wochen dürfte mit dem erfolgreichen empate ein erneutes Eindringen in das Territorium der Gemeinschaft zunächst verhindert sein. Eine langfristige Entscheidung zugunsten der Gemeinschaft Raiz ist damit aber noch lange nicht gefallen. Die Auseinandersetzungen dürften sich in Zukunft verschärfen.
Der Widerstand von Raiz steht beispielhaft für die traditionellen Gemeinschaften Brasiliens, die sich zunehmend artikulieren, bisher aber vergleichsweise wenig Beachtung fanden. Seit Jahrzehnten wird national und international die Bedrohung der Indigenen verfolgt und deren Kampf um ihre territorialen Rechte mit großer Solidarität begleitet. Parallel findet der Kampf der Landlosenbewegung MST national wie international Beachtung. Beides zweifelfrei absolut gerechtfertigte Bewegungen. Neben diesen gab es aber stets auch eine traditionelle Bevölkerung in den verschiedenen Regionen, die nicht als eigenständige soziale Gruppe wahrgenommen wurde, weil deren spezifische Identität und Historie kaum artikuliert war. Die einzige Gruppe der traditionellen Gemeinschaften, die deutlich wahrnehmbar wurde, sind die Kautschukzapfer Amazoniens. Ihnen war es in den 1980er Jahren vor allem im Bundesstaat Acre gelungen, ihre kollektive Identität und Historie nach innen und außen zu vermitteln. Ihr Kampf hat mit der Ausweisung von Sammelgebieten große Erfolge zu verzeichnen. Sehr viel weniger bekannt, aber immerhin noch wahrnehmbar, sind die Kämpfe der Flussanwohner, der Ribeirinhos, in Amazonien und der der Sammlerinnen der Babaçu-Nuss in Zentralbrasilien. Eine besondere Rolle nehmen inzwischen auch die Quilombolas, Nachkommen entflohener Sklaven, ein, denen von der Verfassung Landrechte garantiert werden. Diese Gruppen sind weder Indigene, noch gehören sie zur Landlosenbewegung. Wahrnehmbarer als Gruppe wurden sie durch die Artikulierung ihrer spezifischen Identitäten und ihren – vergleichbar den Indigenen – historisch gewachsenen Beziehungen zu ihren Territorien, die sich unter anderem in ihrer nachhaltigen Wirtschaftsweise zeigt.
Die Geraizeiros im Norden von Minas Gerais sind eine der Bevölkerungsgruppen, die in jüngerer Zeit begonnen haben, sich als traditionelle Gemeinschaften zu artikulieren. Die Konflikte dieser Gruppe sind seitdem sichtbarer. Das empate der Gemeinschaft Raiz bezeugt dies. Die Geraizeiros arbeiten auch in der „Nationalen Koordination der traditionellen Völker und Gemeinschaften“ mit, die 2006 mit Unterstützung der Regierung eingerichtet wurde. Obwohl die gemeinsame Artikulation, auf Grund der Unterschiedlichkeit der verschiedenen traditionellen Gruppen in Brasilien, eher langsam geschieht, ist es ein beachtlicher Fortschritt, dass eine solche nationale Koordination die Interessen der traditionellen Bevölkerungsgruppen artikuliert.
Die Erfahrung von Raiz zeigt auch die beginnende Artikulation der Bevölkerung eines ganzen Ökosystems. Die ursprüngliche Cerradovegetation ist durch Rinderweiden, Soja-, Eukalyptus- und andere Monokulturen, durch Bergbau und Stauseen nach offiziellen Angaben zu 48,2 Prozent verschwunden. Mit über 21.000 km² jährlicher neuer Abholzungsfläche (über ein Prozent der ursprünglichen Cerradovegetation), wäre bei diesem Tempo der ursprüngliche Cerrado in einigen Jahrzehnten verschwunden. Mit dem Verschwinden der ursprünglichen Vegetation verschwinden auch die traditionellen Bevölkerungsgruppen, die auf sie angewiesen sind.
Von der internationalen Ökologiebewegung fühlen sich die Organisationen im Cerrado derzeit vergleichsweise übergangen. Ein Moratorium der Ausweitung der Sojaanbaugebiete in Amazonien bedeutete für sie, dass die Expansion der Sojaflächen nun verstärkt im Cerrado stattfindet. Es verwundert daher nicht, dass solche Moratorien mit eher gemischten Gefühlen im Cerrado wahrgenommen werden.
Und schließlich ist die Aktion von Raiz auch einzurordnen in den Kampf gegen zerstörerische Forstplantagen, wie er sich weltweit artikuliert. Eine kurzsichtige Klimadiskussion könnte diese Auseinandersetzungen sogar noch verschärfen. Denn Eukalyptusmonokulturen sind ökologische und soziale Katastrophen, aber die Biomasse pro Hektar einer solchen Plantage übersteigt die Biomasse der ursprünglichen Cerradovegetation. Dies bedeutet auch einen größeren Kohlenstoffspeicher. Obwohl es geradezu verrückt erscheint, ist es bei weitem nicht ausgeschlossen, dass im Rahmen der Klimaverhandlungen weitere Forstmonokulturen im Cerrado vom internationalen Kohlenstoffzertifikatshandel profitieren könnten. Einige Zertifizierungen von Eukalyptusplantagen durch das FSC sind schon erfolgt. Unter anderem war im Norden von Minas Gerais eine Monokultur von Vallourec Mannesmann zertifiziert worden, die allerdings nach der Ermordung des Geraizeiro Antonio Joaquim dos Santos im Jahre 2007 wieder aberkannt wurde – allerdings, weil die französische Firma Vallourec angesichts der zunehmenden Proteste lieber auf das FSC-Zertifikat verzichtete.
Wenn der Blick aufs Klima dazu führt, einzig den CO²-Speicher zu betrachten, dann werden die Klimadebatte und Ökologiedebatte an dieser Stelle auseinanderbrechen. Eine solche Entwicklung könnte die Umwandlung des Cerrado zum Kohlenstoffmülleimer der Welt einleiten. Auch wenn eine solche klimakritische Debatte im Cerrado derzeit noch nicht geführt wird, kann unterstellt werden, dass sich traditionelle Gemeinschaften im Cerrado auch dagegen zur Wehr setzen werden.

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