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Chaos auf der Baustelle

Valcke sprach mit seiner Kritik nur unverblümt das aus, was viele auch in Brasilien dachten. Die Reaktionen fielen dennoch heftig aus: Die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff bezeichnete die Anschuldigungen als „schwerwiegende Beleidigung“, und Sportminister Aldo Rebelo erklärte, ihn als Gesprächspartner fortan nicht mehr anzuerkennen. Daher musste sich Valcke zu einer Entschuldigung aufraffen – allerdings nicht, ohne darauf hinzuweisen, er sei falsch übersetzt worden. Auf Französisch bedeute die mit „Tritt in den Hintern“ übersetzte Redewendung lediglich, dass der „Rhythmus beschleunigt“ werden solle. Rebelo akzeptierte zwar offiziell die Entschuldigung. Valcke sagte seine für Mitte März geplante Brasilienreise trotzdem ab. Ob der Generalsekretär weiterhin Ansprechpartner für das brasilianische Organisationskomitee bleiben wird, blieb auch nach einem persönlichen Gespräch zwischen FIFA-Präsident Blatter und Präsidentin Rousseff Mitte März noch unklar.
Doch die atmosphärischen Störungen zwischen Ausrichter und Weltverband waren nur die Spitze des Eisbergs. Ungeachtet seiner Entgleisung im Tonfall hatte Valcke nämlich in einer Sache Recht: Brasilien hängt weit hinter dem Zeitplan zurück. Würde morgen die WM beginnen, könnte in keinem einzigen WM-Stadion gespielt werden, da überall noch gebaut wird. Ernsthafter Grund zur Panik besteht jedoch (noch) nicht: Die Erfahrung aus Südafrika zeigt, dass die Anstrengungen im Stadionbau stark hochgefahren werden, je näher ein WM-Turnier rückt.
Dennoch sind die Probleme, die es in Brasilien bis 2014 zu lösen gilt, vielfältig und ernst. Zu einem gewissen Teil hängt dies auch mit der Organisationslogik der Veranstaltung Fußball-WM und dem Selbstverständnis der FIFA zusammen. Denn während exklusive Marketingverträge und Nutzungsrechte die Bankkonten des Weltverbandes auch in zwei Jahren voll machen werden, liegt das Risiko vollständig beim Ausrichterland. So verwundert es nicht, dass das Feilschen um die von der FIFA geforderten finanziellen Garantien zwischen privaten Investoren aus der mächtigen Baubranche und dem brasilianischen Staat momentan viel Zeit und Energie in Anspruch nimmt. Der Bau des neuen Itaquerão-Stadions in São Paulo – Schauplatz der WM-Eröffnung – wackelte aus diesem Grund bis vor kurzem bedenklich. Zudem war in Porto Alegre ein Machtwort von Präsidentin Rousseff notwendig, um den Anteil der privaten Baufirma an der geforderten Garantie sicherzustellen. Beide Stadien, die eigentlich als Austragungsorte für den Confederations Cup 2013 eingeplant waren, fallen für diese Generalprobe ein Jahr vor dem Ernstfall bereits sicher aus.
Aber nicht nur die finanziellen Forderungen der FIFA machen Brasilien aktuell zu schaffen. Der Fußball-Weltverband erwartet vom Ausrichter einer Weltmeisterschaft die Einhaltung eines minutiösen Reglements mit strengen Richtlinien. Nach langem Hin und Her beschloss das brasilianische Parlament am 29. März dieses im sogenannten „WM-Rahmengesetz“. Gegen das umstrittene Gesetz regt sich allerdings seit geraumer Zeit Widerstand. Die Verabschiedung des für die Durchführung der WM unbedingt notwendigen Erlasses wurde aus unterschiedlichen Gründen immer wieder vertagt. Ein Streitpunkt war dabei der Ausschank von alkoholischen Getränken im Stadion. Dieser ist in Brasilien über das sogenannte „Fan-Statut“ eigentlich strikt verboten. Exklusivverträge sichern dem Marketingpartner der FIFA, einer US-amerikanischen Brauerei, jedoch den Ausschank bei WM-Turnieren zu. Schließlich einigte sich das brasilianische Parlament nach langen Verhandlungen darauf, das Fan-Statut für Confederations Cup und WM außer Kraft zu setzen. Allerdings war diese Regelung nur zwölf Stunden vor ihrer Verabschiedung von den Abgeordneten noch abgelehnt worden. Vicente Cândido, Sprecher der Kommission für das WM-Gesetz, kommentierte die chaotischen Zustände hinterher entnervt mit den Worten, man bräuchte wohl „Psychiater, Psychologen und Neurologen, um zu verstehen, was hier passiert“. Das letzte Wort darüber ist aber noch nicht gesprochen. Denn die neue Regelung erlaubt den Alkoholausschank nur in sieben der zwölf brasilianischen Bundesstaaten, in denen WM-Spiele stattfinden. In den restlichen fünf Staaten (nicht inbegriffen sind unter anderem São Paulo und Rio de Janeiro) müssten Landesgesetze geändert werden. Sportminister Rebelo vertritt zwar die Auffassung, die Regelung sei allgemein gültig, da Landesgesetze den Bundesgesetzen untergeordnet seien. Sollten die betroffenen Bundesstaaten dies allerdings anders sehen, müsste die FIFA gegebenenfalls mit jedem einzelnen von ihnen neu verhandeln.
Neben der Alkoholdebatte verzögerten auch Meinungsverschiedenheiten über die verbilligte Abgabe von Eintrittskarten an einkommensschwache Bevölkerungsgruppen das Inkrafttreten der WM-Gesetz. Die Hochpreispolitik der FIFA machte bereits in Südafrika nicht-privilegierten Menschen den Besuch eines WM-Spiels fast unmöglich. Immerhin konnte die brasilianische Regierung hier einen Kompromiss aushandeln: Es werden zwar nicht – wie ursprünglich angedacht – Ticketkontingente zum halben Preis an heimische Fans ausgegeben. Dafür sollen nun aber zehn Prozent der Eintrittskarten (etwa 300.000) der Kategorie 4 zum Preis von umgerechnet 25 Dollar unter brasilianischen Rentner_innen, Studierenden und Familien, die vom Förderprogramm Bolsa Familia unterstützt werden, aufgeteilt werden. Ein Prozent der Eintrittskarten ist für Menschen mit Behinderungen vorgesehen.
Um den wichtigsten Streitpunkt machte das Parlament allerdings noch einen großen Bogen: die Einführung eines neuen Waldgesetzes im Zuge der WM-Vorbereitungen. Das vorgesehene Gesetz könnte es zukünftig möglich machen, in Umweltschutzgebieten Abholzungen durchzuführen. Dabei geht es speziell um einen Passus, nach dem die natürliche Vegetation entfernt werden kann, wenn ein „soziales Interesse“ vorliegt – und darunter fallen unter anderem „öffentliche Infrastrukturmaßnahmen für Sport-, Freizeit- und Kulturevents in städtischen und ländlichen Regionen“. Sollte das Gesetz in der aktuellen Form verabschiedet werden, droht ein Freibrief zur Abholzung in Umweltschutzgebieten im Namen der „Copa“ oder der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro 2016. Auch würde der Código Florestal Verbote für Baugenehmigungen im Bereich abschüssiger Hänge mit einer Neigung von mehr als 45 Grad und auf dem sehr instabilen Boden von Mangrovengebieten aufheben. Pedro Henrique Santin Brancalion, Professor für Forstwirtschaft an der Universidade de São Paulo (USP), sieht deswegen in dem Gesetzentwurf eine andere Gefahr: „Wenn an so abschüssigen Hängen gebaut wird, kann es in der Regenzeit zu Erdrutschkatastrophen mit verheerenden Folgen kommen wie vor kurzem im Bundesstaat Rio de Janeiro.“
Zumindest konnte nun – auch wegen des großen Widerstandes von Umweltschutzgruppen – erreicht werden, dass die Abstimmung über den Código Florestal aus dem WM-Gesetz vorerst ausgegliedert und auf Ende April verschoben wurde. So bleibt den Aktivist_innen noch etwas Zeit, um die Öffentlichkeit zu informieren und in Protestaktionen einzubinden.
Diese Möglichkeit ist vielen Einwohner_innen einkommensschwacher Viertel aus den Zentren der WM-Städte schon jetzt nicht mehr vergönnt: Ihre Häuser wurden und werden einfach abgerissen – häufig, ohne dass sie vorher gefragt wurden. Bis zu 170.000 Menschen müssen nach Schätzungen von Raquel Rolnik, UNO-Sonderbeauftragte für angemessenes Wohnen, ihre Häuser und Wohnungen aufgrund von Bauvorhaben für das Großevent räumen. „Die WM wird als Vorwand benutzt, um die Stadtplanung ohne Studien und ohne Befragung der Bürger zu verändern“, kritisiert Rolnik. In Porto Alegre soll beispielsweise ein ganzes Viertel mit 3.500 Bewohner_innen abgerissen werden. Wenn es nach Ana Maria Pellini, der WM-Beauftragten von Porto Alegre geht, muss dort auch nicht nachgefragt werden: „Diese Familien wohnen jetzt in schäbigen Häusern. Von uns bekommen sie schönere. Warum sollten sie nicht umziehen wollen?“
Es ist zu befürchten, dass sich undemokratische Vorgehensweisen wie diese im Zuge der WM-Vorbereitungen in den nächsten zwei Jahren häufen werden. Denn die Zeit drängt in Brasilien. Eine Blamage bei der Organisation der Copa wäre eine Katastrophe für das Image des Landes, das in den nächsten Jahren auch durch die Organisation von Großevents (u. a. stehen noch die Rio+20-Konferenz 2012 und die Olympischen Spiele 2016 an) endgültig zum politischen Global Player aufsteigen will. Zu starkes Pochen auf soziale und ökologische Faktoren könnte da schnell zum unliebsamen Hindernis werden.

// Dominik Zimmer

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