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Chronik eines gewaltsamen Verschwindens

In manchen Filmen liegt vom ersten Augenblick an ein Hauch von Trauer, von mühevoll unterdrückter Verzweiflung in der Luft. Ein Gefühl der Ausweglosigkeit drückt die ZuschauerInnen in die komfortablen Kinosessel, während sie tatenlos verfolgen müssen, wie auf der Leinwand Menschen fliehen, bangen und ums Überleben ringen. Und von der ersten bis zur letzten Sekunde ist klar, dass es wohl kein Entrinnen, keinen sicheren Ort geben wird.
Der argentinische Film Kamtschatka, der 1976 unmittelbar nach dem Militärputsch spielt, ist so eine Chronik eines erahnten Todes, oder vielmehr eines erahnten gewaltsamen „Verschwindens“. Zwei linke AktivistInnen, verkörpert von Cecilia Roth (“Alles über meine Mutter”) und Ricardo Darín (“Der Sohn der Braut“) müssen mit ihren zwei kleinen Söhnen schlagartig untertauchen. Der Kompagnon des Mannes, der ein Anwaltsbüro betreibt, ist von den Militärs verhaftet worden. Und nichts ist wahrscheinlicher, als dass sie die Nächsten sind. Hastig werden die Kinder ins Auto verfrachtet, und ab geht’s aufs Land, wo sie hoffen, in einem verlassenen Landhaus sicher zu sein. Dort angekommen, sollen die Kinder als Erstes üben, sich schnell in die Büsche im Garten zu schlagen. Und beim Abendessen verkündet der Vater, dass sie ab sofort einen neuen Namen haben: „Ab heute sind wir die Vicentes.“ Die Jungen finden dies komisch – noch.
Im Gegensatz zu anderen Filmen über die Zeit der Diktatur in Argentinien wählt „Kamtschatka“ die Perspektive eines Kindes, des zehnjährigen Harry. Mit genauem Blick für intime Details beschreibt er die Dynamik einer Familie auf der Flucht, erzählt von Nähe und Zärtlichkeit, aber auch von rücksichts- oder angstvollem Verschweigen. Die Aktivitäten der Eltern, die anfangs noch nach Buenos Aires pendeln, um diversen beruflichen – wer weiß, vielleicht auch politischen – Angelegenheiten nachzugehen, bleiben Harry ein Rätsel. Die Macht, die den privaten Mikrokosmos bedroht, ist lediglich in Form von Soldaten präsent, die mit Maschinengewehren am Straßenrand stehen und die klapprige Familienkutsche unbehelligt durchfahren lassen.
Harry scheint zunächst nicht so recht zu wissen, ob dies alles ein Abenteuer ist oder ob hinter dem sonderbaren Gebaren der Eltern eine existenzielle Bedrohung steckt. Er sehnt sich nach seinen Freunden in Buenos Aires. Andererseits zieht ihn das Landhaus mit seinem verwilderten Garten in den Bann. Irgendjemand hat in einem Schrank ein Buch liegen lassen. Die fantastische Geschichte von Houdini, einem Magier und Entfesselungskünstler, packt Harry von der ersten bis zur letzten Seite. Und dann taucht da noch bei Nacht und Nebel ein junger Mann auf, der ebenfalls auf der Flucht ist.
Bereits der letzte Film von Marcelo Piñeyro, das desparate Gangsterdrama Plata quemada (Verbranntes Geld), der in Deutschland leider nur auf Festivals zu sehen war, drehte sich um Menschen auf der Flucht. In Plata quemada flüchten Kleinganoven nach einem blutig verkorksten Überfall auf einen Geldtransporter von Versteck zu Versteck und verrennen sich dabei äußerlich und innerlich immer hoffnungsloser, bis letztlich nur die Flucht in den gewaltsamen Tod bleibt. Im Gegensatz zu Plata quemada ist die Gewalt in Kamtschatka eher unterschwellig präsent. Die Farben sind mit einem fahlen Schleier überzogen, der Himmel trist verhangen, und im modrigen Wasser des Schwimmbassins im Garten ertrinkt heimlich, still und leise ein Frosch nach dem anderen. Und morgens bleibt den Kindern dann nichts anderes, als ihre Kadaver aus dem Wasser zu fischen. Fast scheint es, als gehörten Harry und seine Familie zu den wenigen Überlebenden einer unfassbaren Katastrophe.
Kein Ausweg nirgends? Immer wieder gibt es kleine Ausbrüche von Unbeschwertheit, zum Beispiel, wenn eine Melodie aus dem Plattenspieler Erinnerungen an eine andere, freiere Zeit zum Klingen bringt. Dann wieder gerät sogar eine profane Brettspiel-Partie zum symbolischen Akt: Was kann man tun, wenn einem beim „Risiko“-Spielen als Letztes nur noch ein entlegener Flecken Erde – sagen wir mal die Halbinsel Kamtschatka – bleibt? Gibt man sich geschlagen oder kämpft man weiter? Die Antwort des Films ist mehr als deutlich: Leben ist, wenn man trotzdem kämpft.

Kamtschatka (Kamchatka, Regie: Marcelo Piñeyro, Drehbuch: Marcelo Figueiras; Argentinien/Spanien 2002; Farbe, 110 Minuten. Der Film ist auf der Berlinale (6. bis 16. Februar 2003) im Panorama zu sehen.

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