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Darf ich bekanntmachen…

Die frisch erschienene Anthologie „Andere Länder, andere Zeiten“ ist eine Ansammlung literarischer Visitenkarten. Entstanden im Rahmen von INTERLIT 4, den Internationalen Literaturtagen, die in der ersten Oktoberhälfte 1997 in Nürnberg, Erlangen und Berlin veranstaltet wurden, versammelt das Buch Texte von 32 Autorinnen und Autoren der gesamten „Dritten Welt“.

Keine DebütantInnen

Enthalten sind – von wenigen Ausnahmen wie dem 1974 geborenen Chilenen Luis Miranda abgesehen – keine DebütantInnen, sondern SchriftstellerInnen, die in ihren Ländern bereits volle Anerkennung genießen. Ihnen ist aber auch gemein, daß sie hierzulande – wiederum abgesehen von den Ausnahmen Derek Walcott, V.S. Naipaul und Wole Soyinka – kaum einem breiteren Publikum bekannt und nur spärlich übersetzt sind, woraus folgt: Wir halten ein Buch in den Händen, in dem heute nachzuschlagen und vorzukosten ist, wer morgen gelesen werden wird.
Aus dem spanischsprachigen Amerika sind vertreten: der erwähnte Luis Miranda und Magali García Ramis (Puerto Rico), Ana Teresa Torres (Venezuela) und Mario Delgado Aparaín (Uruguay), Carlos Franz (Chile) und Teresa Porzecanski (Uruguay) sowie Ana María Shua (Argentinien). Daneben einige englisch- und französischsprachige Kariben, aber kein Brasilianer – und viele afrikanische und asiatische AutorInnen. Es wäre müßig, einzelne Texte genauer vorzustellen, denn wo sollte ich anfangen? Das Buch dürfte für jeden Gernleser Lustvolles und Herausforderndes bereithalten; zudem ist jedem Text eine Seite vorangestellt, die prägnant über die jeweiligen AutorInnen informiert, kurz: ein empfehlenswertes Buch.

Sätze wie Samenkörnchen

Müßigkeit hin oder her, einen Beitrag habe ich mir – streng subjektiv – dick angekreuzt: „Jeden Sonntag“ von Magali García Ramis. Mich hat bereits der erste Satz gefesselt: „Keiner von uns ist jemals gestorben, also muß ich nein sagen.“ Ein Satz wie ein Samenkörnchen, ganze Geschichten könnten aus ihm entstehen, so offen in seinen Andeutungen (aber nicht beliebig) ist er. „Jeden Sonntag“ ist die Geschichte eines puertoricanischen Mädchens, das sich jenseits von immer wiederkehrenden, öden Familienritualen einen eigenen Ort suchen und bewahren kann, der nur ihrer ist. Dorthin entweicht sie – jeden Sonntag –, dort kommt sie zu sich, ist ungestört, das verfallene Häuschen im Bambuswald ist wie ein sorgsam gehüteter Halt in ihrem Innern. Die äußere Welt, die Familie haben hier keinen Zutritt, aber nicht nur das: Auch die Zeit verläuft anders. Magali García Ramis führt vor, daß es einen Ort gibt, an dem ein Mensch ganz bei sich sein kann – ein zerbrechlicher Schatz, abhängig davon, daß andere ihn nicht zerstören wollen, und ohne Macht, sich zu verteidigen. Besonders schön an dieser Erzählung ist, daß die Autorin diese Zerbrechlichkeit nicht nur direkt beschreibt, sondern daß sie sich darüber hinaus in den Selbst-Gesprächen des Mädchens unter der Hand, atmosphärisch, mitteilt.
Durch das Thema Zeit werden die Gedichte und Geschichten dieser Anthologie zusammengehalten. Erfreulich ist der Effekt dieser „Zeit-Geschichten aus aller Welt“: Nach und nach stellt sich der Eindruck ein, als würde sich der Titel „Andere Länder,andere Zeiten“ von selbst erledigen. So anders sind die Zeiten woanders auch nicht.

Wolfgang Binder u.a. (Hg.): Andere Länder – andere Zeiten. Zeit-Geschichten aus aller Welt, Marino Verlag, München 1997, 29,- DM
(ca. 15 Euro).

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