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DAS MÄDCHEN MIT DEM SELTSAMEN NAMEN

Kuba in den achtziger Jahren. Die Revolution ist längst vorbei. Die Gesellschaft lebt in den starren Grenzen einer gefühlten sozialistischen Zeitlosigkeit. Nicht linientreue Gebräuche des Wortes „Freiheit“ werden nicht geduldet. „Es ist die Zeit des kalten Krieges, des Krieges jugendlichen Schweigens“.
Das ist das Kuba, in dem Nieve, die Protagonistin Wendy Guerras Roman Alle gehen fort, aufwächst.
Nieve bedeutet auf Spanisch „Schnee“ und die Inhaberin des Namens ist nicht sonderlich davon entzückt: „Schon im heißen Sand wollte ich zerfließen vor Scham. Wer kann in dieser Hitze in Kuba auf die Idee kommen, einem Mädchen diesen Namen zu geben? Nur meine Mutter.“ Ihr einziger Vertrauter ist ihr Tagebuch. Ein Vertrauter, auf den sie nicht verzichten kann, auch wenn sie mehrmals vor den Konsequenzen gewarnt wird, die entstehen würden, wenn er in die falschen Hände gerate.

Alle gehen fort ist eine Mischung aus Tagebuchfragmenten, Texten verbotener Lieder und Gedichten. Es wird mit einem Zitat aus dem Tagebuch von Anne Frank eröffnet, das dem gesamten Buch das Vorzeichen der Hoffnungslosigkeit verleiht. Basierend auf den eigenen Tagebüchern der Autorin schildert der Roman die intimen Gedanken und Erfahrungen eines Mädchens auf dem Weg in die Pubertät. Nieves Vater ist ausfällig, ihre Mutter lebt scheinbar in ihrer eigenen Hippiewelt, ihre Freund*innen und Bekannte verlassen Kuba nach und nach. Und in Nieves Kleiderschrank „liegen Ablagerungen all jener, die fortgingen und etwas zurücklassen wollten“.

Der erste Teil des Buches erzeugt ein Gefühl der Wut und Machtlosigkeit. Sowohl die kleine Nieve als auch ihre Mutter lassen sich von dem gewalttätigen Vater schikanieren und ertragen resigniert seine Ausfälle. Die Rollen der Mutter und Tochter scheinen vertauscht. Während sich die Tochter bemüht, Verantwortung zu übernehmen, ist die Mutter nicht einmal in der Lage der Gewalt des Vaters etwas entgegenzusetzen. Jedoch liefert sie eine spannende widersprüchliche Protagonistin. Obwohl sie als Elternfigur scheitert, steht sie für ihre politische Überzeugungen und allgemeine humanistische Prinzipien.

Das düstere Stimmungsbild hellt sich im Verlauf des Buches kaum auf. Der Machismus wird nicht nur vom Vater verkörpert, er verfolgt Nieve auch in ihren Jungendjahren. Ihr erster Freund ist jemand, der dominieren möchte, um das eigene Selbstwertgefühl zu stärken, jemand, der sie als ein Objekt betrachtet, das geformt werden kann, um seinen Wünschen und Vorstellungen zu entsprechen.

Ein anderes zentrales Thema des Romans ist der Hunger. Wie der bekannte kubanische Schriftsteller Leonardo Padura einst auf einem Podium sagte: „Auf Kuba ist niemand an Hunger gestorben, aber in all den Jahren hat auch nie jemand das gegessen, worauf er wirklich Lust hatte“. Nieve hungert jedoch nicht nur nach Essen. Sie wirkt wie von Zuneigung und emotionaler Nähe beraubt. Der Liebe wird eine Absage erteilt: „Wenn du jemandem erzählst, dass du jemanden liebst, fällst du in Ungnade. NO LOVE. Also lässt du dich nicht einmal je auf den ein, der dir wirklich gefällt.“

Zensur, Exil, Machismus. Und trotzdem lässt das Buch einen kleinen Schimmer Hoffnung: Nieves Stärke, die die Leser*innen glauben lässt, dass am Ende doch irgendwie alles gut wird.

 

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