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VERRATEN, VERSCHWINDEN, VERLIEREN, VERGESSEN

„Aber dann war da noch irgendetwas, das nicht dazu passte“, erzählt Manuel Gluckstein über seine Eltern. „Nichts Konkretes. Mehr ein Gefühl. Es war mir immer als ob es unter dieser Oberfläche der normalen Familie eine versteckte Wahrheit gäbe, die ich nicht kannte“. Wenn sie auf Treffen mit anderen Familien aus Ungarn gingen, war von den gemeinsamen Bekanntschaften immer in der Vergangenheitsform die Rede. Und sie erzählten von ihnen „ohne ein Lächeln, ohne eine lustige Anekdote, immer mit diesen ausdruckslosen Gesichtern, in die sich in manchen Momenten ein Anflug von Trauer mischte“.
Erst später versteht Manuel, dass „Mautauzen“, dieses unverständliche Wort, welches seine Erinnerung prägt und wie ein Fluch über diesen Treffen hing, das KZ Mauthausen meint, aus dem seine Eltern befreit wurden, bevor sie nach Argentinien auswanderten. Manuel war damals drei Jahre alt, geboren im Flüchtlingslager Bindemichel bei Linz.
Mauthausen und andere eingebrannte Worte und Orte aus der Vergangenheit tauchen immer wieder wie Versatzstücke der Erinnerung in der Geschichte auf. In Manuels wiederkehrenden Träumen ebenso wie auf Fotos aus der Kindheit, in Dokumenten der Eltern, Gesprächsprotokollen nach der Befreiung aus dem KZ, ärztlichen Gutachten oder behördlicher Vernehmungen. Und so verwebt sich auch die Geschichte von Manuels Eltern irgendwann mit seiner eigenen, dieses diffuse Gefühl dieser versteckten Wahrheit legt sich wie ein Schleier über die gesamte Erzählung nach seiner eigenen „Befreiung“ aus dem Pozo, einem argentinischen Folterzentrum während der Militärdiktatur.
Die Befreiung oder Marcelos Ende erzählt die Geschichte ihres Protagonisten Manuel Gluckstein, wechselt zwischen Ich-Erzähler und Beobachter, Träumen und Dokumenten, springt zwischen Zeiten und Erinnerungen. Es wirkt wie ein Puzzle, das sich erst langsam zusammensetzt, dabei schwingt stets eine dunkle Vorahnung mit. Die erzählten Passagen sind dabei eine Aneinanderreihung von kurzen, nüchternen Sätzen, schlicht aber präzise, so dass Ereignisse beim Lesen fast wie ein Film vor dem Auge vorüberziehen.
Manuel, der Sohn nach Argentinien eingewanderter KZ-Überlebender aus Ungarn, politisiert sich an der Uni im Argentinien der 70er Jahre, tritt einer peronistischen Studierendenvereinigung bei, emanzipiert sich aus seinem tristen Elternhaus und unterhält Kontakte zu den Montoneros, dem bewaffnetem Widerstand gegen die Militärdiktatur. Eines Tages wird er entführt und landet im berüchtigten Folterlager Olimpo. Nach Wochen, die auch Monate oder Jahre sein konnten, wird Manuel plötzlich freigelassen, hinausgespuckt in ein Leben, das keine Möglichkeit für ein Zurück mehr bereithält. Er gehört zu den „wiederaufgetauchten Verschwundenen“, denen, die nicht wie 30.000 andere ermordet oder lebend ins Meer geworfen wurden, sondern denen, die überleben sollten, um ein Beweis des Terrors und zugleich eine Warnung zu sein. Die ihr Leben lang leiden unter der quälenden Frage, warum gerade sie überlebt haben, unter der Schuld des Verrats, unter dem Schweigen, unter dem Vergessen, unter dem Erinnern.

Es wird klar, dass es keine Befreiung nach der Freilassung gibt

 Die Zeit im Folterschacht nimmt nur zwei der dreißig nummerierten Abschnitte ein, ist aber darüber hinaus omnipräsent. Man spürt die Enge zwischen den Zeilen, die Unmöglichkeit des Verstandes, zu begreifen. Melancholisch, grau und schwer lastet die Zeit auf dem Protagonisten und überträgt sich auf die Lesenden. Es wird klar, dass es keine Befreiung nach der Freilassung gibt. Die psychische Folter, der perfide Terror der Folterer geht weiter. Nicht selten suchten sie wie alte Freunde ihre Opfer auch nach der Freilassung auf, unterhielten Beziehungen zu deren Familien, kontrollierten sie weiter. So auch Marcelo, Manuels Folterer. Auf einmal sitzt er mit Kaffee am Küchentisch des Vaters und sagt: „Hallo Manuel, lange her.“
Manuel selbst löst sich nach seiner Freilassung fast auf, er verliert sich selbst und es wird klar, wie das systematische Auslöschen von Subjektivität durch die Gewalt der Folter in Manuels Körper ihr Ziel erreicht hat. Er vereinzelt, er redet nicht. Wenn Marcelo ruft, gehorcht er. Die Szenen, in denen Marcelo Manuel gönnerhaft zum Essen einladen will, gehören zu den Schlimmsten des Buches. Auch dreißig Jahre später, als unter der Kirchner-Regierung die gesellschaftliche und juristische Aufarbeitung der Militärdiktatur beginnt, übt Manuels ehemaliger Folterer Macht über ihn aus. Manuel wirkt wie sein eigener Zuschauer: tatenlos, lethargisch, ergeben. Der Schleier der Passivität steht im Kontrast zur gefühlten Abscheu und Wut gegenüber einem reuelosen Militär, der noch stolz ist, sich für die Verteidigung des Vaterlandes „aufgeopfert“ zu haben, aus der man sich am liebsten mit einem Befreiungsschlag des Protagonisten befreien würde. Dieser kommt dann umso überraschender und lässt uns mit vielen Fragen zurück.

Melancholisch, grau und schwer lastet die Zeit auf dem Protagonisten

 Die Befreiung oder Marcelos Ende ist die fiktionale Version von Christian Dürrs Buch Verschwunden (Metropol, 2016), in dem er Verfolgung und Folter unter der argentinischen Militärdiktatur untersucht und das Foltersystem der Junta in Bezug zum System nationalsozialistischer Konzentrationslager setzt. Auch hier widmet er sich dem Verschwinden- und Wiederauftauchenlassen als Teil des Machtkalküls der Folterer, durch die Überlebenden die Logik der Gewalt nach außen zu tragen – und sie durch ihre Erzählungen oder durch ihre Körper selbst in den gesellschaftlichen Diskurs zu übertragen. Aus den Erzählungen von Überlebenden analysiert der Kurator der Gedenkstätte Mauthausen die Folter, das Dispositiv des Verschwindenlassens, die Kontrolle und das Weiterleben und bringt es in seinem beim feinen bahoe books erschienen Erstlingsroman sehr eindrucksvoll und auf schlichte Weise tief berührend in eine literarische Form.

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