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Das Schweigen Netos

Eines der Lieblingsexperimente des elfjährigen Neto ist, seinen Kopf so lange unter Wasser zu halten, wie er es aushalten kann. Auch ansonsten wirkt der pummelige, asthmakranke Junge recht introvertiert und verdruckst. Wenn er nicht gerade Telenovelas oder Fußballübertragungen im Radio hört, vertreibt er sich die Zeit damit, seine Eltern im Schlafzimmer zu belauschen oder die junge indianische Muchacha Nidia, für die er schwärmt, bei dem zu beobachten, was sie mit ihrem Geliebten in der Wäschekammer anstellt. Kaum jemand hält es für nötig, Neto und seinen kleinen Bruder Mario über etwas aufzuklären. Auch nicht darüber, was die immer bedrohlicher klingenden Nachrichten im Radio angeht. Da ist vom drohenden Sturz des Präsidenten Arbenz Guzmán die Rede. Der einzige, der von Zeit zu Zeit etwas frischen Wind in sein gutbürgerliches Elternhaus bringt, ist Onkel Ernesto, der “verlorene Sohn” der Familie. Im Gegensatz zu Netos Eltern, einem engstirnig-autoritären Juristen und einer sanften, introvertierten Mittelschichtsdame, ist er ein Globetrotter und Freigeist, kennt Zauberstücke und weiß, wie man einen Heißluftballon steigen läßt. Aber auch Ernesto kehrt eines Tages sterbenskrank nach Hause zurück – für seinen Neffen ein trauriges, aber auch aufschlußreiches Erlebnis.

Ende der Apathie?

“El Silencio de Neto” von Luis Argueta, stolz als erster guatemaltekischer Film, der international in die Kinos kommt, annonciert, nähert sich den Ereignissen um den Sturz des demokratisch gewählten linken Präsidenten Jacobo Arbenz Guzmán im Jahre 1954 aus einer bewußt naiven und kindlichen Perspektive. Der familiäre Mikrokosmos fungiert als Spiegel gesellschaftlicher Zustände. Da sind die beiden antagonistischen Brüder Eduardo und Ernesto, deren lebenslange Rivalität sich unter anderem in dem Streit um Netos Erziehung ausdrückt. “Gib’ den Kindern Luft zum Atmen”, fordert Ernesto. Sein Bruder versieht anfangs brav, aber ohne inneres Engagement seinen Dienst in der Regierungsadministration von Arbenz Guzmán. Auch als die von der CIA inszenierte Invasion ins Haus steht, halten Netos Eltern an ihrer apathischen Haltung fest.
Nach Jahren des erzwungenen Schweigens in Guatemala ist es endlich möglich, einen Film zu drehen, der eben diese Zustände thematisiert. “Das Schweigen Netos” ist solide inszeniert, politisch engagiert und trotzdem zu keinem Zeitpunkt platt pamphletisch. Auf der psychologischen Ebene finden sich allerdings etliche Klischees und überdeutliche Metaphern, was der inneren Spannung nicht gerade zugute kommt. So ist die Entwicklung der Figuren an vielen Stellen vorhersehbar. Natürlich gelingt es Neto letztendlich dank einiger Erlebnisse und Onkel Ernestos moralischem Beistand, ein Stück weit aus der von Eltern und System verordneten Unmündigkeit auszubrechen. “Sag’ nie, du kannst nicht”, lautet dann die Botschaft, die der Sterbende ihm mit auf den Weg gibt.

“El Silencio de Neto”; Regie: Luis Argueta; Guatemala 1994; Farbe, 106 Minuten.

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