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Das unaufhörliche Bangen um die Existenz

Die drohende Katastrophe schien bereits so gut wie abgewendet: Unter dem starken Druck von lokalen Indianerorganisationen und der weltweit agierenden NGO Survival International beschloss die Abgeordnetenkammer Paraguays im Oktober 2004, das Kernland der Ayoreo Totobiegosode („Leute vom Ort des Wildschweins“), einem der letzten in gänzlicher Isolation lebenden Ureinwohnerstämme weltweit, gesetzlich zu schützen. Dazu sollten die GroßgrundbesitzerInnen, die das Land des Stammes für sich in Anspruch nehmen, zwangsenteignet werden – gegen attraktive Entschädigungszahlungen. Nach starkem Lobbying seitens des mächtigen Landeigentümerverbandes Associación Rural del Paraguay wurde das Gesetz jedoch im Senat zurückgewiesen.
Das umstrittene Land ist in zwei große Gebiete aufgeteilt: Eines teilen sich die beiden brasilianischen Firmen Luna Park International und Itakyry. Das zweite Gebiet ist im Besitz der paraguayischen Firma Carlos Casado. Alle drei weigern sich, die Übergabe des Landes zuzulassen und treiben die Rodung der Wälder trotz der bewiesenen Existenz des isoliert lebenden Indianerstammes voran.
Dass die Ayoreo-IndianerInnen tatsächlich in dem Landesabschnitt Paraguays leben, wurde im vergangenen Jahr auf dramatische Weise bestätigt. Damals erschien eine Gruppe von siebzehn Angehörigen der Gemeinschaft am Waldrand und nahm damit zum ersten Mal Kontakt mit der Außenwelt auf. Die Gruppe machte deutlich, dass sie den Wald nicht verlassen wollte, jedoch an extremem Wassermangel litt. Fast sämtliche Wasserlöcher, die für das Überleben im trockenen Buschwald des Gran Chaco unbedingt notwendig sind, werden von SiedlerInnen und deren Vieh besetzt, so dass die IndianerInnen keinen Zugang mehr zu Wasser haben. Der Sprecher der Gruppe appellierte: „Bitte lasst den Wald in Ruhe. Er gibt uns Leben. Bitte stoppt die Bulldozer.“
Die bis dahin nicht kontaktierten IndianerInnen sind enge Verwandte anderer Ayoreo-Totobiegosode-Familien, die im Laufe der letzten 25 Jahre aus dem Wald verdrängt wurden. Erst vor kurzem befreiten sich diese Familien von den Missionaren der amerikanischen ultra-fundamentalistischen New Tribes Mission, die bis dahin über ihr Leben bestimmt hatten und errichteten neue unabhängige Dorfgemeinschaften an den Grenzen ihres ehemaligen Landes. Diese zurückgekehrten IndianerInnen fungieren nunmehr als VermittlerInnen zwischen ihren unkontaktierten Verwandten im Landesinneren und der Außenwelt. Ihr Ausbrechen aus dem Einfluss der christlichen Missionare, von denen sie in den 70er und 80er Jahren zum Teil gewaltsam aus dem Wald entführt worden waren, ist nicht nur ein Versuch, die Kontrolle über das eigene Leben zurück zu erlangen. Die neuen Dorfgemeinschaften verfolgen auch das Ziel, den Wald gegen das ununterbrochene Vordringen der Viehzüchter und Großbauern zu schützen, die in der Zwischenzeit einen riesigen Teil des Indianerlandes aufgekauft haben.

Gerichtliche Verfügungen stets ignoriert

Die IndianerInnen und ihre UnterstützerInnen errangen in der Vergangenheit oft kleine Teilerfolge im Kampf um die Landrechte der Ayoreo Totobiegosode. Immer wieder gelang es ihnen, gerichtliche Verfügungen einzuholen, die das weitere Abholzen einzelner Abschnitte des Gebietes untersagten. Diese einstweiligen Verfügungen sollten der Regierung ausreichend Zeit geben, das Land von den GroßgrundbesitzerInnen zurückzukaufen, um es dann wieder den ursprünglichen BesitzerInnen zu überlassen. Tatsächlich wurden manche Gebiete daraufhin zurückgegeben, das Kernland der IndianerInnen blieb jedoch stets in privaten Händen. Vor allem die Haupteigentümer Luna Park International, Itakyry und Carlos Casado verfolgten die Strategie, so schnellstmöglich Tatsachen zu schaffen und trieben trotz der gerichtlichen Verfügungen die Abholzung der Trockenwälder zügig voran.
Bulldozer drangen tief in den Wald ein und lange Zäune wurden errichtet. Schon 2003 bestätigten Flüge über das 550.000 Hektar große verbliebene Indianergebiet (weniger als ein Fünftel der ursprünglichen Fläche) die gewaltigen Schneisen, die in den Wald geschlagen worden waren – auch in den Abschnitten, die eindeutig durch gerichtliche Verfügungen geschützt waren. Diese Schneisen sind der erste Schritt zur Rodung des wertvollen Hartholzes. Der Rodung folgt dann das Planieren bzw. Abbrennen des restlichen Waldes und die Beweidung durch Rinderherden oder extensive landwirtschaftliche Bebauung. Aufgrund der ständigen Missachtung gesetzlicher Verfügungen war es dann fast keine Überraschung mehr, als ein örtliches Gericht im Frühjahr 2003 einige der ohnehin weder befolgten noch forcierten Verfügungen gänzlich aufhob – ein Erfolg für die Strategie der GroßgrundbesitzerInnen.
Beim Vordringen der Bulldozer in das Stammesgebiet der Totobiegosode kam es im vergangenen Jahrzehnt zu mehreren gewaltsamen Zusammenstößen. Die IndianerInnen griffen die Bulldozer mit Speeren und Pfeilen an, bevor sie selbst panikartig flohen und ihre Gemeinschaftshäuser und kleinen Pflanzungen zurückließen. Mindestens acht solcher Fälle haben sich bisher ereignet. Die IndianerInnen werden buchstäblich von einer Ecke des Waldes in die nächste gejagt. Ein Ayoreo-Mann, der 1998 aus dem Wald kam, sagte: „Wir dachten, dass die Bulldozer uns sehen könnten. Wir dachten, dass die Bulldozer unsere Gärten gesehen hätten und kämen, um zuerst die Früchte und dann uns zu essen. Darum hatten wir vor den Bulldozern solche Angst.“

Von allen Seiten eingekreist

Dass neben den früheren Gerichtsentscheidungen nun auch noch der vielversprechende Gesetzesentwurf der Abgeordnetenkammer gekippt wurde, könnte katastrophale Auswirkungen auf die von allen Seiten eingekreisten Ayoreo Totobiegosode haben. Ohne ihr Land haben die UreinwohnerInnen langfristig keine Chance, eigenständig zu überleben. Sie sind außerdem aufgrund ihrer bisherigen völligen Isolation akut dem extremen Risiko von Krankheiten ausgesetzt. Selbst ein gewöhnlicher Schnupfen könnte die wenigen verbliebenen und nicht immunisierten IndianerInnen innerhalb einiger Wochen ausrotten. Es gibt somit keinen Platz, an den Sie fliehen könnten. Sie stehen mit dem Rücken zur Wand. Die Dringlichkeit, die Ayoreo Totobiegosode schnellstmöglich und effektiv vor dem weiteren Vordringen der Holzfäller zu schützen, bestätigt auch Stephen Corry, Direktor von Survival International, der weltweit größten Organisation zur Wahrung der Rechte von Stammesgesellschaften: „Es ist jetzt eine Frage des Überlebens dieser Gruppe, die extrem empfänglich ist für fremde Krankheiten. Die Regierung muss die illegalen Handlungen der Großgrundbesitzer im Gebiet zum Stillstand bringen und das Land den Indianern zurückgeben. Dies ist eine Sache von großer Dringlichkeit.“
Nun wird der Beschluss erneut in der Abgeordnetenkammer verhandelt, wo eine einfache Mehrheit für das Gesetz bedeuten würde, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit in Kraft tritt. Die Verfassung Paraguays von 1993 sichert eigentlich den in ihrem Staatsgebiet lebenden UreinwohnerInnen einen ausreichenden, subsistenzsichernden Lebensraum zu. Dass aber bisher alle Versuche fehlschlugen, die vorhandenen Beschlüsse und Gerichtsurteile auch wirklich gegen die ökonomischen Interessen der herrschenden Großgrundbesitzerklasse durchzusetzen, zeugt von fehlender politischer Willens- und Durchsetzungskraft der staatlichen Stellen Paraguays. Weder in der Landlosenfrage noch beim Schutz der UreinwohnerInnen kann die Regierung Nicanor Duartes wirkliche Erfolge vorweisen. Und es ist schon abzusehen, dass der einflussreiche Landbesitzerverband erneut nichts unversucht lassen wird, gegen einen effektiven Schutz des Indianergebietes anzugehen. Schon im Vorfeld gelang es der Associación Rural del Paraguay monatelang, jegliche erneuten Gespräche zur Rettung der Ayoreo und des Gran Chaco zu verzögern.

Weitere Informationen unter:
www.survival-international.de

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