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Das vergiftete Herz

Es regnet nicht. Es schüttet. Das Wasser hat uns in Sekunden durchnässt und den Boden in eine Rutsche verwandelt. Es schießt in Bächen den Abhang hinunter, wirbelt um die Maisstengel und gräbt Rinnen zwischen die Pflanzen. Auf den Blättern trommeln die Tropfen, schmatzend saugt der Boden an unseren Schuhen, während wir hangabwärts schlittern, das Feld hinter uns lassend. Das Tal ist in den Wolken verschwunden, aber vor uns erkenne ich das nächste Feld – weniger steil und eng, der Mais steht ordentlich in Reihen, und vor dem Feld ein Schild: „Monsanto“ steht darauf, gefolgt von einer Nummer. Genmais? Hier?
Es ist nicht der Ort, an dem man Genmais erwartet. Eine einzige Straße führt nach Huehuetla, Puebla. Sie windet sich ins Tal hinein, kreuzt den schäumenden Fluss und klettert die Hänge empor, passiert einige niedrige Hütten und verliert sich auf dem gepflasterten Platz vor der Kirche. Die Turmuhr zeigt ihre eigene Zeit, an schönen Tagen schallt aus den Lautsprechern des kleinen Pavillons Musik, Frauen mit weitem Rock und breitem, rot besticktem Gürtel verkaufen Orangen. Das verschlafene Dorfzentrum ist nur der eine Teil des Ortes. Das andere Huehuetla ist nur zu Fuß zu erreichen: die versteckten Gemeinschaften der indigenen Kleinbauern und -bäuerinnen, die auf ihren winzigen Felder Mais anbauen.
Sierra Norte heißt die gebirgige Region, die die Grenzen dreier Bundesstaaten unsichtbar zerschneiden: Puebla, Veracruz, Hidalgo. Die Winde tragen feuchte Luft vom Atlantik her. Wo der Wald wachsen darf, wächst er rasch zum undurchdringlichen Dickicht. Wo gerodet wird, spült jeder Regen mehr Erdmasse die Hänge hinab. Erosion war lange Zeit die große Sorge der Bauern und Bäuerinnen, doch sie ist nicht mehr die einzige – seit einigen Jahren fürchten sie zudem genveränderten Mais.

Welcher Mais – welches Mexiko?

Seit die USA gentechnisch veränderten Mais in großem Rahmen anbauen, tobt um Mexiko ein Kampf.1994 trat der Nordamerika­nische Freihandelsvertrag (NAFTA) in Kraft. Stark subventionierter Mais aus den USA überschwemmte den mexikanischen Markt und trieb viele Kleinbauern und -bäuerinnen in den Ruin. Mitte der 1990er Jahre konnte sich Mexiko noch selbst mit Mais versorgen, heute importiert das Land ein Drittel des heimischen Bedarfs. Zur Abhängigkeit vom ungeliebten Nachbarn USA gesellte sich ein weiteres Problem: Über ein Drittel des in den USA erzeugten Mais stammt von genveränderten Pflanzen. Da keine Kennzeichnungspflicht für Genmais besteht, kann nicht verhindert werden, dass dieser mit den Importen nach Mexiko gelangt.
Um den mexikanischen Mais zu schützen, trat 1998 ein Moratorium in Kraft, das den Anbau von gentechnisch verändertem Mais in Mexiko verbietet, doch die Kontroverse hält an: Die großen Biotechnologie-Konzerne und Teile der Regierung drängen auf ein Ende des Verbotes und eine „Modernisierung“ der mexikanischen Landwirtschaft. Doch Kleinbauern und -bäuerinnen, UmweltschützerInnen und die indigenen Völker wehren sich erbittert – und haben einen großen Teil der Bevölkerung hinter sich. Mais ist das wichtigste Grundnahrungsmittel in Mexiko, aber er ist nicht nur das: So eng ist die mexikanische Kultur mit dem Mais verbunden, dass jeder Angriff auf das „gelbe Gold“ ins Herz Mexikos trifft. Die Frage, welcher Mais angebaut wird, ist auch die Frage, welches Mexiko die Zukunft bringt.

Skandalöse Entdeckungen

„Wenn unser Mais vergiftet ist, ist auch alles andere vergiftet, alles, was man mit dem Mais macht, auch die Feste, auch die Traditionen!“ Die zierliche Frau mit den langen weißen Zöpfen ist erregt aufgestanden, sie redet auf Totonako, ein Junge übersetzt. Gemurmel und zustimmendes Nicken. Es ist dämmrig im Schuppen, nur durch die Ritzen in den hölzernen Wänden dringt Licht, draußen plätschert ein Fluss. Etwa 50 Personen drängen sich auf den Bänken, teils sind sie aus weit entfernten Bundesstaaten angereist, um am „Treffen der indigenen Völker Mexikos“ teilzunehmen, zu dem die Unabhängige Organisation der Totonaken (OIT) nach Huehuetla geladen hat.
Im Schuppen am Fluss trifft sich Gruppe drei. Tierra y maiz (Erde und Mais) ist ihr Thema. Die Diskussion dreht sich darum, wie verhindert werden kann, dass Genmais die heimischen Maissorten „vergiftet“. Das Treffen ist ein Höhepunkt in einem mühsamen Alltag der kleinen Schritte: Fast jede Woche veranstaltet die OIT Workshops in den Gemeinden um Huehuetla, wo kaum jemand Spanisch spricht, erklärt und übersetzt, spricht mit den Leuten über Maissorten, Düngemittel und Gentechnik.
Der Region im Norden Pueblas war im Zusammenhang mit Genmais schon einmal in den Schlagzeilen: 2001 wurden dort und im Bundesstaat Oaxaca Spuren von gentechnisch veränderten Pflanzen nachgewiesen. Zwei Biologen der Universität Berkeley in Kalifornien, Ignacio Chapelo und David Quist, untersuchten Proben lokaler Maissorten aus abgelegenen Tälern in Oaxaca und veröffentlichten trotz des Druckes von Seiten großer Agrarkonzerne ihre Ergebnisse: Zwischen 3 und 10 Prozent der Proben enthielten Gene, die für genveränderte Maissorten typisch waren. Nachfolgende Untersuchungen des Umweltministeriums in Oaxaca und Puebla bestätigten den Fund. Trotz des Anbauverbotes hatten sich genveränderte Maissorten in Mexiko verbreitet – für viele MexikanerInnen ein Skandal.
Die Götter schufen die Menschen aus Mais, erzählen die Mayas. Die Menschen schufen den Mais aus teocintle, erzählen die WissenschaftlerInnen. Die zierlichen Halme wachsen bis heute wild in Mexiko, aus ihnen züchteten die Vorfahren der MexikanerInnen vor über 5.000 Jahren den Kulturmais. „In Mexiko hat der Mais seinen Ursprung und das Zentrum seiner Vielfalt“, sagt Gustavo Ampugnani von Greenpeace Mexiko. „Das heißt, dass der Mais, der in der ganzen Welt gegessen wird, hier die Grundlage für sein Bestehen hat. Deshalb wiegt es so schwer, dass unser Mais mit gentechnisch veränderten Pflanzen verseucht wird.“
Mit dem Verweis auf nationale und internationale Abkommen zum Schutz der Biodiversität konnten die GegnerInnen genveränderter Pflanzen immer wieder Erfolge erzielen: Zuletzt gelang ihnen im Herbst 2006 mit einer Klage zu verhindern, dass der Agrarkonzern Monsanto auf Versuchsfeldern im großen Stil Genmais anbauen darf. Auch der mexikanische Senat fordert
Sicherheitsmaßnahmen: Untersuchungen, die die Unschädlichkeit des Genmais belegen. Doch die Wissenschaft ist ein schlechter Ratgeber: Bis heute gibt es keine einheitliche Meinung darüber, wie sich Genpflanzen auf Menschen und Ökosysteme auswirken. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die hohen Fördermittel, die die Agrar-Konzerne an Universitäten und Institute zahlen, die Forschung zu diesem Thema deutlich erschweren. „Wir brauchen nicht noch mehr Studien oder Informationskampagnen“, sagt auch Silvia Ribeiro, Repräsentantin der Nichtregierungs-Organisation Action Group on Erosion, Rechnology and Concentration (ETC Group), die in ganz Nordamerika zu Genpflanzen Informationskampagnen durchführt. „Wir möchten einfach keine Genpflanzen, die nur dazu dienen, die Gewinne der transnationalen Konzerne zu steigern.“

Kein Mittel gegen Hunger

Das will die andere Seite nicht akzeptieren. Der transnationale Agrar-Konzern Monsanto hält weltweit die Rechte an 95 Prozent aller gentechnisch veränderten Pflanzen; in den letzten Monaten hat er den Druck auf die mexikanische Regierung erhöht. „Wir haben hier ein blockiertes System, ein System, das unvorhersehbar ist und langsam“, beschwerte sich im November 2006 Eduardo Pérez, Vertreter Monsantos in Mexiko. Wenn sich dies nicht ändere, werde Monsanto überlegen, ob es seine Ressourcen nicht in andere Länder verlagere. Die Drohung ist wenig mehr als Rhetorik: Mexiko ist für die Gentechnik zum umkämpften Gebiet geworden. Immer wieder haben AktivistInnen gegen Genpflanzen gewarnt: Wenn es gelinge, in Mexiko Genmais durchzusetzen, sei der Weg in alle anderen Ländern des Kontinents frei.
Den Kampf um die öffentliche Meinung haben die Konzerne vorerst verloren; ein Großteil der Bevölkerung lehnt Gentechnik ab. Möglich, dass sich mit Gentechnik Pflanzen herstellen lassen, die für die BäuerInnen und Bauern Vorteile besitzen, aber die jetzt existierenden Gensamen besitzen vor allem Vorteile für diejenigen, die sie verkaufen: 73 Prozent des genveränderten Mais sind schlichtweg unempfindlich gegen ein starkes Gift, das bis auf die Maispflanze alles abtötet – große Unternehmen wie Monsanto, Cargill oder Bayer verkaufen es im Paket mit den Samen. Die Versprechen haben sich nicht erfüllt, mit denen die BefürworterInnen der Gentechnik werben: Die USA verwenden seit dem Anbau von Genpflanzen nicht weniger Schädlingsgift als zuvor, sondern mehr. Beispiele aus anderen Regionen der Welt haben gezeigt, dass Genpflanzen Armut und Hunger nicht besiegen, sondern verschlimmern.

Die Methode: Fakten schaffen
Bleibt eine andere Methode, um die widerspenstige Öffentlichkeit zu überzeugen, oder eher, zu übergehen: Fakten schaffen. Welchen Sinn hat es schließlich, sich der Einführung von Genmais zu verweigern, wenn er längst im Land ist? Bevor das Moratorium 1998 in Kraft trat, wuchs auf zahlreichen Versuchsfeldern in Mexiko Genmais; wieviele „experimentelle Aussaaten“ seither in den mexikanischen Bundesstaaten genehmigt wurden, ist nirgends dokumentiert. Die Pollen des Mais können bis zu einige Kilometern weit fliegen, es lässt sich nicht verhindern, dass sich der Genmais mit anderen Maissorten oder dem wild wachsenden teocintle kreuzt.

Die Regierung tut nichts

Durch die Importe aus den USA gelangen daneben jährlich Millionen Tonnen der veränderten Pflanze nach Mexiko. Seit Jahren ist offensichtlich, dass dieser nicht nur gegessen wird, sondern zahlreiche Bauern und Bäuerinnen ihn auch aussähen – sei es, weil sie traditionell ständig mit neuen Kreuzungen experimentieren, um die Erträge zu verbessern, sei es, weil sie keine Mittel haben, anderes Saatgut zu kaufen.
Doch trotz aller Appelle hat die mexikanische Regierung bisher nicht reagiert. Weder wurde eine Kennzeichnungspflicht für Genmais durchgesetzt, noch setzte die Regierung die Empfehlungen um, die die Umweltkommission der Freihandelszone NAFTA 2004 in einem Bericht veröffentlicht hatte: Mais nur noch in gemahlener Form zu importieren, um eine Verunreinigung des mexikanischen Saatgutes zu verhindern. Dabei werden die Importe zukünftig nicht abnehmen: 2008 fallen die letzten Einschränkungen, die bisher noch für den Handel mit Agargütern in der NAFTA gegolten haben. Ohne zusätzliche Genehmigung kann dann Mais aus den USA und Kanada nach Mexiko eingeführt werden.

Wasser auf die Mühlen von Monsanto

Dass Monsanto nicht nur in der US-amerikanischen Regierung, sondern auch in der mexikanischen viele Verbündete hat, ist seit langem bekannt. Teile der mexikanischen Verwaltung haben regelmäßig versucht, WissenschaftlerInnen einzuschüchtern und Forschungsergebnisse zurückzuhalten, die negative Auswirkungen von gentechnisch veränderten Pflanzen erwarten ließen. Die neue Regierung unter Präsident Calderón führt diese Politik fort: Sie vertritt vor allem die Großproduzenten und -händler, die ein Interesse an der zunehmenden Industrialisierung der Maisproduktion in Mexiko haben. Die „Tortilla-Krise“ kommt ihnen dabei gelegen: Seit Mitte letzten Jahres kletterten die Preise für das Grundnahrungsmittel Mais in ungeahnte Höhen (siehe LN 393).
Die zunehmende Nachfrage nach Biotreibstoff in den USA wurde als Hauptgrund für den Preisanstieg genannt, doch inzwischen mehren sich Zweifel, ob dies nicht eher ein Anlass war, den die großen Unternehmen für ihre Interessen genutzt haben. „Die transnationalen Konzerne wollen endlich ein Ende des Moratoriums und nutzen die Krise, um Druck auf das Landwirtschaftsministerium auszuüben,“ sagt Antonio Serratos, Forscher an der renommierten Privatuniversität Colegio de Mexico. „Das ist Teil ihrer Strategie, den ganzen Agrarmarkt zu kontrollieren.“
In Indien haben Bayer und Monsanto Ende letzten Jahres ihre Gentechnik-Projekte aufgegeben. Jahrelange Proteste, tausende Selbstmorde ruinierter Bauern und öffentliche Skandale waren dem Schritt vorausgegangen. Die großen Agrarkonzerne haben Indien damit für Genpflanzen aufgegeben – in Mexiko hingegen ist der Kampf um gentechnisch veränderte Pflanzen noch nicht entschieden. Vor wenigen Wochen erst hat sich Landwirtschaftsminister Alberto Cárdenas für den Anbau von Genmais ausgesprochen.

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