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Das Versprechen der Revolution

Um die lateinamerikanische Unabhängigkeitsbewegung zu Anfang des 19. Jahrhunderts ist es auf dem Buchmarkt lange ruhig gewesen. Anders als zur US-amerikanischen oder zur Französischen Revolution wurde über die Revolutionsbewegungen in Lateinamerika für das breite Publikum nur im Rahmen von Gesamtdarstellungen der lateinamerikanischen Geschichte geschrieben, und das fiel notwendigerweise eher knapp aus. Nun – daran haben die 200-Jahr-Feiern ihren Anteil – ist ein Überblickswerk erschienen, das diesen Mangel beheben will.
Der am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin lehrende Stefan Rinke sieht die lateinamerikanischen Unabhängigkeitsrevolutionen strikt im atlantischen Zusammenhang. Dabei ist klar: Die Zusammenhänge zu anderen Revolutionen, insbesondere der US-amerikanischen, der Französischen und der Haitianischen, werden herausgearbeitet, aber nicht überbewertet.
So gab es ein transatlantisches Kommunikationsnetz, an dem nicht zuletzt Persönlichkeiten wie Simón Bolívar oder Francisco de Miranda eifrig mitgeknüpft haben. Und die Erfahrungen aus Nordamerika und Frankreich zeigten den kreolischen Führungsschichten in Caracas oder Buenos Aires ebenso wie den rebellierenden Sklaven in Saint-Domingue (Haiti), „dass ein revolutionärer Umbruch möglich war“. Dennoch unterstreicht Rinke, dass Eigenheiten, Ungleichzeitigkeiten und Unebenheiten deutlich sichtbar sein sollen und nicht als Ausnahmen weginterpretiert, sondern als wesentlich beachtet werden müssen.
Folgt man wie Rinke dieser Auffassung, dann muss eine Überblicksdarstellung ins Detail gehen. Eine gewaltige Herausforderung, denn gerade das macht den Zugang zu den Vorgängen in Lateinamerika zwischen 1806 und 1830 so problematisch. Die Fülle an Personen, Gruppierungen, Zielen, Proklamationen, Kämpfen ist unüberschaubar und viel schwieriger zu verstehen als etwa die doch einigermaßen geradlinige Unabhängigkeitsrevolution in den 13 nordamerikanischen Kolonien. Die Qualität von Stefan Rinkes neuem Buch liegt genau darin, diese Herausforderung angenommen und bravourös bewältigt zu haben: Die Genauigkeit in der Darstellung steht in einem hervorragenden Verhältnis zum großen Bogen des Geschehens.
Die Unabhängigkeitsbewegungen sind durch die spanischen Reformmaßnahmen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Gang gekommen. Da wegen mangelnder Kontrolle, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht, auch die erwünschten Erträge ausblieben, entschied sich die Krone, die Kolonien engmaschiger zu verwalten. Da dies bedeutete, verstärkt Spanier auf die Posten zu setzen, zu denen sich Kreolen bereits den Zugang verschafft hatten, boten die Reformmaßnahmen reichlich Angriffsfläche für Kritik – und es häuften sich Aufstände. Ins Zentrum der politischen Auseinandersetzung rückte die Frage nach der Legitimität der Kolonialherrschaft. Die Antwort auf diese Frage war bei den Kreolen, die Amerika längst schon als etwas von Europa grundsätzlich Verschiedenes begriffen, zunehmende Distanzierung. Über die Form dieser Distanz jedoch, das zeigt Rinke deutlich, bestand lange Zeit eine viel größere Unsicherheit, als die in der Öffentlichkeit verbreiteten Gründungsgeschichten der lateinamerikanischen Staaten ahnen lassen. Denn für die jungen Nationen war es von entscheidender Bedeutung, eine Folgerichtigkeit zu konstruieren und die eigene nationale Existenz so legitimieren zu helfen.
Zu der Unentschiedenheit in der Anfangsphase trugen mindestens drei Faktoren wesentlich bei: Erstens die warnenden Erfahrungen aus der jakobinischen Phase der Französischen Revolution. Der Terror von 1793/94, der mit tiefgreifenden Einschnitten in Besitz- und Machtverhältnisse verbunden war, ließ die kreolische Oberschicht in Mexiko oder Bogotá generell eher vorsichtig vorgehen. Dazu war zweitens die für die spanisch-kolonialen Sklavereigesellschaften schockierende Revolution in Haiti gekommen: Zu einem so radikalen Umsturz wie der Abschaffung der Sklaverei, gar zur Vertreibung der weißen Oberschicht, durfte es erst recht nicht kommen. Drittens haben die Machtverhältnisse in Spanien nach der napoleonischen Invasion von 1808 die Lage in den Kolonien zusätzlich verkompliziert. Denn der spanische König Fernando VII. hatte, um nicht auch noch die Kolonien an Napoleon zu verlieren, weitreichende Reformversprechen gemacht und die Kolonialbewohner geradezu aufgefordert, sich zu organisieren – selbstverständlich im Namen des Königs. So ist die erste Welle der Unabhängigkeit eher provisorisch und zwischen königsnahen und –fernen Konzepten zerstritten gewesen. Es hat gelegentlich etwas Komisches an sich, dass die großen 200-Jahr-Feiern in den verschiedenen lateinamerikanischen Staaten mit Bezug auf 1809 und 1810 begangen werden – als man sich eben noch gar nicht wirklich für unabhängig erklärt hatte, sondern „nur“ die ersten, wenn auch wichtigen Schritte in diese Richtung gegangen war. Es dürfte aus dieser Perspektive spannend werden, wie man 2016 in Argentinien, 2019 in Kolumbien oder 2021 in Mexiko dann die definitive Unabhängigkeit feiert, wenn man sie doch 2010 schon einmal abzelebriert hat. Denn erst als Fernando VII. die Macht in Spanien zurückgewann, die Reformmaßnahmen rückgängig machte und die Kolonien mit Ausnahme der La-Plata-Provinzen zurückeroberte, begannen die eigentlichen Unabhängigkeitskriege.
Rinke zeigt in übersichtlicher Kapitelfolge, wobei Haiti und Brasilien jeweils eigenständig abgehandelt werden, welche übergreifenden Gemeinsamkeiten zu erkennen sind. Sein Schwerpunkt liegt indes auf der Würdigung der jeweiligen regionalen Unterschiede und deren Interpretation. Dass die Vorgänge abseits der großen Zentren, etwa in Chile, in Zentralamerika oder in Paraguay, noch auf angemessene Weise einbezogen werden, passt zu dem Anspruch, ein auf lange Zeit gültiges Standardwerk zu schreiben – ein Anspruch, den Rinke zweifellos eingelöst hat.
Gleichwohl bleiben dabei drei Wünsche offen: Zum einen ist das Kartenmaterial so wenig detailgenau, wie man es aus anderen Werken kennt; zum anderen wird die materielle Grundlage, also die Quellensituation, zu wenig systematisch angesprochen. Vor allem aber wäre es wichtig, einmal gründlich die Forschungslage mit ihren Kontroversen darzustellen. Rinke präsentiert zwar im Einleitungskapitel knapp die großen Stationen der Interpretationen. Worüber man sich im Moment streitet, wird nur sporadisch sichtbar. Das umfangreiche Literaturverzeichnis ist allerdings bis 2009 geführt, und immer wieder lässt der Autor jüngste Positionen einfließen. Das könnte Stoff für einen weiteren Band dieser Art sein, den man sich in dieser – auch sprachlichen – Qualität nur erhoffen kann.

Stefan Rinke Revolutionen in Lateinamerika. Wege in die Unabhängigkeit // C.H.Beck // München 2010 // 29,90 Euro // 392 Seiten.

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