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Demokratischer Aufbruch in Chiapas

Um Eure Ideen und politischen Strukturen zu verstehen, haben wir einige Fragen. Könnt Ihr das Konzept der caracoles erklären und uns den Grund für die Wahl dieses Symbols nennen?

Schon vor dem 9. August 2003 haben wir uns auf die Ideen unserer Vorfahren berufen und beschlossen, die aguascalientes in caracoles umzubenennen. Das caracol, die Meeresschnecke, ist ein Kommunikationsmedium, das wie ein Horn benutzt wird. Je nachdem, ob es für einen Notruf eingesetzt wird, oder um eine Versammlung oder ein Fest über weite Entfernungen anzukündigen, hat das caracol einen unterschiedlichen Klang. Auf diese Weise haben unsere Vorfahren die Meeresschnecke mit viel Verstand eingesetzt, um über weite Strecken miteinander zu kommunizieren. Das caracol stellt für uns ein Kommunikationsmedium dar, über das wir mit unserer Unterstützungsbasis, sowie mit anderen indigenen Organisationen aus verschiedenen Staaten Mexikos und internationalen Gruppen aus der ganzen Welt in Kontakt stehen. Diese Vernetzung ist eine der großen Stärken des zapatistischen Kampfes.
Das caracol bedeutet für uns noch weit mehr als das aguascalientes – es ist nicht bloß eine politische Einrichtung, sondern ein Zentrum des politischen und kulturellen Austausches. Wir haben erlebt, wie viele mexikanische und internationale Nichtregierungsorganisationen ihre Solidarität mit dem zapatistischen Kampf erklären, und so haben wir uns neu strukturiert und die caracoles als Zentren eingerichtet, mittels derer wir mit ihnen sprechen und die Arbeit und den Kampf voranbringen können.

Uns interessiert die Struktur eures demokratischen Systems. Welche verschiedenen Ebenen gibt es zwischen der Unterstützungsbasis und der „guten Regierung“?

Wenn wir über Demokratie sprechen, müsst ihr sehen, dass es hier zwei Arten der Demokratie gibt. Es gibt die Demokratie des Volkes und es gibt die Demokratie des mexikanischen Staates. Letztere beinhaltet, dass die Regierung vor jeder Wahl Millionen von Pesos ausgibt, um seine Demokratie zu erhalten, um massenhaft Plakate aufzuhängen und Medienkampagnen zu finanzieren. Wir Zapatisten auf der anderen Seite brauchen nicht einen Cent, um die Demokratie zu errichten.
Die Demokratie ist das Bewusstsein des Volkes. Die Demokratie ist auch eine Notwendigkeit. Und die Demokratie ist wichtig für die gesamte Menschheit. Im Zapatismus werden die Aufgaben und Verantwortlichkeiten durch die Basis an einzelne Personen übergeben. Aus der Basis entspringt die Demokratie. Auf Gemeindeebene (municipio) muss der Autonome Rat (consejo autónomo) von der Basis gewählt werden, und zwar von einer Vollversammlung (asamblea general), an der Frauen, Männer und auch Jugendliche und Kinder teilnehmen. Die Regierung (junta de buen gobierno) wird dann von Mitgliedern der Autonomen Räte gestellt.

Ist es die Aufgabe eines Delegierten, eigene Entscheidungen zu treffen oder ist er nur Träger der Entscheidung, die auf Basisebene gefällt wurde?

Das hängt von der Angelegenheit ab. Wenn es um eine wichtige und grundlegende Entscheidung geht, kann der Delegierte nicht frei entscheiden, sondern muss seine Basis konsultieren. Aber kleine Entscheidungen fällt die junta de buen gobierno selbst.

Wie sieht die Aufgabe eines Delegierten aus und wie lang ist die Dauer seines Amtes?

Für die Räte des Autonomen Rates dauert eine Amtszeit drei Jahre. Nach zweieinhalb Jahren wird eine Vollversammlung einberufen, um die neuen Delegierten zu bestimmen. Sobald die Personen gewählt sind, beginnen sie mit der Vorbereitung. Wir sind alle Bauern, deshalb brauchen die neu Gewählten Zeit, um die notwendigen Dinge zu regeln. Aber die junta de buen gobierno selbst existiert ja erst seit ein paar Monaten, deshalb können wir noch nicht sagen, wie lange eine Amtszeit dauert. Das hängt auch von den Personen ab. Wenn die Leute sehen, dass die Delegierten ihre Entscheidungen nicht ausführen, setzen sie sie ab und benennen neue.

Die Emanzipation der Frauen ist ein wichtiger Teil des zapatistischen Kampfes. Gibt es Frauen in der Regierung?

Antwort der weiblichen Vertreterin: Im Moment gibt es noch keine Frauen in der Regierung. Die caracoles entstehen gerade erst und wir Frauen werden Schritt für Schritt unsere Arbeit aufnehmen, auch wenn die Situation für uns besonders schwierig ist. Für uns Frauen ist es schwieriger als für die Männer, weil wir zum Beispiel nicht allein in andere Orte gehen können, sondern immer Begleitung brauchen. Aber auch wir übernehmen Verantwortung. In den indigenen Gemeinden beteiligen sich Frauen am politischen Leben und übernehmen auch Aufgaben im Bereich der Bildung und der Gesundheit.

Welche Art der internationalen Hilfe braucht ihr am dringendsten?

Hilfe brauchen wir vor allem bei der medizinischen Versorgung. Hier in Oventik gibt es die Klinik Guadalupe, die Geld- und Sachspenden mit neun angegliederten Mikrokliniken in verschiedenen Dörfern teilt. Bevor es die caracoles gab, musste jeder Patient Behandlung und Medizin bezahlen, wovon das medizinische Personal leben konnte. Aber seit den Veränderungen, die auf den 10. August 2003 folgten, muss niemand mehr für Medikamente oder ärztliche Behandlungen zahlen, alles ist kostenlos. Zur Zeit haben wir hier circa 50 Patienten pro Tag, die nicht kommen könnten, wenn wir für die Behandlung Geld verlangen würden, weil sie keines haben. Was sie haben sind Kopf- oder Bauchschmerzen. Wir brauchen auch Unterstützung im Bildungswesen. Die Schüler in Oventik kommen teilweise aus sehr abgelegenen Dörfern, und wir müssen sie hier unterbringen und versorgen.
Und dann gibt es noch die Vertriebenen in Polhó. Dort leben jetzt 5.333 Menschen; sie haben keine Häuser und keine Nahrungsmittel. Wir kaufen schon monatlich 28 Tonnen Nahrungsmittel, aber das ergibt für jede Person nur fünf Kilogramm – monatlich!
Das sind die drei wichtigsten Punkte. Spenden für die Flüchtlinge gehen direkt nach Polhó, Spenden für Bildung und Gesundheit werden von der Regierung verteilt, damit nicht einzelne Gemeinden bevorzugt werden.

Die autonomen Gemeinden existieren jetzt seit zehn Jahren. Wenn ihr noch zehn Jahre weiter in die Zukunft denkt, wie sieht das Leben hier aus?

Wir spüren diese zehn Jahre nicht direkt, wir sehen nur einen Fortschritt im Kampf. Anfangs hat die mexikanische Regierung uns geschlagen, aber sie konnten nicht alle töten. Jetzt bilden wir schon eigenständige Bezirke (municipios autónomos).
Wenn ich in die Zukunft sehe, dann hat dort jeder, der hier geboren wird, schon seine eigene Gemeinde. Jeder kleine Junge und jedes kleine Mädchen wächst in seinem municipio auf, weil seine Eltern und Geschwister dafür gekämpft und es errichtet haben. Sie sind nicht mehr abhängig von der Bundesregierung, sondern haben ihre eigene Regierung, die Regierung der Bauern selbst, der Indígenas selbst – sie sind es, die regieren.

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