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Den Teufel und das Akkordeon besiegt

In Deutschland wurde das Akkordeon geboren. Und in Kolumbien wurde der geboren, der es spielen kann!“ Kein Zweifel, auf wen sich dieser Spruch Pacho Radas bezieht. Auf ihn selbst. An Minderwertigkeitskomplexen leidet er sicher nicht, der zierliche alte Musiker, der in einer Barackensiedlung am Rande der Karibikstadt Santa Marta haust. Wenn die Kamera Pacho Rada folgt, wie er, über einen schäbigen Bottich gebeugt, mit zaghaften Bewegungen seinen knochigen Körper säubert, fragt man sich allerdings unwillkürlich: Ist er dies wirklich, der „König des kolumbianischen Son“? Ist dies der legendäre Akkordeonist, der eines Nachts den Teufel besiegt haben soll, weil er sein Instrument besser beherrschte als dieser? Der Gabriel García Márquez beim Schreiben von „Hundert Jahre Einsamkeit“ zu der Romanfigur „Francisco el hombre“ inspirierte? Der angeblich – seine Tochter hat nachgezählt! – 422 Enkel und Urenkel in die Welt setzte? „Ich eine Legende, was für ein Unsinn.“, meint Pacho Rada selbst in einer Mischung aus Bescheidenheit und Koketterie.
Der unverwüstliche Charme von alten Musikern scheint es dem Schweizer Dokumentarfilmer Stefan Schwietert angetan zu haben. Bereits 1997 drehte Schwietert A tickle in the heart über die Epstein Brothers, eine legendäre New Yorker Klezmer-Combo. Ähnlich wie bei diesem gut geglückten Porträt verwebt Schwietert auch in seinem neuen Dokumentarfilm El acordeón del diablo, der die Geschichte Pacho Radas erzählt, die Geschichte der Musiker mit der ihrer Musik. Rada, der mit vier Jahren zum ersten Mal zum Akkordeon griff, hat es zwar zu Berühmtheit gebracht. Den Reibach machen allerdings seit den Sechzigern und Siebzigern Andere mit seiner Musik. Viele Leute dächten, er sei reich, meint Rada. Dabei wisse er manchmal nicht, was er am nächsten Tag essen solle. Erst vor wenigen Jahren hat Radas Tochter begonnen, ein Verzeichnis der Lieder ihres Vaters anzufertigen, um sie vor Ideenklau zu schützen. „Heute wird viel Rummel um die Musik gemacht“, meint Rada fast ein bisschen erstaunt. Wie eine kleine verstohlene Rache an den Plagiaten klingt es, wenn er sich über die Banalität aktueller Vallenato- und Cumbia-Hits mokiert. „Heute geht es in den Liedern nur noch um Phantasien von Frauen“, meint Rada und äfft sie nach: „Y tu y tu y tu y tu…“ – „Und du und du und du und du….“. Die Leute haben nicht mal Namen“, meint er abschätzig. Auch eines seiner Stücke hätten sie einfach verhunzt, damit alle besser mitgröhlen könnten. Statt „Francisco“ heisse es jetzt schlicht „tu negro“, „dein Schwarzer“.

Eigene Biographie als Geschichte

Daran, dass Pacho Rada viel zu erzählen hat, lässt der Film keinen Zweifel. Doch klafft häufig eine Schere zwischen dem, was zu sehen ist, nämlich einem alten Herrn, der sich langsam vorwärts bewegt und ruhig in der Hängematte liegt, und den wilden Geschichten, die sich um ihn ranken. Ganz offensichtlich bringt Pacho Rada über weite Strecken nicht mehr die Energie auf, um den Protagonisten seiner eigenen Biographie abzugeben. Entsprechend greift der Regisseur zu dem Kunstgriff, die Dinge, die Rada nicht vor der Kamera erzählt, durch einen Ich-Erzähler aus dem Off berichten zu lassen. Diese inneren Monologe – in der deutschen Fassung spricht sie Günter Lamprecht – basieren auf Schwieterts Interviews mit Rada und auf autobiographischen Aufzeichnungen, die als Buch erschienen sind. Die Omnipräsenz des körperlosen Erzählers, dessen Stimme so ganz anders ist als die des Protagonisten, nimmt der Geschichte einiges an Lebendigkeit. Gleichzeitig verleiht dieser Kunstgriff ihr jedoch eine fast literarische Dimension. Der Erzählfaden klebt nicht, wie in vielen anderen biographischen Filmen, eng an der Hauptperson, sondern wird in verschiedene Richtungen gesponnen. Weil Rada zu alt ist, um wie früher über Land zu fahren, begleitet das Team seinen Sohn Manuel auf einer Busfahrt an die Grenze zu Venezuela. Dort gibt es die besten und billigsten Akkordeons – natürlich alles Schmuggelware. Manuel wirkt wie das jüngere Alter Ego seines Vaters, allerdings eine Ecke vulgärer. Pacho Raba erzählt mit fast schüchternem Unterstatement: „Natürlich gefiel ich den Frauen, aber das lag eher an dem Akkordeon als an mir, ich war nie ein hübscher Kerl“ Dagegen lässt Manuel das Macho-Großmaul heraushängen: „Feste, Rum und Frauen und das Leben ohne Verpflichtungen“, lautet der Refrain eines seiner Werke.
Jenseits von Jubel, Trubel, Fiesta holen aber auch die Schattenseiten der kolumbianischen Realität den Film immer wieder ein. So erzählt ein Musiker en passant, dass für die Leute an der kolumbianischen Karibikküste die „Drogenbonanza Teil der Folklore“ sei: „In den Siebzigern identifizierten sich die Leute mit den Drogenhändlern.“ Narcos und Schmuggler, grosskotzige Machos und verlassene Frauen, Sippschaften, die ganze Elendsviertel bevölkern, Leben, die sich ohne Netz und doppelten Boden zwischen Ruhm und Elend abspielen. Ganz nebenbei zeichnet El acordeón del diablo eine Skizze der kolumbianischen Gesellschaft.
„Wenn der Teufel mir nur etwas Geld gäbe“, singt Petrona, eine alte schwarze Geschichtenerzählerin, die ihr Leben am Ufer des Rio Magdalena verbracht hat. Nachdem sie dieses Lied dichtete, habe sie Kreuze aufgehängt, erzählt sie. Die waren allerdings kurz danach herunter gerissen. War es der Wind, das teuflische Kind? Unübersehbar ist die Seelenverwandtschaft von Schwieterts Films mit dem erzählerischen Universum der fahrenden Sänger und Geschichtenerzähler sowie mit der Literatur Gabriel García Márquez’. Dieser, selbst großer Vallenato-Fan, hatte ursprünglich zugesagt, als Interviewpartner mitzuwirken, musste aber wegen seiner Krebserkrankung absagen. Auch was andere unglückliche Zwischenfälle angeht, steckte der Teufel bei diesem Projekt in vielen Details: So zerstörten die kolumbianischen Zollbehörden in Bogotá auf der Suche nach Drogen einen Teil des belichteten Materials, weswegen etliche Szenen nachgedreht werden mussten. Da grenzt es fast an ein Wunder, dass das Filmteam bei seiner Rückkehr den greisen Akkordeonisten noch lebend erwischte.

Dritte Hochzeit

Nicht nur das: Rada hatte sich sogar, wie der Nachspann verrät, in seinem zarten Alter noch einmal verliebt und zum dritten Mal geheiratet. Da müsste es doch mit dem Teufel zugehen, wenn Pacho Rada nicht sämtliche der Vallenato-Pop-Sänger, die seine Lieder klauen und sich dabei eine goldene Nase verdienen, überlebt!

El acordeón del diablo. Regie: Stefan Schwietert: Deuschland / Schweiz 2000, Farbe, 90 Minuten. Der Film startet am 8. März 2001 im Kino.

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