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Das Kino im Kopf

Beto hütet seit über zehn Jahren eine zum Verkauf stehende Villa in Mexiko-Stadt. Er lebt wie ein Einsiedler inmitten der geschäftigen Großstadt. Seine Kontakte zur Außenwelt beschränken sich auf die Hausbesitzerin, die ab und an zu Kontrollbesuchen vorbeischaut, und Lupe, einer Prostituierten, die er einmal die Woche für ein wenig Gesellschaft bezahlt. Die ersten im Film gesprochenen Worte kommen aus seinem einzigen Fenster zur Welt, dem Fernseher, der immer wieder blutige Nachrichten zeigt. Als das Haus schließlich tatsächlich einen Käufer findet, sieht Beto sein monotones, doch sicheres Leben in Gefahr. Um in seiner Isolation bleiben zu können, bedient er sich des einzigen Auswegs, den er aus den Medien kennen gelernt hat – es kommt zum großen Knall.
Der 32-jährige Nachwuchsregisseur Enrique Rivero beschreibt in seinem ersten Spielfilm das Elend eines Individuums und einer ganzen Bevölkerungsschicht, die die undankbarsten Arbeiten erledigen muss. Dabei mischt er Dokumentarisches mit Fiktion. Hauptdarsteller Nolberto “Beto” Coria ist tatsächlich der Hüter der etwas in die Jahre gekommenen Villa. Sie steht in dem Parque Vía in Mexiko-Stadt – und bis heute zum Verkauf. „Als Enrique mich fragte, ob ich mich selbst spielen wolle, wusste ich zunächst nicht, wie ich das anstellen sollte…“, erzählt der schüchtern wirkende Coria in Locarno.
Für den Zuschauer endlose Minuten lang schlurft Beto dann im Film über die leeren Flure, sein Blick ausdruckslos, mechanisch mäht er den Rasen, putzt Fenster, bügelt seine weißen Hemden. Einige Kinobesucher rutschten nach der ersten halben Stunde unruhig auf ihren Sitzen hin und her. Eine vom Regisseur durchaus beabsichtigte Reaktion. „Ich will, dass der Zuschauer die Monotonie in Betos Leben miterleben kann“, so Rivero. Ob er es damit allerdings in die kommerziellen Kinos schaffen wird, ist fraglich. Noch hat er keinen Verleiher gefunden – trotz des Goldenen Leoparden in Locarno. Ein Schicksal, das Rivero mit den meisten seiner eingeladenen KollegInnen aus Lateinamerika teilt.
Wie Rivero haben sich auch andere RegisseurInnen auf Alltagsgeschichten gestürzt, auf persönliche Erzählungendie, die das Kino im Kopf sichtbar machen sollen. So war es auch mit geringem Startkapital möglich, Filme zu produzieren – eine Befreiung für das lateinamerikanische Kino, das lange Zeit auf internationale Zuschüsse angewiesen war, bevor digitales Video die Produktion revolutionierte.
Doch die meisten dieser in Locarno gezeigten Filme funktionieren nur auf Festivals, fasst der argentinische Producer Hernán Musaluppi den Frust vieler RegisseurInnen bei einer Podiumsdiskussion zusammen. Sein Land erlebe zwar wie einige andere auch einen Boom im Filmgeschäft, und obwohl Argentinien vergleichsweise hohe staatliche Zuschüsse vergebe, machten diese häufig nicht einmal 30 Prozent der Produktionskosten aus. Die Folge: FilmemacherInnen müssten sich zwangsläufig nach anderer Unterstützung umsehen – und die komme zum Großteil aus Europa.
So sitzen beispielsweise beim neuen Spielfilm Dioses des 32jährigen peruanischen Regisseurs Josué Méndez neben Argentinien auch Deutschland und Frankreich als Produktionspartner mit im Boot.
Wie Parque Vía zeigt auch Dioses die sich nicht berührenden Parallelwelten in Lateinamerika, die Menschen nach Herkunft, Geld und Klasse einteilen. Dioses widmet sich jedoch dem Alltag der Oberschicht in Peru, jenem Teil der Gesellschaft, der sich bewusst von den sozialen und wirtschaftlichen Problemen des Landes abschottet. „Ich denke, es ist wichtig, nicht nur die ökonomische, sondern auch die moralische Misere in meiner Gesellschaft zu zeigen, die uns davon abhält, uns zu einer offeneren, toleranteren und ehrlicheren Gesellschaft zu entwickeln“, erklärt Méndez. Ähnlich wie in Parque Vía leben auch die Charaktere in Dioses in einer selbst gewählten Isolation. Diego ist in seine Schwester Andrea verliebt und kämpft mit Einsamkeit und Schuldgefühlen. Nichts ändert sich ,als der Vater seine neue Freundin Elisa mit nach Hause bringt. Sie ist 20 Jahre jünger als er, stammt aus den Armenvierteln und muss erst noch die Regeln lernen, die ihr neuer Status verlangt. Sie übt das aufgesetzte Lächeln vor dem Spiegel und verleugnet ihre Familie um eine respektable Vertreterin dieser Bourgeoisie zu werden. Méndez schafft es mit seinem zweiten Spielfilm, trotz des Einflusses internationaler Geldgeber, eine peruanische Geschichte zu erzählen, deren vielschichtige Anspielungen vielleicht nicht überall verstanden werden.
Um wirklich unabhängige Filme machen zu können, fehlen vor allem regionale Kontakte und Koproduktionen, beklagte der chilenische Regisseur Bruno Bettati: „Lateinamerikanische Regisseure und Produzenten müssen scheinbar erst auf europäische Festivals reisen, um sich kennen zu lernen.“
Die Finanzspritzen aus europäischen Ländern führen jedoch zu einer Verwässerung lateinamerikanischer Realität, da AutorInnen sich vor den GeldgeberInnen für ihre Geschichten rechtfertigen müssten, folgerte der chilenische Regisseur Alejandro Fernandez Almendras. Denn wer das Geld gebe, der wolle meistens auch Einfluss auf den Inhalt nehmen. „Ich habe es satt, ständig spanische Pfarrer in chilenischen Filmen zu sehen“, so Almendras. Er forderte zusammen mit anderen lateinamerikanischen Filmemachern auf dem Festival mehr finanzielle Unabhängigkeit von außen – sprich: mehr finanzielle Unterstützung durch regionale lateinamerikanische Filmfonds und länderübergreifende Zusammenarbeit. Die 50.000 Franken Preisgeld (ca. 31.000 Euro), die er bei den „Open Doors“ für die Entwicklung seines neuen Projektes Sentados frente al fuego gewann, die nahm Almendras dann aber doch freudestrahlend an.

Vom 6. bis 16. August 2008 zeigte das Internationale Filmfestival Locarno in 12 Kategorien rund 400 Filme aus aller Welt. Weitere Infos: www.pardo.ch

Kasten:
Einige sehenswerte Produktionen
Postales de Leningrado (Venezuela, Peru, 90’) // In den 60er Jahren während des bewaffneten Aufstandes in Venezuela muss eine Guerillera ihr Kind inkognito zur Welt bringen. Sie überlässt die Tochter den Revolutionären. Verkleiden, Verstecken, falsche Identitäten prägen den Alltag des Mädchens. Mit viel Fantasie erfindet es das Leben, die Eltern und die Guerilla neu.
Stranded – I´ve come from a plane that crashed on the mountains (Uruguay, Frankreich 127’) // Im Oktober 1972 stürzt ein Flugzeug mit der uruguayischen Rugby-Mannschaft an Bord in den Anden ab. Der Dokumentarfilm begleitet die Überlebenden zurück an den Ort des Unglücks.

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