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Der differenzierte Blick

Der 1929 in Zürich geborene Schriftsteller und Journalist Hugo Loetscher hat das geistige Leben der Schweiz wesentlich geprägt. Ihm ging es um das, was übrig bleibt, wenn sich ein vorgefertigtes Bild nicht mit der Wirklichkeit in Deckung bringen lässt: um das Weggedrängte, Vergessene. Sein erster Romantitel lautete Abwässer (1963) und beschrieb, was in der Schweiz alles so in den Untergrund gespült wird. Schon seit den sechziger Jahren allerdings ging Loetscher über die Schweiz hinaus: Auch in den USA, in Lateinamerika und Südostasien fand er das Übersehene, er erzählte und schrieb davon und erreichte als Redakteur bei der Kulturzeitschrift du, bei der Weltwoche und der Neuen Zürcher Zeitung ein großes Publikum. Insbesondere der brasilianische Nordosten hat es ihm angetan. Dieser kargen Region, dem Sertão, widmete er nicht nur Dutzende von Artikeln, sondern auch den Roman Wunderwelt. Eine brasilianische Begegnung (1979). Anders als der Titel vermuten lässt, verfiel Loetscher hier nicht dem Sog des Magischen Realismus, sondern bemühte sich um Einfühlung: Bei der Beerdigung eines kleinen Mädchens erzählt ein zufällig hinzugekommener Reisender eben diesem Mädchen, was er von der Welt weiß und was es hätte werden können, wenn es nicht gestorben wäre.
Loetscher war als Rezensent lateinamerikanischer Literatur einer, der sein Geschäft ernst nahm, genau las und Wert darauf legte, das jeweilige Buch in den historisch-politischen Kontext zu stellen. Er war ein Linker, der an den wichtigen Debatten seiner Zeit teilnahm, ohne sich einer Fraktion zu verhaften. Er war einer, der sich Zeit nahm und bei aller Lust am Widerspruch vor allem eines blieb: ein Menschenfreund. Am 18. August 2009 ist Hugo Loetscher nach einer Herzoperation gestorben.

Soeben sind Loetschers Lebenserinnerungen erschienen:
Hugo Loetscher // War meine Zeit meine Zeit // Diogenes Verlag // Zürich 2009 // 409 Seiten // 21,90 Euro.

In den Slums von Brasília

Auszug aus Hugo Loetschers Lebenserinnerungen
Diese Wildweststadt ist die Gegenstadt zu Brasília, der „Hauptstadt der Hoffnung“, gebaut in die Einöde einer Hochebene hinein. Inmitten einer Steppe eine urbane Landschaft aus Zement, Stahl und Glas. Als die Stadt ihren zehnten Geburtstag feierte, war das Anlass genug, um den „Platz der drei Gewalten“ mit seiner Plastik aufzusuchen, die vielfotografierten Schalendächer des Kongressgebäudes zu bewundern, die Kelchform der Kathedrale und die Pyramide des Nationaltheaters. In einer Kapelle staunte ich, wie Beton Frömmigkeit ermöglicht. Gleichzeitig erfuhr ich, wie großzügige Räumlichkeit Leere vermittelt. Tote Grünflächen, zwischen den Quaderblöcken der Ministerien und Wohnbauten ein Vakuum, die Straßen und Plätze menschenleer.
Das verhält sich in Núcleo Bandeirante anders, in den Slums von Brasilia, die nicht wie in Rio favelas heißen, sondern invasões. In diesen „Invasionen“ pulsiert das Leben, ungeplant und unbekümmert, ordinär, laut und brutal, sich behauptend und erwartungsvoll. Also dorthin, zu denen gehen, die Brasilia gebaut haben, zu ihren Barackensiedlungen, in denen sie während der Bauarbeiten lebten und wo sie nach der Einweihung blieben. Für sie war auf keinem Reißbrett geplant worden, sie waren für die Zukunft nicht vorgesehen. Ihnen sind andere nachgefolgt, auf die kein Haus wartete; sie brachten zwei Hände mit, um aus Zusammengesuchtem Wände und ein Dach zu zimmern.
Nichtvorgesehenen bin ich unter allen Himmelsstrichen begegnet …

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