«

»

Artikel drucken

Der Geschmack der Eichel

Was braucht der Mensch zum glücklich sein? Liebe natürlich, so lautet zumindest die Antwort des mexikanischen Films Tausend Friedenswolken umrahmen den Himmel – Liebe, du wirst niemals aufhören, Liebe zu sein. Und was ist dieses vielbeschworene Gefühl? Im Grunde doch nichts als eine Illusion, ein Lied aus einem alten spanischen Kitschfilm. Liebe ist der bittere Geschmack im Mund nach dem Sex und Liebe endet immer in Trauer und Einsamkeit. Ich liebe dich. Ich tue dir weh. Nichts schmerzt so sehr wie die Liebe.
Mit Tausend Friedenswolken errichtet der Mexikaner Julián Hernández ein Monument in schwarz-weiß für das lustvoll schmerzhafte Gefühl des Verlassenseins, ein Denkmal für die Abwesenheit, für die Leere die eine Trennung hinterlässt.
Der Film zeichnet das düster melancholische Porträt des jungen Schwulen Gerardo in Mexiko-Stadt, der auf der Suche nach sich und seinen Grenzen ist. In einem Akt der Rebellion gegen soziale und finanzielle Abhängigkeit und gegen die Zwänge einer homophoben Gesellschaft hat Gerardo gerade die Schule geschmissen und das Haus seiner Mutter verlassen. Seine Welt ist die der schnellen, oberflächlichen sexuellen Begegnungen in Kneipentoiletten und Bauruinen, die er sich gelegentlich bezahlen lässt. Fast voyeuristisch folgt ihm die Kamera bis in die intimsten Momente. Prüfende, anzügliche Blicke streifen seinen Nacken über dem weißen Hemd, seinen Hintern, machen ihn zum Objekt der Begierde, zum Sexobjekt. Gerardo probiert seinen Körper aus und seine Lust bei anonymem Sex mit beliebig wechselnden Männern. Doch neben diesen rein körperlichen Erfahrungen hofft er auf die große Liebe, den Märchenprinzen, der ihm in Gestalt des etwas älteren Bruno begegnet. Statt Qui-ckies an versteckten Treffpunkten, teilen die beiden ein gemeinsames Bett und Gerardo findet bei Bruno ungewohnte Zärtlichkeit und Anerkennung.
Als Bruno jedoch mit einem Brief die Beziehung beendet und sich aus Gerardos Leben verabschiedet, scheint der junge Mann im Leid zu versinken. Das unendlich langsame Tempo des Films hinterlässt ein Gefühl der Lähmung, als bliebe die Zeit stehen. Jede Einstellung scheint sich ins Endlose auszudehnen und schenkt so die Zeit, alle Einzelheiten der poetischen Bilder zu erfassen. Fast leere Räume lenken die ganze Aufmerksamkeit auf Details wie beispielsweise den Plattenspieler in Gerardos ärmlichem Zimmer, auf dem sich immerzu die Schallplatte mit ihrem Lied dreht. Oder auf das Telefon, das Gerardo stundenlang zu hypnotisieren versucht in der Hoffnung auf einen Anruf, der doch nicht kommt.
Auch die Menschen um ihn herum sind nicht glücklich. Mexiko-Stadt ist voll von Enttäuschten, von verkrachten Existenzen und Ausgestoßenen, die sich manchmal an verborgenen Straßenecken gegenseitig Trost spenden. Da ist die schöne, langsam in die Jahre kommende Frau, die auch von einem Mann verlassen wurde und die bis in alle Ewigkeit auf ihn warten wird, weil er doch versprochen hat zurückzukehren. Oder Marí, die hochschwanger und allein im Café arbeitet. Was soll werden, wenn sie ihre Arbeit verliert? Und wie soll sie es schaffen, ihrem Kind ein besseres Leben zu ermöglichen als sie selbst es führt? Marís Sorge um die Zukunft steht Gerardos Fixierung auf die Vergangenheit diametral entgegen. Doch für beide ist es in diesem Moment nicht möglich, das Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Gerardo ist zu versteinert in seiner rückwärtsgerichteten Trauer. So kreist die Kamera um ihn herum bis zur letzten Minute, untersucht ihn von allen Seiten, um in seinem Gesicht zu lesen, was der stille Junge nicht ausspricht. Und seine Gedanken drehen sich weiter immerzu um Bruno, den Anfangs- und Endpunkt seines Leidens. Immer wieder kehrt er an die Orte zurück, die er mit dem Geliebten besuchte – die Brücke, das Café, die Absteige. Er lässt die Erinnerungen vor seinem inneren Auge vorbeiziehen. Wunschvorstellungen und Realität vermischen sich sacht. Alles wiederholt sich, alles erstarrt in dem Gedanken an Bruno und in dem Schmerz, den seine Abwesenheit verursacht.
Tausend Friedenswolken ist bereits der zweite Langspielfilm des Mexikaners Julián Hernández, der für seine perfekt ausgeleuchtete schwarzweiß Ästhetik als Meister über Licht und Schatten bekannt ist. Und ebenso berüchtigt für das absolute Fehlen jeden humorvollen Augenzwinkerns in seinen Filmen. Die Schwulen in Hernández Filmen haben nichts gemein mit dem allzu oft reproduzierten ironisierten Klischee der Tunte, die als Künstler, Friseur oder bester Freund von Frauen im lateinamerikanischen Kino auftaucht. Sowohl Gerardo als auch die anderen Männer und Frauen im Film sind feinschichtig charakterisierte Individuen und lassen sich eben nicht mehr auf den ersten Blick einordnen. Sein erster Langspielfilm Hubo un tiempo en que los sueños dieron paso a largas noches de insomnio (Lange Nächte der Schlaflosigkeit) lief 1998 mit großem Erfolg auf dem Filmfestival der sexuellen Vielfalt in Mexiko.

Mil nubes de paz cercan el cielo – amor jamás acabarás de ser amor; Regie: Julián Hernández; Mexiko 2002; Schwarzweiß. Der Film wird gezeigt im Panorama der Berlinale (6. bis 16. Februar 2003)

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/der-geschmack-der-eichel/