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Zuckervorhang leicht geöffnet

Mit einem hellen Häubchen auf dem langen, dunkelblonden Haar und einem auffällig kurzen weißen Kittel eilt Mercedes auf klackernden Absätzen zwischen Krankenbett und Schwesternzimmer hin und her. Mit Wimperngeklimper umgarnt sie Frank, einen Expolizisten, der wie ein Hahn durchs Krankenzimmer stolziert und mittels Kreuzverhör unter den BesucherInnen aufdeckt, warum der junge Federico, mit getuschten Wimpern und ins Koma geprügelt, in der Klinik liegt.
Arturo Sottos Komödie La noche de los inocentes („Nacht der unschuldigen Kinder“, Kuba 2007) war einer der Publikumsmagnete auf dem 29. Havanna-Filmfestival im Dezember. Einen klassischen roten Teppich sucht man auf dem Festival vergeblich. Promis sind zwar bei den Vorführungen zugegen, Raum für Gespräche oder öffentliche Diskussionen mit RegisseurInnen und SchauspielerInnen gibt es allerdings nicht.
Das Havanna-Filmfestival ist sicher eines des bedeutendsten Kulturereignisse Kubas. Seit 28 Jahren stellt es den neuen lateinamerikanischen Film in den Vordergrund und setzt ihn damit dem internationalen Mainstream entgegen. Mit diesem Konzept hat Kuba weltweit Aufmerksamkeit erregt. Internationale Gäste ohne Spanischkenntnisse haben es jedoch schwer. Lediglich die Wettbewerbsfilme, die in diesem Jahr sehenswert, aber kaum herausragend waren, wurden simultan ins Englische gedolmetscht – und das auch nur in einem einzigen der über 20 auf Havanna und Umgebung verteilten Festival-Kinos. Klassische Kopfhörer waren nicht im Angebot, vielmehr hängte man sich ein Plastikgehäuse an ein Ohr, über das man dann eine mehr oder weniger gute Übersetzung zu hören bekam. Etwas Besseres gab es nicht, auch nicht für die international besetzte Jury. Wie allerdings ein türkischer Filmkritiker und Dokumentarfilmer, der kein Wort Spanisch spricht, so die 20 Spielfilme im Wettbewerb angemessen beurteilen sollte, blieb offen.
Es verwunderte also nicht, dass Necati Sönmez, Juror aus Istanbul, zunächst entgangen war, dass Carlos Reygadas mit Stellet Licht („Stilles Licht“ Mex 2007), einer plattdeutschen Liebesgeschichte im Norden Mexikos, ein außergewöhnlich authentisches und ergreifendes Bild mennonitischer Gemeinden in Lateinamerika zeichnet.
Die Jury lobte den kühnen und innovativen Charakter des Films: „Er erreicht die Meisterhaftigkeit eines Klassikers“. Das mexikanische Kunstwerk gewann die erste Koralle – das kubanische Pendant zum Goldenen Bären der Berlinale.
Der Film ist jedoch offensichtlich nichts für ein Massenpublikum: Während La noche de los inocentes tosenden Applaus erntete, sahen sich zahlreiche Kinogäste den inneren moralischen Kampf des verheirateten Mennoniten Johan, hin- und her-gerissen zwischen Gott und einer anderen Frau, gar nicht erst bis zum Ende an. Nach fünf Festivaltagen fehlte vielen offenbar die Geduld, sich auf den sehr langsamen und wortarmen, gleichzeitig aber äußerst bildstarken Film mit seinen LaienschauspielerInnen einzulassen. Stellet Licht, der bereits in Cannes den Jurypreis bekam, holte in Havanna völlig zu Recht ebenfalls die Korallen für die beste Fotografie und den besten Sound.
Neben Mexiko waren es in diesem Jahr vor allem Argentinien und Brasilien, die mit zahlreichen Beiträgen auf dem Festival vertreten waren. Unter den 500 Filmtiteln, die unter anderem in den Sektionen Experimentalfilm, internationales Panorama mit preisgekrönten Werken und Reihe Deutsches Kino liefen, wurden vermehrt lateinamerikanische Werke gezeigt, die sich mit den Siebzigerjahren auseinandersetzen. In Matar a todos („Alle umbringen!“, Chile/Arg/Uru/D 2007) geht der Uruguayer Esteban Schroeder beispielsweise den Machenschaften des chilenischen Biochemikers Eugenio Berríos Sagredo nach, der für Pinochets Geheimpolizei DINA arbeitete. Im so genannten Projekt „Andrea“, wurden während der Diktatur Tausende Menschen mit dem Nervenkampfstoff Sarin, medizinisch kaum nachweisbar, getötet. Für ihre exzellent gespielte Rolle als engagiert recherchierende Anwältin erhielt die Uruguayerin Roxana Blanco die Koralle für die beste Hauptdarstellerin in diesem Politstück.
Aber auch Kritik an Realitäten sozialistischer Gesellschaftsentwürfe war möglich. So wurde etwa der Stasi-Film Das Leben der Anderen (D/F 2006) gezeigt, der viele KinobesucherInnen deutlich berührte. In ihrem Dokumentarfilm El telón de azúcar („Hinter dem Zuckervorhang“, F/Sp/Kuba 2005) erzählt Camila Guzmán Urzúa von den kubanischen Träumen von einer gerechteren Welt und der gescheiterten Illusion eines sozialistischen Paradieses. Die gebürtige Chilenin, die selbst auf der Insel aufwuchs und sie 1990 verließ, geht dabei den Spuren ihrer eigenen Jugend nach. Mit dem eindrucksvollen Porträt ihrer Generation holte sie die Koralle für den besten Dokumentarfilm.
Eingerahmt wurde das Filmfestival jedoch nicht von lateinamerikanischen Themen, sondern von großer Weltpolitik. Den Anfang bildete das in Venedig preisgekrönte Doku-Drama Redacted („Editiert“, USA 2007) über die unsäglichen Exzesse von US-Soldaten im Irakkrieg. Die Bush-Regierung machte ihrem Ruf in Kuba dabei alle Ehre: Regisseur Brian De Palma konnte bei der Aufführung nicht anwesend sein, da ihm von den US-Behörden die Ausreisegenehmigung auf die Insel verweigert worden war.
Mit dem Dokumentarfilm Earth („Unsere Erde – Der Film“, GB/D 2007) wurde zum Abschluss ein Beitrag zur Klimadebatte gezeigt. Zuvor lenkte Alfredo Guevara, der langjährige Festivalpräsident, in seiner Abschlussrede die Aufmerksamkeit auf die revolutionäre Tradition und den Zusammenhang zwischen Kunst und politischer Intervention: „Ein Revolutionär zu sein, heißt, Dichter zu sein – und auch jeder Künstler ist revolutionär, selbst wenn es ihm nicht bewusst ist. Wer sich daran macht, die Wirklichkeit zu revolutionieren, und dies erreicht, ist ein Poet. Er fängt Augenblicke des Seins ein und lässt sie in die Ewigkeit eingehen.“
Größen wie der kolumbianische Nobelpreisträger Gabriel García Márquez, der das Filmfestival 1979 mitgründete, und der argentinische Rockmusiker Fito Páez stiegen im Hotel Nacional ab, dem Luxusbau der Jahrhundertwende, wo sich nicht nur die Welt des kubanischen Films im Dezember versammelt. Auch Enrique Pineda Barnet, ein nahezu vergessener Star des kubanischen Kinos, war dort anzutreffen. Der Revolutionär und Koautor vom Drehbuch des Welterfolgs Soy Cuba („Ich bin Kuba“, Kuba/UdSSR 1964) wurde in diesem Jahr erstmals als Jurymitglied eingeladen. Fragen warf dabei jedoch die Tatsache auf, dass das Making-of seines noch ungeschnittenen, für dieses Jahr angekündigten Spielfilms Te espero en la eternidad („Ich erwarte dich in der Ewigkeit“) im Filmkatalog nicht erwähnt war. Letztlich wurden die Ausschnitte der Dreharbeiten über eine durch Emigration zerrissene kubanische Familie erst nach dem eigentlichen Festival, am Publikumstag nach der Preisverleihung, vorgeführt.
Ob dies eine politische Entscheidung war, blieb offen, denn auch sonst war der Ablauf häufig improvisiert. Das lag vor allem an der geringen Größe des Vorbereitungsstabes dieses internationalen Großereignisses. Zwar wurden die Karten an den Eingängen zügig kontrolliert und begannen die Filme pünktlich, eine Darstellung des genauen Programmablaufs war jedoch immer nur für denselben und den Folgetag erhältlich.
Die geladenen Gäste wurden bevorzugt behandelt: Erst wenn diese und die Presse in den Kinosälen Platz gefunden hatten, durften auch andere FilmliebhaberInnen eintreten. Wie vor Essensständen und Telefonzellen stehen die KubanerInnen eben auch an Kinokassen in langen Schlangen an. In der Regel konnte aber auch, wer erst kurz vor Filmbeginn das Kino erreicht, noch eine Karte ergattern. Ein wirklicher Vorteil des Havanna-Filmfestivals war, dass der Eintritt für alle bezahlbar blieb: Der Preis von 2 Pesos (6 Euro-Cent), ermöglichte auch bei einem Durchschnittseinkommen von umgerechnet 15 Euro, wovon in Kuba keine Miete bezahlt werden muss, die Teilhabe an kulturellen Großereignissen

www.habanafilmfestival.com

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