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Kosmonautenträume hinterm Zuckervorhang

Die drei Männer Mitte dreißig treffen sich seit Jahren zum ersten Mal wieder. Hinter ihnen steht ein altes Haus. Die alten Freunde begrüßen sich überschwänglich und begutachten, wie die Zeit an ihren Kumpanen gefressen hat. „Tja, wir sind wohl alle etwas heruntergekommen. Wie das Haus hier. Zerstört von der Erinnerung“, sagt der eine.
In dem Haus in Havanna haben die drei – und die Frau hinter der Kamera – vor langer Zeit viel Zeit miteinander verbracht. Es war ein Jugendzentrum, wo die drei Männer gemeinsam in einer Band auftraten. „Damals lebten wir wie die alten Griechen: Wir aßen und kleideten uns einfach, aber hatten große Ideen“, erzählt ein anderer.
Camila Guzmán Urzúa, die Frau hinter der Kamera, erzählt von dieser Zeit, Ende der 80er Jahre. Damals sei sie zum ersten Mal in Konflikt mit der Regierung, mit dem System geraten. Als junge Studentin wollte sie keine „obligatorische freiwillige Arbeit“ in der Fabrik leisten, sich nicht mehr für den Sozialismus ausbeuten lassen. „Letztlich bin ich nicht noch mehr in Konflikt mit dem System geraten, weil ich fortgegangen bin.“
Camila ging nach Madrid. Und die meisten ihrer früheren KlassenkameradInnen und Freundinnen verließen ebenfalls die Insel.
Die Filmemacherin Camila Guzmán sucht in dem Dokumentarfilm El telón de azúcar (Der Zuckervorhang) die Orte ihrer Kindheit und Jugend auf. Und sie überprüft ihre Erinnerungen an eine glückliche Kindheit, an ein sozialistisches Paradies. Doch mit dem Ende des Kalten Krieges hat sich auf Kuba alles verändert, wie Camila feststellt. Die regelmäßigen Einnahmen Kubas aus den Zuckerexporten an den Ostblock garantierten dem Staat wirtschaftliche Sicherheit. Doch mit dem Fall des Eisernen Vorhangs fiel auch dieser telón de azúcar, der Zuckervorhang, und gab den Blick frei auf die komplette Abhängigkeit Kubas von der Sowjetunion. „Ich nahm nach Madrid die Erinnerung an ein glückliches Idyll mit, das vielleicht nie existierte“, sagt die Stimme aus dem Off.
Mit langen Einstellungen zieht Camila Guzmán die ZuschauerInnen langsam in ihren Film hinein. Sie lädt zum Nachdenken darüber ein, was bei der kubanischen Revolution so falsch gelaufen sei. Und erklärt, wieso sie sich dennoch den Idealen der Revolution verbunden fühlt, warum sie die Zeit ihrer Kindheit und Jugend für die glücklichste ihres Lebens hält.

Alles gleich anders

Eine alte Frau blättert in einem Fotoalbum. Hinter ihr steht ein Spiegel. In diesem ist die Reflexion einer jungen Frau – Camila – zu sehen, die barfüßig auf einer Couch sitzt und mit einer Kamera diese Szene filmt. Die alte Frau ist ihre Mutter. Sie erzählt, wie sie 1973 wegen des Pinochet-Putsches aus Chile fliehen mussten. „Ich blieb immer auf Kuba, weil ich hier aufgenommen wurde. Uns fehlte es an nichts“, erzählt sie. Und Camila, die damals zwei Jahre alt war, wuchs wie eine ganz normale Kubanerin auf. Sie erlebte ihre Kindheit während der so genannten „ goldenen Jahre“ des Landes. Die Orte ihrer Kindheit besucht sie nun, mit der Kamera über der Schulter.
Ein altes Foto ist zu sehen, die vergilbte Aufnahme eines Schulgebäudes. Kleine Kinder in rot-weißen Uniformen posieren davor. Das Foto wird weggezogen und gibt den Blick frei auf dasselbe Gebäude heute, aufgenommen aus derselben Perspektive. Es sieht wie auf dem Foto aus, nur sichtbar um einige Jahrzehnte gealtert. GrundschülerInnen in den gleichen Uniformen gehen in die Unterrichtsräume.
„Es kommt mir vor, als ob ich auf einer Zeitreise wäre“, sagt Camila. Die Kinder lernen immer noch das gleiche in der Schule. Die militärische Ausbildung gehört weiterhin zum Schulalltag. Der Arbeitseinsatz auf den Feldern ist für die SchülerInnen der höheren Klassen noch immer eine willkommene Unterbrechung des Alltags, wie die heutigen Jugendlichen versichern. Nur die Schulspeisung ist schlechter geworden. Und die Hoffnung auf eine Zukunft auf Kuba ist bei den Kindern nicht mehr zu finden. Wer kann, versucht irgendwie an Dollar zu kommen, wie die verschiedenen KubanerInnen erzählen, die Camila interviewt. Die „spezielle Periode“ in den 90er Jahren, die schleichende Dollarisierung, haben den Glauben in die Zukunft des Sozialismus zerstört.

Enttäuschte neue Menschen

„Damals, in der Grundschule, wurde uns beigebracht, dass wir die Generation seien, die die Zukunft aufbaut. Wir sollten die neuen Menschen werden, von denen Che Guevara träumte. Und wir träumten davon, einmal Ärzte, Ingenieure oder Kosmonauten zu werden“, sagt die Stimme aus dem Off.
„Warum soll ich als gut ausgebildeter Ingenieur hier auf Kuba in irgendeinem Büro herum sitzen, in dem noch nicht einmal eine Schreibmaschine steht? Und dann auch noch zu wenig bezahlt bekommen, dass es für das Leben reicht?“, fragt ein alter Schulfreund Camilas in die Kamera. Mittlerweile wohnt er in Toronto, verdient gutes Geld und unterstützt seine Eltern auf der Insel.
„Geld spielte damals keine Rolle. Es gab keine Religion. Jeder hatte Arbeit, ein Dach über dem Kopf und sein Auskommen“, blickt Camila nostalgisch auf die „goldenen Jahre“ Kubas zurück. Dennoch thematisiert der Film auch die Repression, die forcierte Selbstkritik („wie katholische Selbstgeißelung“, meint einer der Interviewten), die Disziplinierung auf den höheren Schulen. „Ich schätzte auf Kuba immer die Menschlichkeit. Doch das System verlangte von dir, andere zu denunzieren. Das kann keine Ideologie rechtfertigen“, erzählt ein Schulfreund, der bei der Band Habana Abierta spielt, die nun schon seit Jahrzehnten Madrid lebt.
Camila filmt einen kurzen Ausschnitt aus einem Konzert von Habana Abierta, dem ersten in Havanna seit zwanzig Jahren: „Früher sahen die Sachen viel leichter aus. Wir waren Pioniere des Kommunismus mit Kosmonautenträumen. Ich bin nicht wirklich weggegangen, ich habe mich nur etwas entfernt. Und aus der Ferne sehen die Dinge oft hübscher aus“, singt der Frontmann.
Sehr persönlich ist dieser Blick auf Kuba, aber doch differenziert. Er erzählt von den Träumen von einer gerechten Gesellschaft, von der Illusion, in einem sozialistisches Paradies zu leben. Und vom Scheitern dieser Illusion, und dem Exodus einer ganzen Generation. Weder anklagend noch unkritisch, ist mit El telón de azucar ein großartiger Film gelungen, ein Portrait von Camilas Generation. „Ich will mit dem Film nicht sagen, dass der Sozialismus unmöglich ist. Aber das kubanische Modell kann kein Vorbild sein“, sagte Camila Guzmán auf dem Filmfestival von San Sebastián dazu. Ihre Träume von Weltraumfahrten für den Sozialismus wurden enttäuscht, doch am Ideal einer besseren Gesellschaft halten sie dennoch fest. „Wir sind eben die Generation der Zukunft. Das glaube ich auch jetzt noch“, sagt ein alter Freund von Camila ironisch.

Der Film ist auf der Berlinale vom 8. bis 18. Februar im Programm des Forums des Jungen Films zu sehen.

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