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Der Tag, an dem sie mich zum PT-Anhänger machten

Jeder stößt irgendwann an seine Grenzen, sogar Journalisten und Fotojournalisten. Auch wenn man nur selten so weit getrieben wird: Heute bin ich an meine Grenzen gestoßen. Und ich habe sie überschritten. Na gut, ich wusste schon vorher, dass das heute ein merkwürdiges Schauspiel werden würde – voller Dinge, die sogar einen Affen zum Kotzen bringen würden, wie ein guter Freund von mir zu sagen pflegt.
Normalerweise begleite ich Politik ohne einzuschreiten, ohne nachzufragen und ohne mehr zu diskutieren als für die Arbeit nötig ist. Aber ich glaube, dass jeder Mensch an seine Grenzen stoßen kann. Und zwar ganz abgesehen davon, dass ich die Illusion eines unparteiischen Fotojournalismus schon lange hinter mir gelassen habe. Übrigens war der heutige Tag eine tolle Entdeckung, weil mir klar wurde, dass ich Partei ergreifen und trotzdem eine anständige journalistische Arbeit leisten kann.
Schon am späten Nachmittag hatte sich eine Gruppe von Mitgliedern der „Freien Journalisten“ (unabhängige Journalist*innengruppe, Anm. d. Red.) entschlossen, eine Performance durchzuführen. Auf einer am Boden ausgebreiteten Brasilien-Fahne lag eine mit Blut beschmierte Person (es handelte sich um Ketchup, nur damit das klar ist), deren Tod von der Mutter betrauert wurde. Ein Plakat wurde aufgestellt, darauf die Worte: „Es fehlt das Rot auf dieser Flagge“. Natürlich wusste jeder, der auch nur das geringste bisschen Menschenverstand besaß, dass es sich hierbei um eine Anspielung auf das Blutbad Ende der Woche in Osasco handelte (siehe Kasten, Anm. d. Red.). Da „Blut“ jedoch nun mal rot ist, gab es hinreichend Gründe, diese Aktivisten als Anhänger der PT zu bezeichnen. Dies wurde nicht verhandelt, es gab keine Chance zur Verteidigung, sondern nur Jury, Richter und Ausführende, oder besser gesagt, eine kopflose Menschenmenge, die keine Ahnung hatte, wovon sie redete.
Als die Schauspielerin während der Aufführung am Boden lag, haben zwei von jenen, die zu diesen „Guten“ gehörten, an der Darbietung auf jene Art und Weise teilgenommen, die unser Volk als demokratisch versteht: Eine sehr gut gekleidete Dame entschied sich, die Stirn der Schauspielerin mit mitgebrachter Farbe zu bemalen. Ein junger Mann, noch viel euphorischer, griff zu einem Plastikbecher voller Farbe und warf damit nach ihr. Die Schauspielerin bewegte sich nicht, wie es sich für eine richtige Tote gehört. Sie lag leblos dort, spielte ihre Rolle. Als sie sich am Ende der Vorstellung erhob, blieb sie dort mit verlorenem Blick stehen und ignorierte die Rufe, die sie als „Banditin“, „Nichtsnutz“, „Verbrecherin“ und vieles mehr bezeichneten.
Als wäre dem noch nicht genug, beschloss ein weiterer Demonstrant, ihr einen Aufkleber auf die Stirn zu kleben, mit der fiesen Absicht, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Was mich noch mehr erschreckte, war sein Glaube daran, etwas Gutes, etwas Korrektes zu tun.
Ich bin dem Mann gefolgt, der die Schauspielerin mit Farbe beworfen hatte, sowie der Frau, die ihr die Stirn bemalte. Sie standen nicht weit weg von einander und ich fragte sie, ob ich ein Statement von ihnen aufnehmen könne, darüber, was passiert war und was sie gemacht hatten. Der Typ sagte: „Nein Mann, besser nicht“, und die Frau erwiderte: „Das will ich nicht, das erlaube ich nicht.“ Ich fragte sie, warum sie den Mumm gehabt hatten, mit Farbe zu werfen, aber sich nun nicht trauten, vor laufender Kamera zu sprechen. Die Antwort war der erste Schritt dessen, was mich die Grenzen überschreiten ließ. Die Dame sagte, dass sie dies getan hätte, weil dies eine Provokation von PT-Unterstützern gewesen sei. Ich antwortete, dass diese Aktion keinerlei Verbindung zur PT aufweise, sondern eine Kritik an den Morden der vergangenen Woche sei. Sie erwiderte: „Hier ist nicht der Ort, dies zu tun. Wenn sie protestieren wollen, sollen sie dies in Osasco und nicht auf der Paulista (Avenida Paulista, zentrale Bankmeile in São Paulo, Anm. d. Red.) machen.“ Als ich daraufhin fragte, ob die Gewalt in der Peripherie nicht auch hier auf die Straße getragen werden sollte, antwortete die Dame: „Nein, das ist Angelegenheit der Peripherie und muss dort geregelt werden.“
Ich entfernte mich und ging bis zur nächsten Ecke, wo die Schauspielerin hingegangen war, um die Aufführung in der Nähe einer Polizei-Sondereinheit fortzuführen. Erneut folgten ihr mehrere Personen, die sie wieder anbrüllten und beschimpften. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich frustriert und hatte die Nase voll, aber ich hielt immer noch entschlossen daran fest, nur zu beobachten. Bis ich hörte, wie ein über 60 Jahre alter Herr sie als PT-Anhängerin beschimpfte. Ich blieb stehen und fragte, ob er wüsste, dass die Performance eine Kritik am Blutbad war, das sich in Osasco ereignet hatte und was er darüber denke. „Es war sehr gut, dass sie das gemacht haben. Man musste einfach töten“, antwortete er.
Das ging zu weit. Von hier an war alles hin, es war vorbei mit der Geduld und Toleranz. Ein anderer Herr derselben Altersgruppe kam dazu, um zu verkünden, dass das Blutbad eine Fehde zwischen Drogendealern gewesen sei. Ich verneinte dies und erklärte, dass es sich mit Sicherheit um einen Racheakt der Polizei handelte.
Also gut, mit dem Anstand war es nun vorbei. Von Fragen, ob ich wüsste, was ein Ermittlungsverfahren sei, und dass die Zeitungen nur Lügen verbreiteten, spitzte sich alles bis zu dem Punkt zu, an dem ich einfach als „Scheiße“ bezeichnet wurde. Kurz danach war ich nur noch „Abschaum“ und was weiß ich noch für andere Sachen. Ich ließ mich auf die Provokationen ein und fing eine Diskussion an. Jedoch war es irrsinnig zu diskutieren: unzusammenhängende Argumente, blinder und sinnloser Hass. Als er mich das erste Mal beschimpfte, fragte ich ihn, ob ich ihn beleidigt hätte oder er mich kenne, um solche Dinge zu behaupten. Er antwortete lediglich, dass ich PT-Unterstützer sei. Es wäre witzig, wenn es nicht so tragisch wäre, jemanden in diesem Alter sagen zu hören: „Das hier ist ein friedlicher und respektvoller Protest – Du Stück Scheiße!“. Wenn das ein friedlicher und respektvoller Protest sein soll, dann wüsste ich gerne, was in seinen Augen ein aggressiver und respektloser Protest ist. Oder nein, eigentlich will ich es gar nicht wissen.
Zu diesem Zeitpunkt gingen befreundete Fotojournalisten dazwischen und versuchten, die Situation zu beruhigen. Auch ihnen wurde mit Verbalattacken der sich ansammelnden Leute gedankt. Die Polizisten in der Nähe des Tumults taten das, was sie schon den ganzen Tag lang gemacht hatten: Herumstehen und Nichtstun.
Heute habe ich am eigenen Leib die Polarisierung der Gesellschaft erlebt, von der so viel gesprochen wird. Entweder man ist das eine, oder man ist das andere. Punkt. Einige meiner Freunde sagten, dass es falsch war mit dem Alten (alt im Sinne von rückständig und zeitlich überholt, aber auch im Sinne des Alters) zu diskutieren, aber es gibt einen Moment, wo man sich so viel Mist einfach nicht mehr schweigend anhören kann. Ich habe immer gedacht, dass die Arbeit eines Fotojournalisten darin besteht, die Realität abzubilden und damit auch Veränderungen voranzutreiben. Jetzt glaube ich, dass es das Wichtigste ist, niemals seine Fähigkeit zu verlieren, sich über Ungerechtigkeiten zu empören.
Es mag sein, dass ich, journalistisch gesehen, in einigen Punkten Fehler begangen habe und unprofessionell war. Aber ich bereue nichts und würde es, wenn nötig, jederzeit wieder tun.
Sitzt Brasilien gerade wirklich so tief im Dreck? Ja, ohne jeden Zweifel. Aber wenn diese Leute die einzige Lösung sein sollen, dann steht unserem Land leider eine traurige Zukunft bevor. Und doch: Als ich wegging, berührte mich jemand an der Schulter. Es war eine junge Frau, die da stand und die ich noch nie gesehen hatte. Als ich mich nach ihr umdrehte, lächelte sie mich an und sagte: „Glückwunsch für den Mut, diesen Leuten die Stirn zu bieten und das Richtige zu verteidigen.“
Habe ich falsch gehandelt? Kann sein, aber wisst ihr was? Scheiß drauf, ein ruhiges Gewissen für etwas getan zu haben, das richtig ist, kennt keinen Preis. Oder zumindest das, was ich für richtig halte.

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