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Der Tod ist eine alte Hure

Im Zentrum der Erzählung steht ein von Jesuiten übersetztes Mayamanuskript aus dem 15. Jahrhundert, eine erotische Erzählung verfasst von einer Art „Amazonenorden“ im präkolumbianischen Mexiko. Es stellt eine fremde Zivilisation vor, irgendwo versteckt im Urwald des heutigen Guatemala. Die zentrale These des Dokuments, wie es die Schriftstellerin Anaïs Nin gegenüber Julio Cortázar im Paris der 1950er Jahre formuliert: „Nur das Sexuelle macht uns überlegen, erhöht uns, erhebt den Körper auf die Ebene göttlicher Unsterblichkeit“. Die emanzipatorische Schrift beschreibt okkultistische Handlungen, die schließlich die katholische Kirche zur Zerstörung des Ordens und natürlich auch des Dokuments als solches veranlassen. Das Manuskript jedoch wird in einem verlassenen Kloster in den Bergen des spanischen Jaén von Jesuiten versteckt. Mitte des 20. Jahrhunderts gelangt es schließlich in den Besitz des US-amerikanischen Autors Henry Miller. Dessen Geliebte und finanzielle Unterstützerin wiederum ist die kubanisch-französische Schriftstellerin Anaïs Nin.
Wer glaubt, dass hiermit alle bekannten Figuren der Literatur und Schauplätze des erotischen Romans erschöpft seien, irrt. Neben den genannten AutorInnen tritt noch der kubanische Schriftsteller José Lezama Lima auf den Plan, im Kuba der 1960er Jahre. Und was hat nun das Manuskript des Amazonenordens mit Amir Valles Roman, dessen Handlung doch auch zu einem Großteil im Havanna und Paris der 1990er Jahre spielt, zu tun? Dies wird spätestens klar, wenn zum ersten Mal die „Amazonen Gottes“ auftreten, Prostituierte in beiden Städten, deren „Bibel“ das alte Mayamanuskript ist.
Die Geschichte, die abwechselnd von Julio Cortázar und einer kubanischen Hure der heutigen Zeit, erzählt wird, birgt aber noch mehr erotisch-respektlose Details. Es geht nicht nur um sexuelles Verhalten, Rausch und Erregung; vielmehr zeigt der Autor die sexuelle Promiskuität, ein Fluch für alle Beteiligten. Er lastet vor allem auf den weiblichen und männlichen Prostituierten in Kuba, deren Probleme offiziell totgeschwiegen werden und die der Autor in jahrelangen Recherchen dokumentiert hat (siehe Interview mit Amir Valle LN 389).
Für diese „Geschichte, die nicht verloren gehen sollte“, wie Valle seinen Erzähler Cortázar im ersten Kapitel sinnieren lässt, erhielt der 1967 in Santiago de Cuba geborene Schriftsteller im Jahr 2002 den kubanischen Preis für erotische Literatur La Llama Doble. Nach einem Verbot seiner Bücher auf Kuba und Repressalien seitens des Kultusministeriums kam Amir Valle schließlich im März 2006 nach Deutschland und erhält hier zur Zeit das „Writers in Exile“–Stipendium des P.E.N.-Zentrums.

Amir Valle: Die Haut und die Nackten. Aus dem Spanischen von Susanna Mende. Edition Köln, 2006, 208 Seiten, 16,90 Euro.

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