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Der unbeendete Bürgerkrieg

Emilia und Ernesto sind eigentlich Feinde. Während Emilia, Tochter aus gutem Hause, mit der guatemaltekischen Guerilla zusammenarbeitet, ist Ernesto, Spross einer Militärsfamilie, bei den Streitkräften. Aber Ernesto hat den Dienst quittiert: Er ist von den öffentlich bekannt gewordenen Verbrechen der Armee im Bürgerkrieg entsetzt und möchte einen anderen Weg einschlagen. Er schreibt sich an der Universität ein, dort trifft er Emilia. Zwischen beiden entspinnt sich eine ungleiche Beziehung: Während der eher naive Ernesto schlicht verliebt ist, hofft Emilia, mit ihren Genossen im Hintergrund, Ernesto für politische Ziele einspannen zu können. Aber auch sie ist sich über ihre Gefühle nicht ganz im Klaren: Sympathie, Ablehnung, Irritation …
Um diese Beziehung herum gruppiert Rodrigo Rey Rosa einen komplizierten, vielschichtigen Roman über die letzte Phase des guatemaltekischen Bürgerkriegs und die Zeit des Friedensabkommens. Den Hardlinern auf der einen Seite – kriminelle Militärs, die sich auf den Drogenhandel verlegt haben und umstandslos Mitwisser und andere Schädlinge aus dem Weg räumen – stehen Guerilla-Kämpfer gegenüber, die den Drogenschiebern auf die Schliche zu kommen versuchen, aber vor Mord genauso wenig zurückschrecken. Aus den Fronten auszubrechen, wie Ernesto und ein wenig auch Emilia dies versuchen, ist zum Scheitern verurteilt: Den Schluss des Buches überlebt keiner von beiden.
Rey Rosa gebraucht einen episodischen, fast fragmentarischen Stil voller Andeutungen, die scheinbar leicht dahingesagt sind, aus denen sich aber die bisweilen thrillerhafte Spannung des kurzen Textes speist. So erzeugt er die Handlung im Wesentlichen im Kopf der LeserInnen. Sie erstreckt sich über mehrere Jahre, spielt sowohl an mehreren Orten in Guatemala als auch in England und Paris. Wir begegnen beispielsweise einem alten Engländer, einem reisefreudigen Schriftsteller, der mit Emilia und den Guerilleros zusammenarbeitet und auf raffinierte Weise daran arbeitet, die Drogenhändler zu überführen. Und es gibt eine erstaunliche Zahl von zumeist gut gelungenen Nebenfiguren, die dem Roman seine gesellschaftliche Komplexität verleihen. So etwa die Mutter von Ernesto, die dessen Zivilisierungsversuche nur mit fatalistischem Kopfschütteln betrachten kann. Zu den Verbrechen, die der guatemaltekischen Armee öffentlich zur Last gelegt werden, meint sie: „Es war Krieg. Außerdem ist das schon über zehn Jahre her. … Die fürchterlichsten Dinge, die du dir nur vorstellen kannst, alles, absolut alles geschieht, wie es eben geschehen muss. Es gehört zum Wesen der Welt, in der wir leben, dass nichts anders werden kann.“ Der Aussteiger Ernesto sieht das natürlich anders. Dass er selbst später durch die Kugel eines Guerillero stirbt, rückt die Meinung seiner Mutter in ein anderes Licht: So hatte sie das wohl nicht gemeint …
Rodrigo Rey Rosa, Jahrgang 1958, schrieb diesen Roman 1996, unmittelbar in der Zeit der Handlung. Der Autor hat jahrelang im Ausland gelebt (New York, Tanger), die Gegenwart Guatemalas ist jedoch immer sein literarischer Stoff geblieben – so in dem vergangenes Jahr auf Deutsch erschienenen Roman Die verlorene Rache, aber auch in anderen, noch unübersetzten Texten. Er schreibt, könnte man zusammenfassen, auf Distanz: beobachtend wie ein Chronist. Aber untergründig schlägt sein Herz durchaus mit; er sieht sehr genau hin, alle Sinne sind offen. Auch mit diesem seinem zweiten Buch auf Deutsch halte ich Rey Rosa für einen der lesenswertesten jüngeren Autoren Lateinamerikas.

Rodrigo Rey Rosa: Die Henker des Friedens. Aus dem Spanischen von Erich Hackl. Rotpunktverlag, Zürich 2001, 150 S., 30.- DM. (ca. 11 Euro)

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