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Die Herren der Selva

Nervös rutscht Yolanda Nossa auf ihrem Stuhl umher und zündet sich eine Zigarette an. Das Rauchen habe sie eigentlich aufgegeben, aber heute sei kein Tag wie jeder andere. Sie ist die Koordinatorin des sozialen Hilfswerks, einer kolumbianischen Institution, die in Krisensituationen Notmaßnahmen koordinieren soll. Eine Krisensituation herrscht seit dem 20. Februar. An diesem Tag beendete der kolumbianische Präsident Andrés Pastrana die seit drei Jahren laufenden Friedensverhandlungen mit den kommunistischen Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (FARC-EP) und ließ eine militärische Großoffensive gegen die mehr als 20.000 bewaffneten Rebellen starten.
Die Auswirkungen dieser Entscheidung bekommt besonders die Stadt zu spüren, in der Yolanda Nossa ihr Büro hat. Florencia mit seinen 240.000 EinwohnerInnen liegt im Westen der tropischen Provinz Caquetá und nur drei Autostunden von der ehemals entmilitarisierten Rebellenzone entfernt. „Alle Welt schaut auf die Zone, aber nicht auf Florencia“, regt sich die Koordinatorin auf. „Hier braut sich eine Situation zusammen, die gravierender ist als in San Vicente.“ Dieser Ort galt die letzten drei Jahre als inoffizielle Hauptstadt der Guerilla, nachdem sich reguläre Truppen und Polizei aus einem Gebiet von der Größe der Schweiz zurückgezogen hatten.
Tatsächlich hatte man sich in dem 40.000-Seelenort besser auf ein Ende der Verhandlungen vorbereitet als in Florencia. Während man rund 180 Flüchtlinge, die in den ersten Tagen auf Grund der Bombardierungen angekommen waren, selbst versorgen konnte, herrscht in Florencia logistisches Chaos. Die Stadt ist weder auf eine durchgeplante Versorgung von Flüchtlingen vorbereitet, noch zur Gewährleistung der Grundbedürfnisse der Bevölkerung.
Auf einer am 25. Februar abgehaltenen Krisensitzung beim Bürgermeister wurden diese Mängel offensichtlich. Während die Verwaltung von Fehlinformationen der Medien sprach und die angespannte Situation herunterspielte, widersprach die Polizei und nannte die Lage der Stadt samt Region alarmierend. Hinter der Hand wurde gemunkelt, dass sich Einbruchs- und Kriminalitätszahlen erhöht hätten. Warum? Einheiten des ansässigen 12. Armeebataillons wurden Richtung Osten zum Einsatz gegen die Rebellen verlegt, Polizeieinheiten in auf dem Weg liegende Dörfer geschickt, um Polizeistationen zu verstärken. Also fehlen Sicherheitsmaßnahmen in einer Stadt, die als Knotenpunkt militärischer Operationen und Planungen gilt. Ein Umstand, den die Guerilla auszunutzen wusste.

Isolierung durch die Guerilla

Ziel der Guerilla war es, den Süden Kolumbiens zu isolieren. Schon nach einer Woche scheinen sie dies erreicht zu haben. Seit dem 21. Februar sprengten die FARC ein halbes Dutzend Brücken um Florencia, zerstörten zwei Telekommunikationstürme und zahlreiche Strommasten inner- und außerhalb der Stadt. Landesweit sind es ganze 163 in den ersten zwei Monaten dieses Jahres. Neben Sabotageaktionen an der Wasserversorgung, die Florencia auf dem Trockenen sitzen lassen, gibt es keinen Strom, kein Telefon und immer weniger Benzin. Hunderte Generatoren rattern in den Straßen, um ein Minimum an notwendiger Energie zu produzieren.
In Florencia wurden wenige Tage nach Abbruch der Verhandlungen die Lebensmittel knapp. Der zentrale Gemüsemarkt war am 25. Februar leer gefegt. Hamsterkäufe setzten ein, um sich mit den Resten für die nächsten Wochen zu wappnen.
Petitionen an Fluglinien und Transporteure, Benzin und Lebensmittel zu liefern, wurden abgelehnt. Flüge mit Treibstoff und Lastwagen-Konvois über die Gebirgszüge sind den Händlern zu gefährlich. Die Gefahr ist groß, von der Guerilla abgeschossen oder auf den teils unpassierbaren Straßen ausgeraubt zu werden. Am 1. März schickte die kolumbianische Luftwaffe eine erste Lieferung von 60 Tonnen Lebensmitteln und ein Treibstoffflugzeug in die Stadt, um die Grundversorgung wieder herzustellen.

Fehlende Kapazitäten bei der Armee

Die Guerilla war und ist weiterhin die Hausmacht im Süden Kolumbiens. Fast alle Straßen sind unter ihrer Kontrolle. Taxifahrer berichteten von mehreren Kontrollen der Guerilla zwischen San Vicente und Florencia, was auch der Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt zum Verhängnis wurde: Um werbewirksam Souveränität und Mut im Wahlkampf zu beweisen, setzte sie sich am 23. Februar trotz Warnungen mit ihrem Team und einer französischen Fotojournalistin in Florencia in ein Auto Richtung San Vicente. Nur kurz darauf wurden sie von den FARC verschleppt.
Am 28. Februar trat General Gustavo Porras, verantwortlich für das Bataillon in Florencia, von seinem Posten zurück. „Mein Schritt ist kein Sieg der FARC und bedeutet nicht die Niederlage der Armee. Es ist nur die Entscheidung eines Verantwortlichen, dessen Aufgabe nicht realisierbar war“, begründete er seinen Rücktritt. Die Armee sei nicht in der Lage, die Infrastruktur der Zone zu schützen. Schon nach wenigen Kilometern außerhalb der Stadt überquert man Brücken, die unbewacht sind und deren Zerstörung nur eine Frage von Tagen ist.
Sein Vorschlag: Eine Bewaffnung der Zivilbevölkerung, um die Armee zu unterstützen. Das lässt sich als ein Versuch werten, die rechten Paramilitärs zu legitimieren, die als extralegale Milizen seit Jahren mit Gräueltaten und vielfachen Verbindungen zur Armee für Schlagzeilen sorgen. Fast täglich verüben diese Gruppen, deren Zahl auf 8.000 Kämpfer geschätzt wird, Massaker an der Zivilbevölkerung. Eine schmutzige Methode, um der landesweiten Guerillapräsenz Herr zu werden und deren soziale Basis zu eliminieren.

Bevölkerung zwischen den Fronten

Die Militäroperation „Thanatos“ – benannt nach dem griechischen Totengott – begrenzte sich in den Anfangstagen der Offensive auf Bombenabwürfe in der ehemaligen FARC-Zone und punktuelle Besetzungen von Ortschaften. Per Hubschrauber wurden Soldaten in den fünf wichtigsten Bezirksstädten abgesetzt. Landoperationen entwickeln sich jedoch nur sehr langsam. „Die Guerilla mischt sich in Zivil unter die Bevölkerung, das macht es für uns schwierig, die Terroristen auszumachen,“ beschwichtigte Fernando Tapias, Oberkommandeur der Streitkräfte.
Die Folgen für die Zivilbevölkerung sind fatal, da jeder Bauer dadurch zu einem potenziellen militärischen Ziel wird. In der ehemaligen Rebellenzone leben 120.000 Menschen. Viele versuchten in den ersten Tagen der Bombardierungen, das Gebiet zu verlassen. Nicht zuletzt auch wegen bereits kursierender Todeslisten der Paramilitärs, die einige BewohnerInnen wegen angeblicher Kontakte mit der Guerilla zur Flucht zwangen. Jedoch vergebens. Sowohl die Armee als auch die Guerilla ließen die meisten Menschen nicht ihre Straßensperren passieren, so dass für Hilfsorganisationen nicht absehbar ist, wie viele Flüchtlinge derzeit im Gebiet umherirren. Nachdem am 21. Februar das Dorf Rubi von der Luftwaffe bombardiert wurde – zwei Kinder und ein Erwachsener starben – sollen rund 500 Menschen die Flucht angetreten haben. Seitdem weiß niemand, wo diese verblieben sind.
Glück hatte eine in die Jahre gekommene Bewohnerin von San Vicente. Floralbina saß am Abend des 20. Februar mit Nachbarn und Freunden vor dem Fernseher, als Präsident Pastrana in einer außerordentlichen Ansprache das Ende der Verhandlungen ankündigte. „Wir konnten es erst nicht glauben, doch um ein Uhr nachts hörten wir die ersten Bomben in der Nähe der Stadt detonieren“. Früh am Morgen organisierte sie sich wie viele andere BewohnerInnen einen Platz in einem Taxi, um zu Verwandten nach Florencia zu fahren. „Auf halber Strecke steckten wir in einer Straßensperre der Guerilla, die uns nicht durchlassen wollte. Über zweihundert Autos warteten auf Durchlass. Dann tauchte plötzlich ein Armeehelikopter auf, der zu schießen begann. Nur wenige Meter neben mir schlugen die Geschosse ein.“ Eine Hand voll Fahrer nutzte das Chaos und durchbrach die Sperre in Höchstgeschwindigkeit. „Was mit den anderen Leuten passiert ist, weiß ich nicht,“ so Floralbina. Sie ist froh, durchgekommen zu sein, will jetzt aber wieder zurück nach San Vicente zu ihrer Familie, da es „in Florencia auch nicht besser ist“.
In den letzten Tagen seien viele Unbekannte in die Stadt gekommen, berichten AnwohnerInnen eines Armenviertels. Sie vermuten Milizen der FARC. Seitdem geht das Gerücht um, dass die Rebellen die Stadt erobern wollen. Nur 15 Kilometer außerhalb Florencias liefern sie sich Gefechte mit der Armee.

Nach 5.000 Toten wird weiterverhandelt

„Der Kampf gegen die Guerilla wird uns viele Kraftanstrengungen abverlangen“, sagte Pastrana. Besonders die Zivilbevölkerung, die seit 38 Jahren unter dem anhaltenden Bürgerkrieg zu leiden hat. In den letzten zehn Jahren fielen dem Konflikt rund 40.000 Menschen zum Opfer, über zwei Millionen gelten als interne Flüchtlinge. „Wenn es mindestens 5.000 Tote mehr gibt, werden wir wieder verhandeln“, mutmaßte ein FARC-Kommandant dieser Tage. Wer die besseren Bedingungen

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