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Die Hoffnung stirbt nie

Es ist brütend heiß, und keiner betritt in der Mittagshitze den Hof. Nur eine Katze sitzt unter einem einsamen Holztisch im Schatten und nagt genüsslich einen Knochen ab. Dann legt sie sich hin und leckt sich gründlich den Bauch. Eine fast idyllische Szene, wären da nicht die hohen Mauern und der Stacheldraht. Nur in Richtung Himmel ist der Blick frei. Der Hof gehört zum Trakt der politischen Gefangenen in der Strafanstalt Miguel Castro de Cantogrande, in einem der ärmsten Stadtteile Limas.
Außer der Katze isst in diesem Gefängnistrakt niemand. 384 Männer der Kommunistischen Partei Perus auf dem leuchtenden Pfad José Carlos Mariáteguis, dem Sendero Luminoso, befinden sich seit über drei Wochen im Hungerstreik und nehmen nur noch Flüssignahrung zu sich. An den Besuchstagen bringen ihre Familienangehörigen Vitaminsäfte mit oder einen Extrakt aus Quinua, einem Andengetreide, das beruhigend auf die angegriffenen Magenwände wirken soll. Die Männer haben im Schnitt bereits sieben bis acht Kilo abgenommen, sie bewegen sich langsamer, vorsichtiger als sonst. Ein paar ältere Gefangene können bereits nicht mehr aufstehen. Carlos, von Natur aus dünn, scheint nur noch aus Haut und Knochen zu bestehen. Andere erklären lachend, dass sie endlich wieder eine gute Figur haben und dass der Hungerstreik eine ausgezeichnete Diät ist.
Camilo Tapia, seit 14 Jahren in Cantogrande und oberster Funktionär des Sendero Luminoso im Gefängnis, bringt auf den Punkt, worum es geht: „Das Einzige, was wir haben, um zu kämpfen, ist unser Körper, also kämpfen wir damit. Bis die Regierung einlenkt.“ Camilo trägt ein helles Hemd, die Bügelfalten seiner Hose sitzen tadellos. Während er die Ziele des Hungerstreiks erläutert, rückt er seine braune, runde Brille zurecht, die ihn aussehen lässt wie den Teilnehmer eines Doktorandenkolloquiums. „Peru ist immer noch kein demokratisches Land“, doziert er. „Denn die Regierung Präsident Toledos ist nicht gewillt, Konsequenzen aus der Tatsache zu ziehen, dass die politischen Gefangenen während des Fujimori-Regimes verfassungswidrig verurteilt wurden.“

Vaterlandsverrat und Terrorismus

Der Hintergrund: Hunderte von politischen Gefangenen wurden in den 90er Jahren von Militärtribunalen verurteilt, in regelrechten Schauprozessen, die internationalen Rechtsstandards Hohn sprachen. Diese Tribunale wurden inzwischen abgeschafft, aber die politischen Gefangenen wollen mehr: Sie fordern eine Revision sämtlicher Militärprozesse vor zivilen Richtern. Außerdem bestehen die Streikenden auf einer Änderung der so genannten Antiterrorgesetze des Fujimori-Regimes. Danach können Angehörige subversiver Organisationen immer noch wegen „Vaterlandsverrat“ zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt und sogar Minderjährige, so sie älter als 16 Jahre sind, wegen „Terrorismus“ jahrelang ins Gefängnis geschickt werden. Die weiteren Streikforderungen: Schließung des Marinegefängnisses in Callao sowie der Strafanstalten Challapalca und Yanamayo, die beide auf einer Höhe von über 4000 m liegen und vom Internationalen Roten Kreuz als „unmenschlich“ bezeichnet werden.
Die Forderung einer Revision der Urteile wird auch von der peruanischen Menschenrechtsorganisation APRODEH unterstützt. Dennoch kann der Kongressabgeordnete Javier Diez Canseco bis jetzt nicht erkennen, dass die Regierung Präsident Toledos dieser Forderung nachkommt. Vermutlich einfach deswegen, weil neue Prozesse Geld kosten würden und die Regierung andere Prioritäten gesetzt hat. Bis heute wurde erst ein einziges Urteil der Militärtribunale revidiert, und das womöglich auf Druck aus den USA: die Verhängung der lebenslänglichen Freiheitsstrafe gegen die US-Staatsbürgerin Lori Berenson. Doch die zuständigen Zivilrichter urteilten auch nicht eben milde und entschieden auf eine 20-jährige Haftstrafe. Berenson wird vorgeworfen, für die Guerilla MRTA (Movimiento Revolucionario Tupac Amaru) eine Wohnung gemietet und bei der logistischen Vorbereitung eines nicht realisierten Angriffs auf das peruanische Parlament mitgewirkt zu haben.

Parteidisziplin hinter Gittern

In Cantogrande sitzen etliche Gefangene, die von den Militärtribunalen der Fujimori-Diktatur verurteilt wurden. Andere, wie Enrique, erklären, sie seien ohne jede politische Betätigung festgenommen, misshandelt, zu einem Geständnis gezwungen und ohne Verteidigungsmöglichkeit verurteilt worden. Enrique muss 15 Jahre absitzen, Camilo 25, Victor hat lebenslänglich.
Verzweifelt wirken sie deshalb nicht. Sie haben sich für den Besuch fein gemacht, ihre Zellen geputzt. Zu zweit leben sie auf 2,5 mal 3 Meter, teilen sich ein Latrinenloch im Steinboden und ein Waschbecken.
Tagsüber bewegen sie sich in den Gemeinschaftsräumen und in den Höfen. Dann arbeiten sie in kleinen Gruppen, nähen Kleider, stellen Schuhe her und töpfern oder sehen gemeinsam fern. Unter dem Fujimori-Regime war all dies nicht möglich. Die Männer durften ihre Zellen nur zu einem kurzen täglichen Hofgang verlassen und erhielten ganze sechs Stunden Besuch in einem Jahr – weniger als jetzt an einem einzigen der drei Besuchstage pro Woche.
Es ist mühsam für BesucherInnen, in dieses Gefängnis hineinzukommen: Vier Militärposten und Kontrollen müssen überstanden werden, die Staatsmacht präsentiert sich vor den Toren von Cantogrande unfreundlich, abweisend, mitunter demütigend. Innen aber ist von den Sicherheitskräften nicht mehr viel zu sehen. Dort, so scheint es, regiert der Sendero Luminoso selbst. Gut organisiert, der Parteidisziplin unterworfen. Heute wird sogar eine Nachmittagsveranstaltung zum internationalen Frauentag organisiert. Camilo wird dafür sorgen, dass Mikrofone und Hofbeschallung funktionieren. Er wird die Feierstunde mit dem Absingen der Internationale eröffnen.
Alle Wände der Gemeinschaftsräume sind mit Plakaten beklebt, die den Hungerstreik begründen und die Forderungen verkünden. In leuchtend roter Schrift wird Abimael Guzmán zitiert, der Gründer des Sendero Luminoso, den sie Presidente Gonzalo nennen. Guzmán sitzt seit zehn Jahren in der Marinebasis Callao. Er hat zusammen mit seinem dortigen Zellennachbarn Victor Polay, dem Gründer und ehemaligen Comandante des MRTA, am 11. Februar den Hungerstreik begonnen. Etwa 650 Gefangene in 15 verschiedenen Strafanstalten des Landes haben sich angeschlossen – die erste gemeinsame Aktion zwischen dem Sendero Luminoso und dem MRTA. So lange Presidente Gonzalo und Victor Polay durchhalten, werden auch die Gefangenen in Cantogrande und anderen Strafanstalten ausharren.

Gelockerte Bedingungen

Neben Guzmán und Polay sitzen in Callao nur ehemalige Führungskader des Sendero Luminoso und des MRTA. Sie lebten während des Fujimori-Regimes in völliger Isolationshaft – ohne Kontakt zu den Mitgefangenen oder zum Gefängnispersonal. Einzige Ausnahme: eine halbe Stunde pro Monat bekamen sie Besuch von ihren Angehörigen.
Unter der Übergangsregierung Paniagua, die nach der Flucht Fujimoris im November 2000 acht Monate im Amt war, haben sich die Zustände gebessert. Nach Auskunft von Otilia Campos, der Mutter von Victor Polay, dürfen sich die Gefangenen der Marinebasis nun zum gemeinsamen Hofgang treffen. Sie empfangen häufiger Besuch und bekommen im Gegensatz zu vorher Literatur, Zeitschriften und Tageszeitungen. Der Besuch bleibt allerdings, im Gegensatz zu den anderen Gefängnissen, Familienangehörigen vorbehalten.
Während des Hungerstreiks wurden die Haftbedingungen für die politischen Gefangenen der Marinebasis auf Anweisung des Justizministers Olivera wieder verschärft. Otilia Campos und andere Familienangehörige durften die Gefangenen nicht mehr besuchen.

Schikanen gegen die BesucherInnen

In anderen Gefängnissen, mit Ausnahme von Cantogrande, wurden die BesucherInnen zum Teil schikaniert. So mussten am Sonntag, den 10. März, etwa zwanzig BesucherInnen der politischen Gefangenen in Santa Mónica, einem Frauengefängnis in Lima, etwa vier Stunden in der Sonne schmoren, bevor sich das riesige Eingangstor öffnete. Doch schließlich durfte nur eine Delegation von fünf Personen passieren, und die Besuchszeit wurde auf 15 Minuten beschränkt.
Die gefangenen Frauen bereiteten den BesucherInnen einen herzlichen Empfang und drückten jedem Ankömmling die Hand. Unter ihnen war auch die ehemalige Tänzerin Maritza Garrido Lecca. Im zweiten Stock der Tanzschule, die sie in Lima betrieb, wurde am 12. September 1992 Abímael Guzmán verhaftet. Maritza, deren Geschichte der britische Schriftsteller Nicolas Shakespeare in seinem auch auf deutsch erschienenen Roman „Der Obrist und die Tänzerin“ erzählt, wurde von einem Militärgericht zu lebenslanger Haft verurteilt. Sie ist jetzt Mitte dreißig und hat auch nach zehn Jahren Gefängnis noch eine bemerkenswerte Ausstrahlung. Als sie gefragt wird, ob sie glaube, jemals wieder in die Freiheit entlassen zu werden, braucht sie nicht lange überlegen: „Aber natürlich. Die Hoffnung stirbt nie!” So wie die Gefangenen des Sendero Luminoso früher an die Revolution geglaubt haben, glauben sie heute an ihre baldige Freiheit.
Weite Teile der peruanischen Bevölkerung bringen wenig Verständnis für die Forderungen der politischen Gefangenen auf. Viele denken an die grausamen Zeiten der 80er und frühen 90er Jahre zurück, als der Sendero Luminoso für einen Bürgerkrieg die Mitverantwortung trug, der 25.000 PeruanerInnen das Leben kostete. Die Senderistas sprengten Banken und Polizeireviere in die Luft und ermordeten unzählige ZivilistInnen, die sich weigerten, an ihrer Seite zu kämpfen.
Allerdings versuchten das Fujimori-Regime und seine Vorgänger-Regierungen, Übergriffe und Massaker der Armee an der Zivilbevölkerung konsequent zu vertuschen und jegliche Verantwortung den subversiven Gruppen des Sendero Luminoso und des MRTA zuzuschieben. Mitte letzten Jahres konstituierte sich eine so genannte Wahrheitskommission, die endlich versuchen soll, Licht in das Dunkel des peruanischen Bürgerkriegs zu bringen.
Am Mittwoch, den 13. März, waren es Abímael Guzmán und Victor Polay, die den Hungerstreik als erste beendeten. Einen Tag später zogen die restlichen Gefangenen nach. Die Regierung Präsident Toledos weigerte sich beharrlich, während des Hungerstreiks auch nur über eine Forderung der Gefangenen zu verhandeln. Bischof Luis Bambarén, der zwischen den Gefangenen und der Regierung vermittelte, konnte den Gefangenen aber zusichern, dass zumindest nach Streikende Gespräche aufgenommen würden. Die Hoffnung stirbt nie.

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