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Die Macht des Milchmanns und die Ohnmacht des Dinosauriers

Mehrmals hatten ihn die me­xikanischen Zeitungen in den letzten Jahren und Monaten schon für tot erklärt, aber er stand immer nach kurzer Zeit wieder auf, um seine Macht an der Spitze des Verbandes der Werktätigen von Mexiko, der CTM, zu behaupten. Die Macht um fast jeden Preis, das war die Leidenschaft dieses greisen Kämpfers, der vor nun fast 75 Jahren die Arbeit eines Milch­mannes aufgegeben hatte, um als Gewerkschaftsfunktionär zu die­nen und insgesamt 55 Jahre lang als Gewerkschaftsführer zu be­fehlen.
Die revolutionäre mexikani­sche Verfassung von 1917 hatte den Staat zum Schiedsrichter in allen Streitigkeiten zwischen Kapital und Arbeit gemacht, und in der Folgezeit verstanden es die mexikanischen Präsidenten als eine ihrer vornehmen Aufga­ben, die zunächst noch schwa­chen Gewerkschaften nach Kräften zu fördern und aus ihnen ein Instrument nationaler Politik zu machen. Der Sector Obrero (Arbeitersektor), in dem die 1936 gegründete CTM seit ihrer Gründung die wichtigste Rolle spielte, wurde parallel dazu eine der wichtigen vier Säulen der of­fiziellen Regierungspartei PRI (Partido Revolucionario Institu­cional). Das bedeutete für die Führungsschicht der CTM, daß sie mit Erfolg Anspruch auf im­mer mehr Ämter in Parlamenten, bundesstaatlichen und städti­schen Verwaltungen erheben konnte.
Fidel Velázquez, der 1940 zum ersten Mal für vier Jahre und dann seit 1946 bis heute den Vorsitz in der CTM übernom­men hatte, hat dieses System ei­ner systematischen Korruption des Gewerkschaftswesens zu­gunsten “seiner” Regierungspar­tei und des jeweiligen Staatsprä­sidenten mit Inbrunst verteidigt und aus den Gewerkschaften Kontrollinstrumente des Regi­mes zur Disziplinierung der Ar­beiterinnen und Arbeiter und zur Kanalisierung ihrer Wähler­stimmen gemacht.
Abweichung wurde nicht ge­duldet: “Wer abweicht, beleidigt die organisierte Arbeiterbewe­gung.” Oder sein berühmtester Spruch: “Wer sich bewegt, kommt nicht mit aufs Foto.” Und die Fotos mit ihm und seinen Getreuen an der Seite des jewei­ligen Staatspräsidenten waren ihm heilig.
“Wir sind mit der Gewalt der Waffen an die Macht gekom­men, da werden sie uns doch nicht mit Stimmzetteln vertrei­ben!” So der Zynismus, mit dem demokratische Wahlen von ihm betrachtet wurden. So nahm er die Wahlen zwar nicht ernst, hielt sie aber doch für so wichtig, daß er alles in seiner Macht Ste­hende tat, um die sechs Millio­nen Mitglieder seiner Organisa­tion für die PRI an die Wahlurne zu treiben und so die Notwen­digkeit von Wahlfälschungen, die er im Zweifelsfall für legitim hielt, zu vermindern. Noch auf dem Sterbebett fragte er seinen Arzt, ob der auch bei den bevor­stehenden Wahlen am 6. Juli wählen werde.
Fidel Velázquez war es, der seit 1946 alle sechs Jahre in der Öffentlichkeit verkünden durfte, wen der jeweilige Präsident am Ende seiner Amtszeit zu seinem Nachfolger ausersehen hatte, und die Kursänderungen, die diese Präsidenten verfolgten, wurden dann von Velázquez auch durch­gesetzt, wenn sie bedeuteten, daß die Interessen der Arbeiterinnen und Arbeiter mit Füßen getreten wurden. Wo sich Opposition ge­gen die Staatsmacht rührte, war Velázquez in seiner Verfol­gungswut meist sogar noch hef­tiger als die Staatspräsidenten selbst. In den Zeiten des Kalten Krieges wurde er zu einem glü­henden Antikommunisten, der alle des Kommunismus Ver­dächtigen denunzierte, verfolgte und aus der Gewerkschaft hin­auswarf. Als sich Ende der fünf­ziger Jahre Tendenzen einer au­thentischen Gewerkschaftsver­tretung rührten, forderte er die blutige Repression der “Subversion”. 1968 war er der erste, der gegenüber den rebellie­renden Studenten eine harte Hand forderte. Das Ergebnis der harten Hand waren Hunderte to­ter Studenten. Und den ur­sprünglich aus der PRI stam­menden oppositionellen Prä­sidentschaftskandidaten Cuauh­témoc Cárdenas beschimpfte er 1988 als “Verräter”, um dann den Übergang des Präsidenten Salinas zu einer konsequent neo­liberalen Politik nach zahmen Protesten zu akzeptieren und als Erfolg zu feiern. Und natürlich forderte er nach dem Aufstand der Zapatisten in Chiapas 1994 sofort, mit ihnen auf gewaltsame Weise Schluß zu machen.
Fidel Velázquez war mit den Jahren eine Institution geworden, ein Dinosaurier, der die Zeichen der Zeit nicht mehr verstand, gleichwohl aber wie ein Koloß allen notwendigen Veränderun­gen und jeder demokratischen Neuerung im Wege stand. Jetzt erst – ohne ihn – hätten die mexi­kanische Gewerkschaftsbewe­gung und die PRI noch einmal eine Chance, sich so zu verän­dern, wie sie das schon vor Jahr­zehnten hätten tun müssen, um der Zeit gewachsen zu sein. Die Ergebnisse der Wahlen im Juli werden zeigen, ob es dafür nicht schon zu spät ist und die PRI mit dem Beginn des neuen Jahrhun­derts die Macht doch abtreten muß.

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