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Die neue Generation der Landlosen

Das aus Pfählen und mit ein paar Brettern zusammengezimmerte Haus, vor dessen Eingang ein halbes Dutzend Hühner scharren, seine spärliche Einrichtung und das kleine Grundstück, auf dem es steht, sind alles, was Don José Choc, seiner Frau María und ihren sieben Kindern geblieben ist. Ihre Parzelle haben sie vor zwei Jahren verkauft – zu einem guten Preis, dachten sie. Das Geld ist aber schon weg und damit auch die Hoffnung auf das bessere Leben, das ihnen der Käufer des Grundstücks damals versprochen hatte. Jetzt bleibt ihnen nur noch die Arbeit als gelegentliche Tagelöhner in der palma, wie die Ölpalmenplantagen hier genannt werden. Die Arbeit reicht jedoch kaum zum Leben.
So wie ihnen ging es tausenden Familien im Petén. Wer von Cobán nach Sayaxché reist und das Tiefland erreicht, fährt bald kilometerweit nur noch zwischen jungen Ölpalmenplantagen in verschiedenen Wachstumsstadien hindurch. Sie erstrecken sich links und rechts der Straße bis an den Horizont. Hin und wieder tauchen ärmliche Ansiedlungen der Straße entlang auf, in denen die Arbeiter_innen dieser Plantagen mit ihren Familien leben, die bis vor wenigen Jahren noch Besitzer_innen des umgebenden Landes waren. Sie sind Opfer eines mit ungeheurer Schnelligkeit voranschreitenden Prozesses der Landkonzentration. Nach einer im Januar dieses Jahres erschienenen Studie im Auftrag der Weltbank hat dieser Prozess bereits über 40 Prozent der kleinbäuerlichen Familien des Petén ihr Land und damit ihre Existenz gekostet. An der Entwicklung sind neben den Palmölunternehmen vor allem Viehzüchter_innen und Drogenkartelle beteiligt, die in vielen Fällen die dreckige Vorarbeit der „Überredung“ derjenigen unternehmen, die nicht freiwillig verkaufen wollen.
Dabei sind die meisten kleinbäuerlichen Familien erst vor wenigen Jahrzehnten hier angekommen, als der bis dahin noch fast unbesiedelte Nordosten Guatemalas vom Staat zur Besiedlung freigegeben wurde. Damit wollten die damaligen Regierungen eine dringend notwendige Landreform und Umverteilung der bis heute schreiend ungerechten Landbesitzverhältnisse vermeiden. Mit der Freigabe der Besiedlung setzte aus mehreren der umliegenden Departamentos eine Migrationsbewegung ein, die die Bevölkerung des Petén von 20.000 Einwohnern im Jahr 1960 auf über 600.000 in der Gegenwart anwachsen ließ. Es kamen indigene Q’eqchi’es aus Alta Verapaz sowie landlose mestizische Kleinbäuerinnen und -bauern, die ihren Boden dort im 19. Jahrhundert an deutsche Kaffeepflanzer_innen verloren hatten, sowie Flüchtlinge vor dem Bürgerkrieg aus allen Departamentos, die ein Stück freies Land suchten und mit seiner Bearbeitung und der Beantragung von Besitztiteln begannen. Daneben erwarben jedoch auch Militärs und wohlhabende Bürger_innen für wenig Geld große Ländereien, die zunächst oft für Jahrzehnte brach lagen. Der Petén war ihnen zu schwer zugänglich und zu gefährlich, als dass eine größere Investition gelohnt hätte. Mit dem Abschluss der Friedensverträge von 1996, der verbesserten Sicherheitssituation und dem kräftig vorangetriebenen Ausbau der Infrastruktur wurde der Petén jedoch auf einmal interessant für eine Vielzahl von Akteur_innen. So begann ein Ansturm auf die Ländereien, der die Preise in den letzten 15 Jahren um das zehnfache steigen und ganze Kleinbauerngemeinden vom Erdboden verschwinden ließ.
Dabei war eigentlich alles ganz anders geplant gewesen. Im Jahr 1996 schlossen die guate­maltekische Regierung und die Weltbank Verträge über die Finanzierung eines Katasterprojekts ab. Dieses sollte den bis dahin zum Teil sehr chaotisch verlaufenen Prozess der Besiedlung des Petén in geordnete Bahnen lenken und Rechtssicherheit für alle Beteiligten von den kleinbäuerlichen Familien bis hin zu möglichen Investor_innen schaffen. Das Projekt sollte zugleich als Muster dienen für seine Fortsetzung in ande­ren Departamentos Guatemalas. Im Wesentlichen bestand es aus drei Komponenten: der genauen Vermes­sung und Festlegung von Grundstücksgrenzen, der damit verbunde­nen Vergabe von rechtsgültigen Besitztiteln und schließlich – um der Forderung der Frie­densverträge nach gerechterer Verteilung des Landes nachzukommen – einer sogenann­ten marktgestützten Landreform. Diese sollte landlosen Kleinbäuerinnen und -bauern die Möglichkeit geben, über vom Staat gewährte günstige Gruppenkredite brachliegendes Land aufzukaufen und sich darauf niederzulassen.
Die zum Ende der ersten Phase sichtbaren katastrophalen Auswirkungen des Katasterprojekts brachten engagierte Aktivist_innen dazu, eine Evaluierung der bisherigen Ergebnisse des Projekts von der Weltbank zu fordern. Sie wurde angesichts der schon angelaufenen zweiten Phase und anstehender Verhandlungen über die Finanzierung für die weitere Fortsetzung gefordert. Die Evaluierung fand Ende 2011 bis Anfang 2012 statt und ihre Ergebnisse wurden nach einigem Hin und Her Anfang dieses Jahres veröffentlicht.
Die Annahme der Weltbank und der guatemaltekischen Regierung, allein durch die Schaffung von Rechtssicherheit ließe sich der Landbesitz von kleinbäuerlichen Familien schützen und ihre landwirtschaftliche Produktion beleben, war verfehlt. Die Ergebnisse der Studie weisen auf schwerwiegende Mängel sowohl in der Konzeption des Projekts als auch seiner Ausführung hin. Dazu gehören zunächst mangelnde Schutzmechanismen vor der Spekulation. Die neu geschaffene Rechtssicherheit steigert den Wert des Landes noch einmal zusätzlich. Die ungeheure Preissteigerung stellt für am Rand des Existenzminimums lebende Kleinbauernfamilien einen sehr hohen Anreiz zum Verkauf dar. Gleichzeitig macht sie die ohnehin völlig unterfinanzierte sogenannte marktgestützte Landreform zur Farce, da Ackerland für Arme auch mit Unterstützung durch Kredite nicht erschwinglich geworden ist. Sie führt nur in eine schwer zu entrinnende Schuldenfalle.
Weiterhin fehlt eine Förderung kleinbäuerlicher Landwirtschaft durch den Staat, um von einer bis dahin vor allem subsistenzorientierten auf eine stärker marktorientierte Produktion umstellen zu können. Ein Großteil der kleinbäuerlichen Familien verkaufen ihr Land aus wirtschaftlichen Gründen, da sie der Konkurrenz der großen Agrarbetriebe nicht gewachsen sind. Zudem gibt es keinerlei Mechanismen, um sie vor direktem Druck und der Androhung von Gewalt durch mächtige Käufer_innen zu schützen.
Ein weiterer konzeptioneller Fehler ist die an westlichen Modellen orientierte fast ausschließliche Titulierung auf individueller Grundlage. Diese ignoriert komplett zuvor existente Modelle kollektiver Bewirtschaftung von Land und Ressourcen insbesondere durch indigene Gemeinden. Deren Territorien werden durch die Parzellierung auseinandergerissen und die Gemeinden stark geschwächt, was die Landkonzentration ebenfalls beschleunigt. Schließlich drückten sich die für den Katasterprozess zuständigen Institutionen darum, gerade bei strittigen Landbesitzverhältnissen Klarheit zu schaffen. Solche Flächen ließen sie bei der Vermessung und Titulierung aus – und damit diejenigen Landbesitzer_innen allein, die wirtschaftlich oder politisch benachteiligt sind und schlechtere Möglichkeiten haben, ihr Recht vor Gericht zu erstreiten.
Die Entwicklung im Petén ist alarmierend. Weder die Palmölindustrie und noch weniger die Viehzucht haben die Arbeitskraft der kleinbäuerlichen Familien auffangen können, die durch die Landkonzentration von ihrem Land vertrieben wurden. Die wenigen, die dort Arbeit fanden, haben sich in ihrer ökonomischen Situation deutlich verschlechtert. Wem das nicht gelang, der muss Land von Anderen pachten, um zumindest für die tägliche Ernährung etwas Mais und Bohnen anbauen zu können. Andere sind in die städtischen Zentren und die Naturschutzgebiete migriert, deren Zerstörung dadurch noch einmal beschleunigt wird. Es gibt einen deutlich wahrnehmbaren Prozess der Verarmung und Proletarisierung, zunehmende Landknappheit und eine wachsende Hoffnungslosigkeit vor allem der jungen Generationen. Sie sehen auf dem Land keine Zukunft mehr für sich, ohne dass etwa durch einen Prozess der Industrialisierung des Landes echte Alternativen in den Städten absehbar wären. Gleichzeitig werden immer größere Flächen, die zuvor zum Anbau von Grundnahrungsmitteln genutzt wurden, dieser Produktion entzogen. Damit wird die Ernährungssicherheit des Landes weiter gefährdet, in dem jetzt schon 49 Prozent der Kinder als chronisch mangelernährt gelten.
Die Autor_innen der Evaluation empfehlen zunächst vor allem, die für die Zukunft geplanten Folgephasen des Katasterprojekts auszusetzen, um weiteren Schaden zu verhindern und eine gründliche Neukonzeption vorzunehmen. Diese müsste neben schon erwähnten Schutzmaßnahmen vor Spekulation oder der Förderung kleinbäuerlicher Landwirtschaft vor allem das Recht der Betroffenen berücksichtigen, selbst über die Art und Weise der Titulierung, zum Beispiel in Form gemeinschaftlichen Landbesitzes, bestimmen zu können. Die Weltbank scheint dafür ein offeneres Ohr zu haben als die gegenwärtige guatemaltekische Regierung. Dabei gibt es schon einige sehr interessante Initiativen wie zum Beispiel im Munizip von Chisec, wo eine Gruppe von 14 indigenen Gemeinden vehement Gemeinschaftstitel eingefordert und erhalten hat. Sie sind untereinander gut vernetzt und haben so eine kleine Insel des Widerstands gegen das Vorrücken von Palmölindustrie und Viehzüchter_innen gebildet. Die Hoffnung ist, dass sich diese Inseln mehren und zusammenwachsen, um indigenen und mestizischen Kleinbauern und -bäuerinnen auch in Zukunft eine Lebensgrundlage bieten zu können.

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