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Die obszönen Flügel des José Donoso

Jene kleinen Augen hinter ewigen Brillengläsern glänzten und verkleinerten sich im Gespräch, beim Schreiben. Sein weißer Bart und sein weißes Haar ließen nicht die tausend Vögel vermuten, die in seiner Seele herumflatterten. Seine Stimme war tief und fein, jedoch scharf, treffsicher. Komplize eines obszönen geflügelten Wesens, das um ihn herumkreiste, lebte er, als ob sein Inneres voller Truhen versteckter Welten sei: Welten aus Phantasien, Sünden und bezaubernden Schweinereien, in denen die Oligarchie und der Plebs, die Nutten, die Personen gemeinen Schlages den Verstand verlieren, einander umbringen, huren, sich betrinken und so großartig klein sind. Für José Donoso war der Roman – wie für Faulkner – das geheime Leben eines Schriftstellers, der dunkle Zwilling des Menschen.
Die Absurdität der menschlichen Existenz in einer Hölle zeigt Donoso in EL lugar sin límites (1966; dt. “Ort ohne Grenzen”, 1976) auf, einem Roman, der Autoritarismus, Ambivalenz der Persönlichkeit, Zerstörung, Unterentwicklung und chilenische Maskierungen beschreibt. Auf tragikomische Weise wird das Leben des Transvestiten La Manuela in einem Dorfbordell Zentralchiles erzählt. Dorf und Bordell werden täglich leerer, und die Hölle des dortigen Lebens immer größer. Jede der einzelnen Figuren kämpft alleine, ohne jegliche Aussichten auf Selbstverwirklichung gegen eine sinnentleerte Existenz. Wir sind gehalten, hinter jene Masken zu schauen, die wir doch zumeist als Realität ansehen, Masken, die abzulegen den Protagonisten des Romans nicht wirklich gelingt.
El obsceno pájaro de la noche (1970; dt. “Der obszöne Vogel der Nacht”, 1975) gilt als eines der herausragenden Werke von José Donoso. Mit einer gelegentlich als surrealistisch, vielleicht auch alptraumhaft charakterisierten Sprache berichtet der Roman von einer seltsamen, düsteren und grotesken Welt, die durch die Dekadenz der alten Großgrundbesitzerfamilien entsteht. Vermittelt werden die Fragmente früheren Glanzes, der zur irrealen Pantomime verkommen ist, bevölkert von einsamen, versprengten Individuen, die sich von der Wirklichkeit längst verabschiedet haben und ins Nichts abzustürzen drohen. Wir nehmen an der qualvollen Erinnerung derjenigen teil, die das Eingeschlossensein und das Zusammenleben mit Monstern, mit elenden alten Frauen und Waisenkindern in einem verfallenen Kloster erleiden. Bei der Darstellung der psychischen und sozialen Entstellungen greift Donoso archaische Stoffe und Motive aus Sphären des Unbewußten und Sexuellen sowie der chilenischen Mythenwelt auf. Die Figur des imbunche, des Hexenkindes, ist eine Ausgeburt unterdrückter Ängste. Dieses Wesen, “bei dem alles zugenäht ist: Augen, Geschlechtsteil, Gesäß, Mund, Nasenflügel und Ohren”, ist Ausdruck der Vision einer Welt, die von Erniedrigung und Verstümmelung regiert wird. Donoso schwebt über seinen Figuren und schleudert ihre Kleinheit aus einer immer ironischen Stille hinaus, voller Funken und Zweifel, in flammendem Widerspruch. Im ästhetischen Vorhaben seines Schreibens liegt ein Gefühl der Unruhe gegenüber dem menschlichen Leben und dem des Romans.
In seinem gleichfalls vielbeachteten Roman Casa de campo (1978; dt. “Das Landhaus”, 1986) führt uns Donoso in den Raum eines Landhauses, so, als ob es ein Wesen voller Leben wäre. Donoso schafft die Räume und schließt sie auch wieder, er nötigt seine Figuren dazu, diese Welt zu durchlaufen. Er ist ein gelernter Voyeur und kommentiert mit der Haltung ironischer Distanz das Geschehen. Als die Erwachsenen einer vermögenden Familie, die den Sommer auf ihrem Landsitz verbringt, eine längere Spazierfahrt unternehmen, stellt eines der zurückgelassenen Kinder das Leben im Landhaus auf den Kopf und nimmt freundschaftliche Kontakte zu den von den Erwachsenen als “Menschenfresser” bezeichneten Indios auf. Die zurückkehrenden Eltern setzen dem Treiben jedoch ein jähes Ende. Die von ihnen vorausgeschickte Dienerschaft stellt die ehemals herrschende Ordnung wieder her.

Die Maske ist die Wirklichkeit – und auch nicht

Bald wird klar, daß das, was uns Donoso zeigt, ein maskiertes Chile ist: maskierte Worte, maskierter Raum, maskierte Figuren, maskierte Probleme. Die sozialen Gruppierungen weisen einen eindeutigen Bezug zur modernen chilenischen Gesellschaftsstruktur auf. Einzelne Figuren tragen unverkennbar Züge historischer Personen (z.B. Salvador Allende, General Pinochet, Víctor Jara). Für José Donoso ist Chile eine Obsession, eine offene, unbeantwortete Frage. Er schreibt allegorisch die Geschichte seines Landes, indem er sie einen lateinamerikanischen Erzähler verfassen läßt.
Man könnte sagen, daß die Person José Donoso selbst ein chilenisches Landhaus ist, voller Zimmer, Treppen, Balkone, Keller, Verstecke und privater Winkel, mit Bestandteilen einer Geschichte, die nach und nach ans Licht kommt. Mit Donoso stellt sich die zentrale Frage, wo nach dem Zusammenbruch gesellschaftlicher Ideale neue Werte zu finden sind. Seine Figuren sind die Söhne und Töchter jener Aufgeklärten, die von der verborgenen lateinamerikanischen Natur absorbiert wurden. Jedes seiner Bücher ist eine seltsame Mischung aus Modernität und Atavismus, in dem Bruchstücke der privaten und versteckten Geschichte Chiles enthalten sind. Sein barocker Sarkasmus nähert uns mehr dem Typ des zweifelnden als dem des sicheren Menschen.
Die Masken, das Erbe, die sanfte Verrücktheit des Menschen, bedrängt von einer verschimmelten Ordnung, das unabwendbare drohende Krächzen des Alters, die dichten Schleier, die Unzucht des kleinen Körpers, das dem Menschen innewohnende Land, der schlaue Wahn, die Gewalt des Abgenützten, all das bricht in seinen Figuren aus. Es sind die Themen, denen José Donoso mit der Gewißheit dessen, der sie gelebt hat, gegenübertritt und vor denen es keine Schattierungen, keine Irrtümer gibt. Für ihn bedeutet, Schriftsteller zu sein, wie für Baudelaire, “den Flügelschlag der Verrücktheit” gefühlt zu haben. Aus dieser Luft sind seine Wörter, werden Seiten, werden Welten, so als ob das Schreiben noch immer die Quelle des wesentlichen, physischen, geheimnisvollen Lebens sein könnte.
Obwohl José Donoso nicht mehr unter uns ist, atmet er noch. Er atmet wie mit eiserner Lunge, weil die Luft der Erinnerung eine andere ist. Er atmet, weil ich ihn noch immer zwischen seinen Zeilen umherflattern sehe. Weil er noch immer fähig ist, uns jenes Furchtbare zu zeigen, verborgen in der verrosteten Ordnung, die uns aufgedrängt wird. Weil er uns noch immer den Wert des kleinen Lebens erzählt. Weil ich mich an ihn, der irgendwo herumfliegt, erinnere und darauf warte, daß sich seine leuchtenden Augen mit meiner Lektüre treffen.

Übersetzung: Ina Jennerjahn

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