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Die offenen Adern Brasiliens vom Winde verweht

Staatliche Steuereintreiber haben Lucena sein Vieh genommen. Als er sich wehren wollte, schlugen sie ihn zusammen. Nach diesem Erlebnis erscheint dem Bauern der Troß des Predigers Antonio Conselheiro wie eine Verheißung: Einem überirdischen Sansculottenheer gleich schlängelt sich die Prozession durch die karge Landschaft. Kruzifixe und Standarten recken sich gen Himmel. Wie Moses, der die Kinder Israels aus der Sklaverei führen will, predigt der rauschbärtige Prophet vom Sertâo, der zum Meer wird, und vom Wasser, das sich in Milch verwandelt. Manchen schaudert’s, andere lauschen wie gebannt. Während Lucena sich Rettung aus dem Elend erhofft und seine skeptische Frau Penha dazu drängt, sich der Glaubensgemeinschaft anzuschließen, sucht seine heranwachsende Tochter Luiza instinktiv das Weite. „Sie sagen, er sei ein Heiliger. Er sieht aber aus wie ein Dämon.“
Der Anfang von Sergio Re-zendes Film „Der Krieg um Canudos“ wirkt wie eine Hommage an Glauber Rochas Film „Gott und Teufel im Land der Sonne“ (1964). Die Ausgangssituation ist ähnlich. Die Willkür der Mächtigen treibt einen armen Bauern und seine Familie in die Arme eines umherschweifenden Sektenpredigers. Nur daß diesmal im Gegensatz zu dem Klassiker des Cinema Novo die Schikanen nicht vom feudalistischen Patron ausgehen. Diesmal geht alle Gewalt „vom Volk“ aus – sprich: von den Beamten der neugegründeten Republik.
Brasilien Anfang der Neunziger des letzten Jahrhunderts: Der Zivilstaat, der den Monarchen gestürzt und sich „Ordnung und Fortschritt“ auf die Nationalflagge geschrieben hat, spielt sich im armen Nordosten als gnadenlose Autorität auf. Wer sich nicht fügen will, wird monarchistischer Umtriebe verdächtigt. Dies gilt besonders für Antonio Conselheiro und seine Sekte, die abseits der gesellschaftlichen Ordnung ein eigenes Territorium okkupiert: Sie gründen die Stadt Canudos. Die einen sehen in ihr ein „neues Jerusalem“, die anderen einen bedrohlichen Stachel im Fleisch der Republik.
An Canudos scheiden sich die Geister von Lucena, Penha und Luiza. Die Wege trennen sich, um sich Jahre später auf dem Schlachtfeld wieder zu kreuzen. Der Fa-milienkonflikt zieht sich als dramaturgischer Leitfaden durch das dreistündige Epos „Guerra de Canudos“. Als historische Grundlagen dienten das 1902 erschiene Buch „Os Sertoes“ von Euclides da Cunha und der Bericht des Kriegsberichterstatter Manoel Benicio „O rei dos jaguncos“ („Der König der Banditen“). Im Film verschmelzen sie zu der Figur eines Frontreporters, der von der Armee immer wieder zurückgepfiffen wird und nach Ende des Krieges harte Vorwürfe erhebt.
Im Oktober letzten Jahres, zeitgleich mit dem 100. Jahrestag des Massakers von Canudos (LN 279/280), kam Sergio Re-zendes Film in die brasilianischen Kinos. Mit einem Etat von 6 Millionen US–Dollar stellt er die aufwendigste nationale Kinoproduk-tion aller Zeiten dar. Die technische Umsetzung des Themas ha-be ihn besonders gereizt, so Re-zende. Im Hinterland von Bahia wurde auf einem 30.000 Quadratmeter großen Terrain das historische Canudos nachgebaut. Bis zu 1000 Komparsen agierten zeitgleich vor der Kamera. Die Streitkräfte stellten 1000 „echte“ Soldaten und 600 Originalwaffen zur Verfügung. Das Resultat wirkt fast wie ein programmatischer Gegenentwurf zur „Ästhetik des Hungers“ des Cinema Novo. So modern die Technik, so altmodisch ist andererseits der Erzählstil von „Guerra de Canudos“ im Vergleich zu den Klassikern: Keine chronologischen Brüche, keine gewagten Schnitte, keine unnötigen Ecken und Kanten in der Bilddramaturgie. Stattdessen Breitbandformat und satter Soundtrack.

Konkrete Utopie oder Opium für das Volk?

Der große epische Film als nationales Ereignis. Die offenen Adern Brasiliens als Bürgerkriegssaga, Schlacht– und Gesellschaftspanoramen wie bei „Vom Winde verweht“. Stolz berichteten Re-zende und die Produzentin Ma-riza Leâo auf der Berlinale, wie der Film in Brasilien für volle Kinosäle gesorgt habe. Mit dazu beigetragen hat sicher auch das Staraufgebot. Marieta Severo (letztes Jahr auf der Berlinale als Prinzessin Carlota Joaquina zu sehen) als Penha gibt eine verhärmte und gleichzeitig kraftvolle Mutter Courage ab. Dagegen ist die niedliche Claudia Abreu in der Rolle der mit allen Wassern gewaschenen Luiza eine haarsträubende Fehlbesetzung. Dem Nachwuchsstar („Die Guerilleros sind müde“, „Tieta do Brasil“) wurden kurzerhand die blonden Locken schwarz gefärbt. Damit sieht sie so echt aus wie die Indianer in Hollywood–Filmen.
Inhaltlich um Ausgewogenheit bemüht, springt die Erzählper-spektive zwischen den Fronten hin und her. Auf der Seite der Belagerer steht Luiza. Vom Haß gegen Antonio Conselheiro getrieben, überredet sie ihren Mann, sich dem Feldzug anzuschließen. Auf der anderen Seite der Barrikaden steht ihre Familie und kämpft ums Überleben. Canudos, konkrete Utopie oder Opium fürs Volk? Während die religiösen Riten einen recht breiten Raum einnehmen, spielt das soziale Gefüge innerhalb von Canudos kaum eine Rolle. Die Persönlichkeit des Antonio Conselheiros bleibt zwiespältig: Kommt er anfangs fast wie eine Rasputin-Karikatur daher, erscheint er später in positiverem Licht: So zeigt er sich denjenigen gegenüber tolerant, die Canudos verlassen wollen, um ihr Leben zu retten. Seinem Leben und seinem Selbstmord während der Belagerung haftet im Film etwas Geheimnisumwittertes und Dubioses an.
Aber auch die Anführer der anderen Seite sind alles andere als Lichtgestalten. Führende Armeeoffiziere werden als kriegsgeil und psychisch labil dargestellt. Ausführlich wird die grausame Rache an den Besiegten gezeigt. Die Armee macht mit den Gefangenen kurzen, sprich keinen Prozeß: Ihnen werden die Köpfe abgeschlagen oder die Kehlen aufgeschlitzt. Zurück in Rio de Janeiro, klagt der Frontberichterstatter an: „Der Feldzug war ein Verbrechen.“ Am Ende des Films steht die Stimme der Vernunft, des demokratischen Common sense. Das ist ehrenhaft und politisch korrekt, macht „Guerra de Canudos“ zu einer aufschlußreichen Geschichtslektion. Gleichzeitig fehlt dem Film der Funke an Intensität, an Radikalität, um über den historischen Rahmen hinauszuweisen. Nachdem alles in Trümmern liegt, versucht Luiza, sich und ihrer Schwester Mut einzuflößen: „Wir werden einen Ort für uns finden.“ Aber was, wo, wie? Wenn die beiden in der Schlußszene durch den Sertao ziehen, spricht aus dem ästhetisch perfekten Bild eine seltsame Unbestimmtheit.

„Guerra de Canudos“, Brasilien, 1997, Regie: Sergio Rezende; Farbe, 165 Minuten.

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