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Die Raketen und die Ethik

Es kann keinen Zweifel darüber geben, da? die SalvadorianerInnen das unabänderliche Recht haben, sich gegen die kriminellen Bombardements des Heeres dieses Landes zu verteidigen. Zweifellos auch, da? die FMLN das Recht hat, sich die Waffen zu beschaffen, die sie braucht. Unsere Solidarität mit dem salvadorianischen Volk ist nicht nur eine Pflicht, sondern ebenfalls ein Recht. Ich glaube, da? alle Revolutionäre […] in diesen Punkten übereinstimmen.
Aber aus meiner Sicht verwechseln in der Frage der Raketen einige Compañeros/as das Gerechte mit dem Legalen, denn es wurde aus der Prämisse argumentiert, da? der Zweck die Mittel heilige.
In den Diskussionen und Meinungsäuerungen, die ich zu diesem Thema mitbekommen habe, heißt es, da? dieses Abziehen der Raketen vom EPS moralisch korrekt sei, auch wenn es illegal ist, weil: a) die Sache gerecht ist, und b) es eine gemeinsame Aktion von eindeutig glaubwürdig revolutionären Persönlichkeiten ist. Die zusätzlichen Argumente beziehen sich grö?tenteils auf die Umstände, in denen sich sowohl FSLN als auch FMLN befinden, die doppelte Moral der Yankees, den bürgerlichen Charakter dieser Regierung, die Kriminalität der Cristiani-Regierung etc. Viele dieser Argumente sind vernünftig, auch gerecht, aber diese Logik hat paradoxerweise zu einer Verurteilung der Reaktion des EPS als ungerecht und unmoralisch geführt.
Betrachten wir das Geschehene an sich. War es angesichts der tiefgehenden brüderlichen und solidarischen Verbindungen zur FMLN ethisch richtig, das EPS zu berauben? Ist es moralisch korrekt, daß ein Guerilla-Heer die Souveränität eines Nachbarlandes verletzt, die durch ein anderes revolutionäres Heer garantiert wird? Was ist mit dem politisch-moralischen Verantwortungsbewußtsein der FMLN-Militantes gegenüber den Interessen der nicaraguanischen Revolution? Wo ist der gebotene Respekt gegenüber den Verantwortlichkeiten, Entscheidungen und allgemeinen Umständen der FSLN und des EPS?
Ich frage mich, was viele Compañeros/as wohl denken würden, wenn Mitglieder der FSLN nach Havanna gingen, um den revolutionären Streitkräften Kubas Waffen abzuziehen. Niemand würde auch nur daran denken, da? so etwas geschehen könnte! Alle Welt würde es für eine totale Respektlosigkeit und einen Mangel an Loyalität halten. Und: Alle Welt würde die absehbare kubanische Reaktion auf so eine Geschichte verstehen. Warum also denken einige, daß so eine Aktion gegen das EPS legitim wäre?
Meiner Meinung nach spiegeln sich darin tiefe Zweifel der sandinistischen Mitgliedschaft gegenüber der revolutionären Führung unter den neuen politischen Bedingungen nach der Wahlniederlage wieder. Diese Haltung muß ein Denkzettel für die Führung über die Notwendigkeit der Kommunikation, Transparenz, Information und Analyse sein, die die revolutionären Kräfte verlangen.
[…] Ein politisches, juristisches und ein Problem internationaler Beziehungen ist zu einer ideologischen Frage geworden, wo die Bewertung des Raubes der Waffen zum Hauptkriterium der Bewertung des politischen Engagements und der revolutionären Militanz wird, und wo die Übereinstimmung mit den Prinzipien das Maß für die Aktion einer Gruppe ist, die offen gegen das Gesetz und gegen die Interessen der Partei, der sie angehören, durch eine für die nicaraguanische und salvadorianische revolutionäre Bewegung kontraproduktive Aktion verstößt. Man kann nicht die Prinzipien bemühen, wenn man gleichzeitig mit den normalen Umgangsformen zwischen revolutionären Organisationen bricht.
Der Volkswillen und die revolutionäre Aktion haben einen Rechtsstaat geschaffen, der von allen respektiert werden muß, aber vor allem von den Revolutio¬nären. Den Rechtsstaat nicht zu respektieren, ist Doppelmoral. Wir können nicht Doppelmoral der Revolutionäre rechtfertigen und die der Feinde verurteilen.
Die Prämisse, daß der Zweck die Mittel heilige, führt nur zum Relativismus und schließlich zur Konfusion. Schlimmer noch, sie führt zu dem, was wir alle befürchten: Zur Aufgabe der Prinzipien.

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