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Die „richtigen Eltern“ sind lieb und reich

Rosa Salvaje, die wilde Rose,
ist bei ihrer Pflegemutter Manina in einem Elendsviertel von Mexiko-Stadt aufgewachsen. Sie verkauft Kaugummi auf der Straße und tobt mit den Jungen des Viertels herum. Dabei ist sie schon eine junge Frau. Und prompt verliebt sie sich in den attraktiven, reichen Ricardo Linares. Dieser lebt mit seinem Bruder und seinen beiden Schwestern in einer schönen Villa.
Rosa und Ricardo heiraten und Rosa zieht in die schöne Villa der Familie Linares. Doch die Schwestern scheuen vor keiner Bösartigkeit zurück, um das Paar auseinanderzubringen und „die Wilde“ wieder aus ihrem Haus zu vertreiben. Der charakterschwache Ricardo setzt sich nicht genug für seine Frau ein, und so kehrt Rosa enttäuscht zu ihrer Manina und der menschlichen Wärme unter den Nachbarn im Elendsviertel zurück, um weiter um ihr Überleben und ihre Würde zu kämpfen.
Viele Monate vergehen und die Schwestern Linares manövrieren sich durch ihre Einfältigkeit und Boshaftigkeit in schwere Probleme. Das gesamte Vermögen der Familie droht verloren zu gehen. In der Zwischenzeit hat Rosa ihre leibliche Mutter im Dschungel der Großstadt per Zufall wiedergefunden. Diese ist sehr reich, und zufällig steht die Familie Linares in ihrer Schuld. Nun kann Rosa sich an den bösen Schwestern rächen, alle ihre (Konsum-) Wünsche befriedigen und Liebe und Geborgenheit finden. Natürlich versöhnt sie sich mit ihrem Ricardo und erwartet ein Kind von ihm.

Im Dschungel
der Großstadt
Dies ist das typische Muster einer klassischen Telenovela, wie sie seit vielen Jahren mit Erfolg in ganz Lateinamerika, aber auch in einigen Ländern Süd- und Osteuropas und China ausgestrahlt wird: Familienbande verlieren sich im Dschungel der Großstadt. Die armen Protagonistinnen behaupten ihren Stolz und ihre Würde gegen Anfeindungen und Demütigungen (vor allem durch die Reichen), indem sie mutig und fleißig leben und leiden. Einige FreundInnen und das Glück helfen der Heldin, nicht nur ihre emotionale Geborgenheit, sondern auch gleich ihre materielle Sicherheit ein für allemal herzustellen. Parallel zu dieser Hauptgeschichte ereignen sich in der Telenovela zahlreiche Nebenschicksale. Fast alle Figuren sind irgendwie miteinander verbunden.

Vorbilder aus dem
19. Jahrhundert
Dieses Schema ist nicht neu. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts erfreuten sich derlei Geschichten riesiger Popularität. Vor allem in Frankreich und England erschienen auf den damaligen Feuilleton-Seiten des neuen Massenmediums Tageszeitung Fortsetzungsgeschichten mit Titeln wie “Verloren in London“ oder „Die Geheimnisse von Paris“. Für die ersten mexikanischen Telenovelas in den fünfziger und sechziger Jahren wurden denn auch viele europäische Feuilleton-Romane des 19. Jahrhunderts adaptiert.
Die Popularität des Feuilleton-Romans fiel sowohl im Europa jener Tage als auch in Lateinamerika Mitte des 20. Jahrhunderts in eine Zeit, als große Massen in die Städte strömten. Die traditionellen, überschaubaren menschlichen Beziehungen mussten aufgegeben werden, die Menschen in der Stadt begegneten einander als Fremde, ein jeder unsicher über Normen und Moral, was die sozialen Bindungen grundsätzlich instabiler machte.

Telenovela schafft
Vertrautheit …
Feuilleton-Roman und Telenovela greifen diese Probleme auf. Ihre mehrsträngige Erzählung mit dem komplexen, aber für das Publikum überschaubaren sozialen Netz hebt Fremdheit und Unsicherheit auf. Die Aufhebung von Fremdheit ist eines von vielen attraktiven Elementen, welche die Telenovela gerade für diejenigen wertvoll werden lässt, die auf eine vertraute Umgebung verzichten müssen. Sich im sozialen Gefüge auszukennen und soziale Handlungen kompetent beurteilen zu können (Klatsch), sind Fähigkeiten, die im überschaubaren sozialen Raum möglich werden und den Einzelnen das Gefühl geben, zu wissen, wo sie hingehören. Die Vertrautheit, die die Telenovela schafft, ist nicht nur für die urbane Bevölkerung interessant. Sicherheit und Geborgenheit werden oft durch ein ähnliches Schema hervorgerufen.

… Lebenshoffnung …
Zunächst agieren die ZuschauerInnen mit den Figuren und nehmen intensiv an ihrem Schicksal Anteil. Sie machen die – wenn auch nur virtuelle – Erfahrung, dass die Menschen mitten unter Fremden Bekannte und Angehörige (zu ihnen Gehörende) wiederfinden, die sie verloren hatten. Die fremde Person entpuppt sich als eine, die zu mir gehört und dadurch emotionale und soziale Sicherheit verleiht (und außerdem noch sozialen Aufstieg bedeutet). Das Happy End – Menschen bleiben für immer zusammen – hinterlässt das Gefühl von emotionaler Stabilität: Ich weiss, wo ich hingehöre, habe meinen Platz im sozialen Gefüge.
So erzählte eine Zuschauerin: „Ich persönlich betrachtete eine Telenovela wie eine Lebenshoffnung. Sie half mir, das Problem, das ich hatte, neu zu überdenken. Ich verstand die Figur und sagte: ‘Sie befindet sich in einer ähnlichen Situation wie ich.’ Es war eine Krise in meiner Werte-Identität, weil ihre ganze Welt zusammenbrach, ihre affektive Welt, und sie schaffte es nicht, zu sagen, wo sie steht, wie sie war. Ich sagte: ‘Ich verstehe dich und ich weiß, dass du aus den Problemen herauskommen wirst’, aber ich wollte auch zu mir sagen, dass ich herauskommen würde.“

… und normative
Sicherheit
Außerdem macht die tägliche Begegnung mit den Figuren diese zu guten Bekannten. Das Publikum tritt in eine intensive Auseinandersetzung mit den Figuren und misst diese an den eigenen Maßstäben. Dadurch, dass die Telenovelas selten gesellschaftliche Tabus ansprechen, bestätigen sie in der Regel die allgemeinsten moralischen Haltungen und geben damit dem Publikum das Gefühl normativer Sicherheit: Ich mit meinen Meinungen von der Welt liege genau richtig.

“Machmal weinten sie fast”
Nicht zuletzt bekommen die FernsehzuschauerInnen durch die Fortsetzungsgeschichten Anregungen für die Kommunikation mit anderen, indem sie über diese Figuren und damit über Dinge reden, die sonst im Privaten verborgen sind. Über die „Fremden“ – das können auch die Nachbarn sein – lässt sich so auf unverbindliche Weise etwas erfahren. Ein schönes Beispiel dafür gibt eine Hausfrau, die sich, motiviert durch ein Seminar über Telenovelas, auf den Weg machte und Leute in ihrer Nachbarschaft und auf dem Markt nach ihren Meinungen zur Telenovela befragte:
„Ich traf die Frauen und sagte: Hören Sie, ich habe da eine Frage. … Niemand wies mich ab, niemand. … Und wenn sie mir erzählten, weinten sie manchmal fast. … Sie erzählten mir mit einem Vertrauen, als würden wir uns schon Jahre kennen. Und es waren Leute, die ich gerade erst kennen gelernt hatte.“
Auch auf dieser Ebene finden die ZuschauerInnen ein Gefühl der Übereinstimmung und der Zusammengehörigkeit mit anderen.
Der Fernsehkonzern Televisa (bis Mitte der neunziger Jahre Quasi-Monopolist auf dem mexikanischen Fernseh-Markt) bemühte sich intensiv darum, diesen Effekt – das Stiften eines Verbundenheitsgefühls – zu nutzen und mit Slogans von der „gran familia“ zu fördern. Ob sich die Mexikaner dadurch tatsächlich stärker an Televisa und an die eigene Nation gebunden fühlen, ist allerdings nicht sicher. Zumindest, wenn es um Telenovelas geht, entscheiden sich die ZuschauerInnen pragmatisch. Sie schalten den Sender ein, der die gefälligeren Telenovelas bringt.
Gisela Klindworth

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