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Die Rollenbilder aufbrechen

Sexualisierte Gewalt ist für viele Frauen in Kolumbien Alltag – sei es im familiären Bereich oder im Zusammenhang mit dem bewaffneten Konflikt. Hintergrund für die Gewalt sind die vorherrschenden Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit, die wiederum in geschlechtsspezifischen Rollenbildern und Macht- und Abhängigkeitsstrukturen ihren Ausdruck finden. Die Gewalt ist somit kein Einzelphänomen, sondern wird kulturell gerechtfertigt und innerhalb des Konflikts als Strategie angewendet. Widerstand kommt sowohl von Frauenorganisationen, die sich für das empowerment von Frauen einsetzen, als auch von Männergruppen, die mit Kampagnen wie „Vorsicht, Machismo ist tödlich“, die traditionelle Männerrolle zu hinterfragen und zu verändern versuchen.
Unter dem Schlagwort „Neue Männlichkeiten“ haben sich in Kolumbien verschiedene Männergruppen zusammengeschlossen und zu landesweiten Netzwerken vereinigt, Das Kolumbianische Netzwerk der Männlichkeiten für Geschlechtergleichheit unterstützt Aktivitäten und Kampagnen, die sich gegen Machismo und Gewalt gegen Frauen richten und Ideen zu alternativen Konzepten von Männlichkeit fördern. Auch bietet es Fortbildungen und Workshops für öffentlichen Einrichtungen an, die an dem Thema interessiert sind. Ziel ist es, ein Männerbild in die Öffentlichkeit zu tragen, welches die bestehenden Klischees dekonstruiert und gewaltfreie Identitätsformen propagiert. So engagiert sich zum Beispiel in der Küstenstadt Cartagena ein Kollektiv junger Männer, genannt „Los Pelaos“ („Die Jungs“), für Ideen und Konzepte alternativer Männlichkeit. Vor fünf Jahren haben sie sich in dem Barrio Santa Rita gegründet, weil sie „die Gewalt gegen Frauen satt hatten“, erzählen sie. Bei verschiedenen Treffen zu Themen wie „Fußball, Männlichkeit und Gewalt“ diskutierten sie über Machismo, Vorschläge zu gewaltfreien Spielweisen beim Fußball und über die Wichtigkeit einer alternativen Erziehung, die auf Respekt basiert und nicht auf Aggression setzt.
Der Experte Fredy Gómez beschreibt das Konzept der Neuen Männlichkeiten als „neue Formen des Mannseins und Mannwerdens, die mit der Konstruktion neuer Identitäten, neuer symbolischer Referenzpunkte und neuen sozialen und politischen Strukturen einhergehen“. Es handelt sich um den Ansatz eines kulturellen Wandels, der sich von der Mikro- auf die Makroebene, von der persönlichen Ebene hin zu den gesellschaftlichen Strukturen, erstreckt. Dabei geht es inhaltlich um die Dekonstruktion des herrschenden Männlichkeitsideals, das Gewalt, Homophobie und Exklusion fördert. Der erste Schritt hierfür besteht darin, Bewusstsein über die eigene Positionierung und erlernten Werte zu erlangen und davon ausgehend Praktiken zu ändern, die die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern reproduzieren. Fredy Gómez zufolge ist die Gewalt gegen Frauen funktional für das patriarchale System. Es sei deshalb wichtig, auf persönlicher wie gesellschaftlicher Ebene die Anreize und Symbole zu verändern, die die Gewalt als etwas „Unvermeidliches“, „Normales“ oder gar „Wünschenswertes“ darstellen.
Im Jahr 2009 veröffentlichte die internationale Nichtregierungsorganisation Oxfam eine Studie zu sexualisierter Gewalt in Kolumbien als Kriegswaffe. In dieser bezeichnet sie die Anwendung dieser Gewalt als systematische und verbreitete Praxis, die zu einem integralen Bestandteil des bewaffneten Konflikts geworden sei. Doch auch wenn die Gewalt gegen Frauen im bewaffneten Konflikt zunehmend in die Öffentlichkeit gelangt, so findet der größte Teil der Gewalt im Kontext der Familie hinter verschlossenen Türen statt. Oxfam geht davon aus, dass in Kolumbien 60 bis 70 Prozent der Frauen eine Art von Gewalt erfahren haben, sei sie physischer, psychischer oder politischer Natur. Insbesondere bei sexualisierter Gewalt ist es schwer, konkrete Zahlen und Quellen zu bekommen, da die Methoden der Erfassung unterschiedlich und die Dunkelziffer auf circa 90 Prozent der Fälle geschätzt wird. Die Angaben zu Frauen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben, schwanken zwischen 35 und 17 Prozent. Doch die Hürden, eine Vergewaltigung zur Anzeige zu bringen, sind sehr hoch. Zum einen, da die Frauen soziale Stigmatisierung fürchten, zum anderen aufgrund der fehlenden Sensibilisierung der staatlichen Behörden, zu denen die Frauen kaum Vertrauen haben können.
Aus feministischer Perspektive ist die Gewalt gegen Frauen Ausdruck gesellschaftlicher Strukturen, die auf ihrer Unterdrückung und Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern beruhen. Luz Piedad Caicedo von der Frauenrechtsorganisation Humanas spricht von einer „Geschichte der Gewalt gegen Frauen“ in Kolumbien, da sich Erfahrungen von Gewalt wie ein Kontinuum durch das Leben von Frauen ziehen. Die Forschungen zu dem Thema, so Luz Piedad, bestätigen die These des Kontinuums, wonach die Gewalt, die gegen Frauen ausgeübt wird, struktureller Natur ist. Für Isabel Jaramillo, Juraprofessorin an der Universidad de los Andes in Bogotá, liegt die Wurzel sexualisierter Gewalt in der Enteignung der Sexualität der Frau und der Aneignung der Kontrolle über ihren Körper. Im Zusammenhang mit dem bewaffneten Konflikt werden die Körper der Frauen zu „umkämpften Territorien“, auf denen Machtaus-einandersetzungen ausgetragen werden. So wird sexualisierte Gewalt etwa als Mittel eingesetzt, um den sozialen Zusammenhalt in einer Dorfgemeinde aufzubrechen und um Vertreibungen zu provozieren. Gerade Frauen, die sich politisch engagieren, etwa in Vertriebenenorganisationen, sind besonders gefährdet, Opfer von Übergriffen sexueller Art zu werden. Die Botschaft dahinter richtet sich dabei an alle Frauen, die aus den traditionell zugeschriebenen Rollen und Räumen hervortreten, und mit der Gewalt wieder in diese zurückgewiesen werden sollen.
Einerseits können die Formen, Funktionen und Botschaften der Gewalt in den verschiedenen Sphären stark variieren und vor allem die Folgen sexualisierter Gewalt fallen im familiären Bereich und im Kontext des Konflikts sehr unterschiedlich aus. Die tiefer gehenden Ursachen lassen sich jedoch auf die von Kindheit an verinnerlichten Idealvorstellungen und Identitätsmuster des Männlichen und Weiblichen zurückführen, die die Legitimitätsgrundlage für die Gewalt schaffen.
Die Konstruktion männlicher Identitäten ist geprägt durch Praktiken, die die physische Kraft und Aggressivität stark betonen. Dahingegen wird das Bild des Femininen als unterwürfig und abhängig dargestellt. Diese Identitätskonstruktionen sorgen dafür, dass sich unter den Frauen eine „Opfermentalität“ und ein Gefühl der Passivität und Ausweglosigkeit breitmacht. Auf der anderen Seite lernen Frauen und Männer schon als Kinder, dass Konflikte nicht mittels Dialog gelöst werden, sondern durch den Einsatz von Gewalt. Hierbei wird den Frauen eine gehorchende Rolle zugeschrieben. Gerade in Zeiten des Konflikts gewinnen solche Vorstellungswelten an besonderer Bedeutung, da die Rolle des „Kriegers“ und der „Schutzbedürftigen“ in der Gesellschaft stärker betont werden und somit mehr ideologische Begründungen für die Unterdrückung der Frau geschaffen werden. Durch die prekäre Sicherheitslage ist der für sie gesellschaftlich vorgesehene Ort – das Haus bzw. die private Sphäre – doppelt gerechtfertigt. Widerstand gegen sexualisierte Gewalt – sei es nun im häuslichen oder Konfliktkontext – muss demnach bei einer umfassenden gesellschaftlichen und kulturellen Transformationen ansetzen, die von beiden Geschlechtern getragen wird.
Fredy Gómez zufolge sollen sich nicht nur die Männer ihrer Rolle bewusst werden und an sich arbeiten: Auch Frauen reproduzieren etwa in der Kindererziehung oftmals patriarchale Wertvorstellungen, weshalb der Ansatzpunkt für einen Wandel bei beiden Geschlechtern liegt. Eine Transformation der auf Gewalt und Unterdrückung beruhenden Geschlechterbeziehungen stellt gleichzeitig einen wichtigen Baustein dar, um den Weg für einen konstruktiven, gewaltfreien Dialog zur Beendigung des kolumbianischen Konflikts zu bereiten.

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