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Wie aus einer Müllkippe ein ökologischer Garten wird

Eine Mammutaufgabe. Dazu dreckig und unbezahlt. Doch für Mauricio Aguiar war das Maß voll. Das Maß an Gestank, der längst sein Haus neben der inoffiziellen Müllgrube erreicht hatte. Genauso wie die Ratten, die, vom Unrat eines ganzen Stadtviertels angezogen, mittlerweile zum Straßenbild gehörten. 20 Jahre lang hatten die meisten der 20.000 Bewohner_innen des Barrios Venus, unweit der Provinzhauptstadt Pereira im Südwesten Kolumbiens, ihre Abfälle in ein kleines Tal geworfen. Mehrere Tonnen, die Mauricio Aguiar 2008 begann einzusammeln, auf ein Müllauto zu laden und weg zu schaffen. „Um etwas Hässliches in etwas Hübsches zu verwandeln und die Schönheit der Natur des Tales wieder zum Vorschein zu bringen”, wie der vielseitige Künstler seine Motivation beschreibt.
Vier Jahre später überwiegt das Schöne und es sind nur noch Reste des Hässlichen zu sehen. Die Natur – bunte Blumen, sattgrüne Sträucher und schlanke Palmen – kann gleichsam mit den Nachbar_innen wieder aufatmen. Aus der ehemaligen Müllkippe ist sogar ein ökologischer Garten geworden.
Denn Mauricio Aguiar und seine zähen Mitstreiter haben es nicht bei der Reinigung des Terrains belassen, sondern umgehend Mais, Bohnen, Bananen, Melonen sowie andere Früchte und sogar medizinische Pflanzen in kleineren Plantagen angepflanzt. Diese hielten die Bewohner_innen schließlich davon ab, weiter ihren Müll in das Tal zu kippen.
Einige wurden dadurch sogar animiert, mit anzupacken, besonders neugierige Kids, die als erste die Arbeit der „Verrückten” zu schätzen wussten. Genau ihnen und ihren Altersgenoss_innen ist das aus dieser außergewöhnlichen Aktion gewachsene Projekt „Parque Ecológico” gewidmet. „Sie sollen lernen”, so Mauricio, „wie wichtig es ist, die Natur zu schützen.” Und darüber hinaus Beete anzulegen, zu pflegen und zu ernten.
Das ist eine von mehreren Maßnahmen, die die Kinder und Jugendlichen von der Straße holen, was Mitstreiter Duvan Grujales besonders am Herzen liegt. Denn: „Auf der Straße drohen sie durch permanenten Kontakt mit Drogen, Banden, Waffen und Gewalt auf die schiefe Bahn zu geraten.” Der Künstlerkollege, im ähnlich marginalisierten Nachbarviertel Jupiter aufgewachsen, zählt sich selbst aufgrund des Fehlens solcher Entfaltungsmöglichkeiten zur „verlorenen” Generation. „Viele meiner Freunde sind tot oder im Gefängnis”, berichtet der 35-Jährige. Er hat aus dieser traurigen Erfahrung seine Lehren gezogen: „Wir müssen der nachfolgenden Generation Räume schaffen, sich trotz der rauen Umwelt weiter zu entwickeln.”
Fabián Mosquera ist dabei, sie zu nutzen. „Ich will Maler werden”, sagt der 14-Jährige, eins von elf Kindern, das zusammen mit seinen Eltern in einem baufälligen Haus ohne Strom und fließend Wasser im Stadtteil lebt. Erst zählte der aufgeweckte Junge zu den fleißigsten Helfer_innen bei der Müllentsorgung, dann bekam er zusammen mit anderen Jugendlichen in einer bescheidenen Bretterhütte auf dem zurückgewonnenen Gelände Malunterricht. Daraus soll bald ein Kunsthaus werden. „Eine autodidaktische Universität für die Kids”, benennt Mauricio sein ehrgeiziges Ziel.
Per Gründung der Nichtregierungsorganisation „Asociación casa del arte y de la agricultura” (Verein Kunsthaus und Landwirtschaft) hat er das Gesamtprojekt mittlerweile problemlos gegenüber den staatlichen Behörden legalisiert. Indes hat die Gemeinde keine Form von Hilfe angeboten. Dabei werden beispielsweise Materialien für den Zeichenunterricht wie Stifte und Papier oder auch für die Konstruktion des geplanten Kunsthauses dringend gebraucht. „Das Projekt ist eine große Hilfe für die Kinder und Jugendlichen, doch diese Sozialarbeit wird von staatlicher Seite bisher überhaupt nicht anerkannt,” erklärt Alidio Morales, der Präsident des Barrios.
Die Anerkennung der Nachbar_innen ist Aguiar und seinen Projektpartnern dagegen gewiss. „Am Anfang waren wir schon etwas skeptisch, doch nun sind wir froh darüber, was die Verrückten geschaffen haben, denn unser Viertel ist sauberer und sogar sicherer geworden”, sagt Edith Solo, Seit 13 Jahren lebt sie im Viertel und genauso wie die anderen mittlerweile ihren Müll in Plastiktüten vor ihrem Haus ab, wo er jeden Morgen um sieben Uhr von der Müllabfuhr abgeholt wird.
Ganz untätig ist der Staat angesichts der Probleme von Armut (meist hervorgerufen durch Arbeitslosigkeit und karge Löhne), miserabler Wohnverhältnisse und Kriminalität indes nicht. Nahe dem geretteten Tal entsteht aus 40 kleinen Häusern, aufgereiht wie Kasernen in vier Reihen, zwischen denen jeweils eine Mauer gezogen ist, eine Sozialbausiedlung. „Unsere zukünftigen Klient_innen”, sagt Víktor Fabián Espinoso Ramírez, dritter Künstler im Bunde, mit einem Schuss Fatalismus über deren junge Bewohner_innen. Denn die „Streichholzschachteln” von maximal 50 Quadratmetern sind für die häufig mehr als fünfköpfigen Familien viel zu klein. Für den 33-Jährigen eine „unwürdige Behausung”, mit der die Gemeinde allenfalls zeigt, dass sie etwas mit den staatlichen Geldern anfängt. Wobei der größere Teil davon, so Víktors Vermutung, „wohl in der Korruption versickert”.
Seine Quintessenz: „Die Leute müssen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.” So wie es sein Freund Mauricio Aguiar vor vier Jahren vorgemacht hat. Also hofft der Kopf des Projekts, dass dieses bald in anderen Barrios Schule macht.

Infokasten:

Mauricio Aguiar (34), Duván Grujales (35) und Víktor Fabián Espinoso Ramírez (33), die in drei benachbarten, marginalisierten Barrios der Gemeinde Dosquebradas im Verwaltungsbezirk Risalta etwa 300 Kilometer westlich der Landeshauptstadt Bogotá leben, sind Freunde. Und Künstlerkollegen, die fast alles können: Bilder malen, Graffitis und Skulpturen erstellen, wunderschöne Lampenschirme kreieren, Schränke bauen, ja sogar Lieder schreiben und Straßentheater machen. All das haben sie auf der Straße gelernt, sich abgeguckt, sich zeigen lassen. Denn zu studieren war nur Viktor vergönnt. An der SENA (Servicio Nacional de Aprendizaje = Nationaler Ausbildungsdienst), der einzigen Universität des Landes, deren Besuch für die Studierenden gratis ist. Professionell haben sie sich zu einem Künstlerkollektiv zusammengeschlossen, das heißt alle Einnahmen aus den dringend benötigten Aufträgen werden durch drei geteilt, mit denen sie sich und ihre Familien halbwegs über Wasser halten.
Offiziell liegt die Arbeitslosigkeit in Kolumbien bei zehn Prozent, im Barrio Venus dürfte sie viermal so hoch sein. Zudem reicht der Mindestlohn von zirca 300 Euro nicht aus, eine ganze (meist vielköpfige) Familie zu ernähren. Meist prekäre Beschäftigungsmöglichkeiten gibt es in den Textil-, Getränke- und Möbelfabriken von Dosquebradas.

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