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Die sensiblen Konquistadoren

Die beiden Brüder ziehen ihre guten Schuhe aus und tauschen sie gegen einfache Sandalen. Sie verstrubbeln ihre Bärte und Haare, bestreuen sich mit Staub und mustern sich gegenseitig. Ja, nun sehen sie aus wie echte sertanejos, arme Leute aus dem brasilianischen Nordosten. Das Abenteuer kann beginnen.
Zu Beginn des Films Xingu sieht man Leonardo und Cláudio Villas Bôas, wie sie sich beim Militär melden, um als Landarbeiter an einer Expedition teilzunehmen, die das gigantische brasilianische Hinterland erkunden soll. Als Söhne aus wohlhabender Familie, mit guter Ausbildung, wurden sie zunächst nicht genommen: Das Militär suchte sertanejos, von denen man annahm, dass sie besser mit den harten Bedingungen in den nicht erkundeten Savannen des Westens zurechtkommen würden. Die Villas Bôas gaben sich erfolgreich als Analphabeten aus und durften so doch an der Expedition „Roncador-Xingu“ teilnehmen. Schnell holten sie ihren Bruder Orlando dazu. Nachdem sie sich im Busch bewährt hatten, wurden sie zu den Anführern der künftigen Expeditionen.
Die Expedition zu der damals fast unbekannten Bergkette Roncador und den Ufern des Flusses Xingu im Jahr 1943 war der Beginn des vom Präsidenten Getúlio Vargas proklamierten „Marsch in den Westen“, der neues Land für „die Zivilisation“ erschließen sollte. Für die Brüder Villas Bôas war es ein großes Abenteuer. Sie hatten gute Jobs, doch sie wollten, wie die Stimme Cláudios aus dem Off erzählt, „dorthin, wo noch nie jemand vor ihnen war.“ Sie sind begeistert von der nationalistischen Idee, das Hinterland für Brasilien „in Besitz zunehmen“. So sieht man die Brüder zu Beginn des Films, wie sie das vermeintliche Niemandsland Brasiliens erkunden, Wege markieren und Landeflächen für Flugzeuge vorbereiten. Bis sie den „Niemanden“ begegnen, denn das Land gehört sehr wohl jemandem, nämlich verschiedenen indigenen Ethnien, die bis dahin nie Kontakt zur Zivilisation der Weißen hatten. Cao Hamburger erzählt in seinem neuen Film seine Version der realen Geschichte der Brüder Villas Bôas, die zusammen mehrere Jahrzehnte im Cerrado, der brasilianischen Feuchtsavanne, verbrachten und auf friedlichem Wege mit den Indigenen Kontakt aufnahmen. Sehr glaubwürdig berichtet der Film davon, wie sich die Sicht der Brüder auf die Indigenen ändert: Am Anfang überwiegt die Furcht und das Gefühl der Fremde, doch die Haltung der Brüder wandelt sich zu Respekt und schließlich echter Wertschätzung. Über mehrere Jahrzehnte erzählt der Film von ihren Expeditionen und ihren politischen Kämpfen.
Bisweilen scheint die Geschichte etwas zu einfach, insbesondere zu Beginn des Films. Doch sobald man beginnt zu denken, dass der Film doch etwas simpel ist, wird ein neuer Aspekt eingeführt. So wird der Film zunehmend komplexer, was sehr gut gemacht ist. Die Zuschauer_innen werden nicht mit zu vielen Information auf einmal bombardiert, aber man hat auch nicht den Eindruck, dass wichtige Aspekte ausgelassen werden.
Erfreulich ist auch, dass Cao Hamburger versucht, einen „kolonialen Blick“ auf die Geschehnisse zu vermeiden: Die Indigenen nehmen selbstbewusst Kontakt mit den Weißen auf, es handelt sich bei den „Entdeckungsreisen“ der Brüder genau so um die Entdeckung der „Weißen“ durch die Indigenen. Letztlich jedoch waren die Indigenen auf die Hilfe der Villas Bôas angewiesen. Denn der „Marsch in den Westen“ wurde eben nicht vor allem von sensiblen Menschen geführt, die die indigene Zivilisation als der eigenen Kultur gleichberechtigt ansahen. Vielmehr überwogen die Interessen von Farmern, Goldgräbern und Holzfällern, die die Indigenen als „Hindernis für den Fortschritt“ ansahen. Wenn überhaupt, waren die Indigenen für diese Leute billige Arbeitskräfte, die man nach Belieben ausbeuten, ja versklaven konnte. Die Massaker, die Viehzüchter und andere Weiße in dieser Zeit an Indigenen begangen haben und den bis heute existierenden anti-indigenen Rassismus in Brasilien thematisiert der Film auch. Und er erzählt, wie angesichts dieser überwältigenden Entwicklung bei den Brüdern mit den Jahren die Idee reifte, ein Schutzgebiet, etwa in der Größe Belgiens, einzurichten. Wenigstens dort sollten die Indigenen ihre Lebensweise und ihre Kultur bewahren können. Im Jahr 1961, nach zähen Verhandlungen, wurde schließlich das indigene Schutzgebiet Xingu vom Präsidenten proklamiert. Bis heute ist es eines der größten der Erde. Der Film Cao Hamburgers würdigt das 50-jährige Bestehen dieses Parks und damit die historische Leistung der Brüder Villas Bôas.
Wirklich gelungen ist, dass Hamburger auch die Ambivalenz der Villas Bôas zeigt: Auch sie brachten Krankheitserreger zu den Indigenen, an denen diese massenweise starben. Auch wenn die Absichten der Brüder gut waren, waren sie doch die Wegbereiter für eine Entwicklung, die die Lebenswelt der Indigenen zerstörte. Und auch sie zeigten bisweilen eine paternalistische bis autoritäre Haltung gegenüber den Indigenen. Ohne die historische Leistung der Villas Bôas herabzusetzen, werden sie nicht zu moralischen Überhelden inszeniert, die frei von Fehlern und Schwächen sind.
Der Film endet mit der Übersiedlung der Kreen, einer Ethnie, die bis dahin nie kontaktiert wurde, in das Schutzgebiet Xingu in den 1960er Jahren. Die Villas Bôas hatten zuvor den Kontakt vermieden, um sie vor Keimen zu schützen, doch der Bau der Überlandstraße Transamazônica durch das Amazonasgebiet ließ keine Alternative. Routiniert und desillusioniert machten sich die Brüder an die Arbeit, die Kreen zu kontaktieren, ohne den Enthusiasmus ihrer frühen Jahre. Von den etwa 600 kontaktierten Kreen überlebten nur 79 Menschen die Krankheitserreger der Weißen.
Wie schon sein erster Film Cuando os meus pais sairam de fèrias (siehe LN 393), der auf der Berlinale 2007 gezeigt wurde, schließt Xingu mit historischen Originalaufnahmen. In dem Film von 2007 waren es Aufnahmen von den Erfolgen der brasilianischen Mannschaft bei der Fußball-WM 1970, die mit einer tragischen Geschichte über den Sohn von Oppositionellen, die in der Militärdiktatur verschleppt wurden, kontrastiert wurden. In Xingu werden Bilder von den echten Villas Bôas Brüdern gezeigt, aber auch Aufnahmen aus Propagandafilmen, die den „Marsch in den Westen“ als Fortschritt der Zivilisation feierten. Nachdem man Xingu gesehen hat, sieht man in diesen Bildern kein Zeugnis für Fortschritt, sondern Dokumente eines Verbrechens.
Erneut dekonstruiert Cao Hamburger die brasilianische Geschichte und zeigt eine ihrer Schattenseiten: den Genozid an Indigenen im Verlauf des „Marschs in den Westen“. Dass Cao Hamburger dabei mit filmischen Mitteln und durchaus unterhaltsam der Komplexität des Themas gerecht wird, ist eine große Leistung.

Xingu // Cao Hamburger // 102 Minuten // Brasilien 2012 // Sektion Panorama

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