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Die Stadt, die niemals endet

Eine Mutter, die nicht mehr weiß, was sie noch mit ihrem Sohn anfangen soll, schickt den Jungen zu seinem Bruder nach Mexiko-Stadt. So gelangt der Teenager Tomás aus dem Bundesstaat Veracrúz in die Millionenstadt. Anstatt neuer Erfahrungen erwartet ihn zunächst jedoch beklemmende Leere. Tomás‘ Bruder Federico, genannt „Sombra“ (Schatten) wohnt mit seinem Mitbewohner Santos im Süden der Metropole. Aus ihrer Wohnung können die beiden auf die Ciudad Universitaria, den riesigen Campus der Nationalen Autonomen Universität (UNAM) gucken, der seit Monaten besetzt ist. Der Film spielt 1999, während des bis heute legendären Generalstreiks gegen höhere Studiengebühren in Mexikos größter öffentlicher Universität. Und obwohl auch Santos und Sombra von den höheren Gebühren betroffen wären, sitzen sie zu Hause und führen einen „Streik gegen den Streik“. Am liebsten würden sie einfach weiter studieren. So philosophiert Santos über die absurde Bezeichnung „Kontinentales Frühstück“, während Sombra vergeblich versucht, einen Kartentrick zu lernen. Zum Frühstück gibt es Kaffee mit Schuss und eine Zigarette. Im Hintergrund läuft ab und zu das studentische Streikradio mit revolutionärer Poesie. Sonst Stille. Dass die Lethargie nach Monaten der Untätigkeit keine Entspannung mehr ist, wird an den nächtlichen Panikattacken Sombras deutlich.
Die Leere und mangelnde Beschäftigung der beiden Studenten wird durch die Kameraarbeit des Films eindrucksvoll unterstützt. Als Hommage an die filmische Epoche Nouvelle Vague komplett in schwarz-weiß und 4:3-Format gefilmt, fokussiert die Kamera in Nahaufnahmen die zum Lebensinhalt gewordenen Tätigkeiten der beiden: das Anzünden der Zigarette, das Eingießen des Kaffees, das Mischen der Karten. Erst als die „arbeitslosen“ Studenten von ihren Nachbarn beim Anzapfen des Stroms erwischt werden, sind Sombra und Santos zum Handeln gezwungen und fliehen. Mangels besserer Pläne machen sie sich mit Tomás auf, den Sänger Epigmenio Cruz zu finden, der angeblich sterbend im Krankenhaus liegt. Er war das Idol des verstorbenen Vaters von Tomás‘ und Federico, soll einmal sogar Bob Dylan zum Weinen gebracht haben. Wenn sich Tomás die Kopfhörer seines Walkmans aufsetzt, entflieht er mit der alten Kassette der Realität. Für die Zuschauer_innen bedeutet das: Stille. Kein Ton kommt mehr aus den Lautsprechern, das Mysterium der Musik wird nicht gelüftet.
Die Suche der Drei wird zum Roadtrip. Die Schwarz-Weiß-Ästhetik des ersten Spielfilms des mexikanischen Regisseurs Alonso Ruíz Palacios entführt die Zuschauer_innen in harte Lebensrealitäten in den von Armut geprägten Außengebieten Mexiko-Stadts, die studentische Parallelwelt innerhalb der besetzten UNAM und dazwischen immer wieder in Traumlandschaften mitten im Stadtgebiet. Ob im städtischen Zoo oder einem kleinen Gemüsegarten – Mexiko-Stadt erscheint als unendlicher Raum der Möglichkeiten, in dem das Elend von kleinen Paradiesen oft nur durch wenige Straßen getrennt ist. Wieder ist es die unglaublich kreative Kameraarbeit, die den Szenen ihren Reiz verleiht. Dann wird die Kamera wackliger, werden Bildränder unscharf. Immer wieder spielt der Film mit Bild, Ton und Handlungsebenen und webt so ein dichtes Bedeutungsnetz, das die Situation der Protagonisten, die Facetten Mexiko-Stadts sowie bissige Kritik am heutigen Mexiko umfasst. Als die Protagonisten auf eine Party neureicher Filmemacher_innen geraten, sprechen sie wütend darüber, dass mexikanische Cineast_innen alles in schwarz-weiß filmen und es dann Kunst nennen würden. Außerdem werde Film ja nur benutzt, um die Mexikaner_innen vor ausländischer Kritik als faul und idiotisch darzustellen – eine Verschwendung von Steuergeldern. An anderer Stelle ist im Bild eine Filmklappe zu sehen, ein streikender Student beschwert sich über das schlechte Drehbuch des Films und nennt gleichzeitig das zentrale Thema: die Flucht. Alle Personen wollen etwas hinter sich lassen. Sie passen nicht in ihre Umgebungen, scheinen nirgendwo richtig dazuzugehören. Ana, die später zu der Gruppe stößt, um das Chaos in der UNAM hinter sich zu lassen, kämpft mit dem Sexismus ihrer compañeros. Da sie aus reichem Elternhaus stammt, wird sie zudem nicht als Streikende ernst genommen. Auch die Gruppe wird immer wieder mit dem Ausdruck „Güeros“ („Blonde“) bezeichnet, der eigentlich auf Personen aus einer weißen Oberschicht anspielt. Hier wird er zum Zeugnis ihrer Isolation. Erst in den Straßen Mexiko-Stadts lernen sie, sich selbst zu akzeptieren. Das Roadmovie wird für die Beteiligten zum Coming-of-age.
So ist der Film Hommage und Aufforderung zugleich: alle Sinne zu öffnen für das Schöne, Mysteriöse, Hässliche und Poetische einer Stadt, die niemals zu enden scheint. Genau das hat Ruíz Palacios für die Zuschauer_innen mit der Kamera getan. Die Handlung folgt den Protagonist_innen durch die Stadt, die Erlebnisse verweben sich zur Geschichte des Films. Ein bisschen fühlt man sich an Jan-Ole Gersters Oh Boy in Berlin erinnert – auch durch die schwarz-weiße Optik. Dennoch liegt Ruíz‘ Fokus neben den Personen stärker auf den Orten im Tal von Mexiko, der räumlichen Freiheit eines Roadmovies. Dem unterbeschäftigten Sombra rät ein Arzt sich wegen seiner Panikattacken auszuruhen. Sich in der Stadt zu verlieren, sämtliche Routinen hinter sich lassen, scheint das wirklich helfende Mittel für ihn zu sein.
Bedenkt man die extreme Teilung der Gesellschaft in Mexiko-Stadt, bekommt das Kennenlernen ihrer zahlreichen Dimensionen und Bewohner_innen zudem eine politische Dimension. Gated Communities durchsetzen das Stadtgebiet, Slums wachsen die umliegenden Berge hoch, viele Einwohner_innen bewegen sich nur innerhalb der ihnen bekannten Zonen. All diesen bietet der Regisseur mit Güeros einen unterhaltsamen und beeindruckenden Rundgang durch die Stadt, der über seine Bilder, Töne und inhaltlichen Stilmittel ein äußerst dichtes Geflecht an Bedeutungen und Kritik kreiert, das auch zum mehrmaligem Gucken des Films einlädt.

Güeros // Alberto Ruíz Palacios // Mexico 2014 // 106 min // Berlinale Panorama

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