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Die Toten bestimmen über die Lebenden

Nur der Himmel begrenzt die schier endlose, staubig trockene Landschaft. Dornige Büsche und vereinzelt knorrige Bäume umrahmen einen trostlosen Ansitz. Ein paar geduckte Häuser im Hintergrund, davor trotten zwei schwarze Ochsen in der sengenden Hitze stetig um eine Zuckermühle. Die Zacken des Zahnrads greifen knarrend ineinander, quietschend wird das Zuckerrohr zermalmt, dunkel tropft der Saft herab.
Walter Salles hat ein Buch über eine Familienfehde in Albanien als Vorlage genommen und die Handlung in die trostlose Landschaft des Sertão verlegt. Zwei Familien, die ihren Landbesitz und ihre Ehre Auge um Auge verteidigen, stehen im Mittelpunkt. Der Roman „Der zerrissene April“ des albanischen Schriftstellers Ismael Kadaré findet seine Entsprechung in der Situation des brasilianischen Hinterlandes um 1900: Auch hier tobten Fehden zwischen Großgrundbesitzerfamilien um Land. Das Gesetz wurde in die eigene Hand genommen und folgte dem Lebensrhythmus starrer Traditionen.
Wie die Mühle dreht sich auch das Leben der benachbarten Familien irgendwo im namenlosen Hinterland unaufhaltsam im Kreis. So ist der Anfang des Films, durch den uns der Jüngere der beiden Söhne der Familie Breves führt, zugleich sein Schluss. Seine Gedanken begleiten uns als Monologe durch die Geschichte. Wie die Kamera mit ihm in den Himmel schaukelt, so nimmt sie den Zuschauer mit in die Welt des namenlosen Jungen. In seiner Erinnerung sehen wir den Mord an seinem verstorbenen Bruder: Ein Schuss aus dem dichten Busch, die ihn tragenden Schultern des Bruders sacken in sich zusammen, und am Boden liegend sieht der Junge – und der Zuschauer aus seiner Perspektive – den Mörder mit der Waffe in der Hand hervortreten.
Doch die Zahnräder der Mühle greifen unerbittlich ineinander. Ein Hemd voll Blut flattert einsam im Wind. In einer von Öllampen erhellten kargen Stube ziert der tote Bruder als letzter in einer Reihe von Ahnenfotos die Wand. Die Zuckerrohrmühle dreht sich langsam. Der Vater treibt schreiend und schlagend die Ochsen an. Seine zwei Söhne und deren Mutter schwitzen in der Hitze: Zuckerrohr schlagen, zur Mühle tragen, in das knirschende Räderwerk stopfen, danach den Sirup in einem drückend heißem, dunklen Verhau kochen. Nur der jüngere Bruder, der an einem abgestorbenen weißen Baum in der wüstenartigen Landschaft schaukelt, scheint so selbstvergessen der Welt um ihn herum zu entfliehen.
Heute ist der Viehhandel des Nachbarn rentabler. Wie der Wohlstand ist auch der Landbesitz immer mehr der Nachbarsfamilie zugefallen. Vor deren ansehnlicher Villa wartet Tonho, der ältere Bruder, seit dem Morgengrauen. Mit geschulterten Gewehren schieben ein paar Männer auf der Veranda Wache.
Das Hemd flatterte noch immer im Wind, aber das Blut war von der Sonne gelb gebleicht worden. Der Vater hatte Tonho aufgefordert seine Pflicht – wie die Reihe von Vorvätern an der Wand vor ihm – zu erfüllen: Das letzte der herabblickenden Gesichter zu sühnen und seiner Seele Frieden zu bringen. So wird also nach einer dramatischen Hetzjagd der Mörder seines Bruders im staubigen Busch getötet.
Der Blutzoll ist gezahlt, aber nun neigt sich die Waagschale der Rache wieder der anderen Seite zu. „Mutter denkt, sie kann das Blut aus dem Hemd waschen.“ Doch während die eine Mutter das Hemd von der Leine holt und es ausspült, hängt die andere ein dunkelrot getränktes Hemd in die Sonne. „Bis zum nächsten Mond, wenn das Hemd sich gelb verfärbt“ wird Tonho eine Gnadenfrist gewährt.
Walter Salles gewann 1998 mit Central Station einen Golden Globe und bei der Berlinale als bester Film einen goldenen Bären. Wie in diesem setzt er in seinem neuesten Film sowohl auf Profi- wie auf LaienschauspielerInnen. Auch wenn die Handlung in eine historische Epoche gelegt wurde, zeigt sie ein immer wiederkehrendes Drama. Erzählt wird mit Hinter der Sonne (Abril Despedacado) ein märchenhafter Film. Die Erzählweise ist bedächtig, die Bilder sind episch. In symbolischen Filmsequenzen wird das Beispiel der Familie zur zeitlosen Tragödie, werden die Personen und Situationen aus den konkreten Bezügen gelöst. In manchen Szenen läßt Salles einen magischen Realismus anklingen. Und so geht es in zahlreichen Bildern um das Fliegen, um eine Freiheit oberhalb der drückenden Wirklichkeit. Die Kameraführung besticht dabei durch Weite einerseits und Nahaufnahmen, beziehungsweise Perspektiven aus Sicht der Akteure andererseits. Vor allem aber zeigt sie schöne Bilder und nimmt den Zuschauer mit in die hitzige, widersprüchliche und archaische Welt hinter der Sonne.
Für den Vater gibt es in dieser verschwindenden Welt nur noch die Ehre. Nichts ist ihm sonst noch geblieben inmitten dieser harten kargen Landschaft. Kaum Land, tote oder todgeweihte Söhne – gerade zum Sterben genug. „In diesem Haus bestimmen die Toten über die Lebenden“, bemerkt die Mutter mit einem Blick auf die aufgereihten Ahnen. „Ist es das alles wert – sich hin schlachten zu lassen wie die Tiere?“ – „Was bleibt uns außer der Ehre, schau dich um, wir haben nichts mehr …“, entgegnet ihr Mann. Während dessen wird dem blinden Oberhaupt der Nachbarsippe berichtet, dass das Hemd langsam gelb würde. „So ist es immer“, nickt er bedächtig. Und die Mühle dreht sich unter der sengenden Sonne.
„Sie laufen von alleine im Kreis!“, ruft Paco, als er die abgespannten Ochsen auch ohne ihr Joch weiterlaufen sieht. Mit dem Zuschauer ist der erzählende Junge scheinbar der Einzige, der die Mühle aufhalten will, während alle anderen offensichtlich gleichmütig ihr unausweichliches Schicksal akzeptieren. Nur er setzt der Wirklichkeit, indem er seine eigene Geschichte erfindet, eine Möglichkeit dieser zu entfliehen entgegen.

Hinter der Sonne (Abril Despedacado); Regie: Walter Salles; Brasilien/ Schweiz/ Frankreich 2001; Farbe; 105 min. Der Film startet bundesweit am 11. April 2002.

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