Nummer 239 - Mai 1994 | Rezensionen

Die Unfähigkeit wahrzunehmen

Todesschwadrone und Gesellschaft in Brasilien

Mord ist in Brasilien an der Tagesordnung. Wenn es darum geht, unliebsame Störenfriede verschwinden zu lassen, hat auch die Militärpolizei ihre Finger im Spiel und das schon seit über zwanzig Jahren. Viele BrasilianerInnen haben sich an diese traurige Realität gewöhnt. Während in den 70er Jahren enga­gierte JournalistInnen und WissenschaftlerInnen die Praktiken der Todes­schwadonen in Dokumentationen und Analysen anklagten, wird die Realität heute publikumsgerecht aufbereitet: Ein Kriminalroman über die mordende Polizei wurde zum Bestseller.

H.D

Ein italienischer Anthropologe reist zu Studienzwecken ins Amazonasgebiet. Zunächst landet er in Sao Paulo, um an der dortigen Universität an einer Tagung teilzunehmen. Während der Tagung wird der Vize-Rektor der philosophischen Fa­kultät (Prof. Rui Coelho) verhaftet und eine junge Soziologin der Universität (Yara Yavelberg) von der Polizei ver­schleppt und ermordet. Verantwortlich: Die polizeilich-militärische Organisation OBAN mit Sitz in der Rua Tutóia in Sao Paulo.
Der Italiener bricht sein Amazonas-Vor­haben ab. Er bleibt in Sao Paulo und be­ginnt, über Repressionen und Todes­schwadrone zu recherchieren. So gesche­hen 1971.
Das 350 Seiten starke Buch des Anthro­pologen Ettore Biocca über den Staatster­rorismus in Brasilien erschien 1974 unter dem Titel “Strategia del Terrore” bei dem angesehenen italienischen Verlag De Do­nato und beeindruckt noch heute durch die detaillierten Beschreibungen der Entste­hungsgeschichte von Todesschwadronen in Brasilien. Biocca verknüpft die Ge­schichte der staatlichen und halbstaatli­chen Repression mit einer Analyse des Systems der sozialen Ungerechtigkeit in Brasilien. Am 5.9.1972 berichtet amnesty international zum ersten Mal ausführlich über den systematischen Einsatz von Folter und Todesschwadronen in Brasi­lien. Das zweite Russel-Tribunal fand sich im Frühjahr 1974 in Rom zusammen, um die internationale Aufmerksamkeit auf den Staatsterrorismus in Lateinamerika zu lenken; auch über Brasilien wurde aus­führlich und dramatisch berichtet.
Die Anfang der 70er Jahre in Sao Paulo aufgebauten polizeilichen Killerkomman­dos bestehen noch heute. Zum Teil sind es dieselben Chefs, dieselben Namen, diesel­ben Waffen, die die staatliche Mordma­schine betreiben. Der einzige Unterschied: Ihre Anzahl hat sich ungefähr vervierfacht (von 250 auf über 1000 Mann), und ihre nach militärpolizeilicher Statistik jährlich begangenen Morde haben sich ebenfalls ungefähr vervierfacht. (1992 haben sie in der Stadt Sao Paulo 1470 Personen erschossen.)
Ein zweiter, allerdings gesellschaftspoliti­scher Unterschied springt ins Auge: Heut­zutage bricht kein Professor deswegen seine Forschungsreise ab. Kein internatio­nales Tribunal klagt an. Keine wissen­schaftlichen Bücher werden darüber ge­schrieben. Keine Schriften mit politisie­render Absicht dazu abgefaßt. Keine großen Kampagnen entfesselt.

Mörder machen Medien

Alle wissen, daß es in Brasilien Morde an Straßenkindern gibt und daß der brasilianischen Militärpolizei der Colt locker sitzt. Weltweit wird über Massaker berichtet – als Skandal. Es gibt sogar bra­silianische Radiosender und Tageszeitun­gen, die ausschließlich über Mord und Totschlag – auch von Todesschwadronen – berichten. Sie sind in der Hand der Hin­termänner der Todesschwadrone, die Re­pression organisiert die Information ge­wissermaßen selbst.
Aber über die Kontinuität des Apparats berichtet niemand. Liegt das daran, daß die Stadtguerilla, gegen die damals die Killerkommandos aufgebaut wurden, nicht mehr existiert? Daß die politische Opposition von heute nicht mehr von den Spezialeinheiten attackiert wird? Entsteht eine gesellschaftliche Unfähigkeit wahr­zunehmen, was an den Rändern der offi­ziellen Gesellschaft geschieht? Wächst die Welt der Ausgeschlossenen, der Armen, der Billiglohnverdienenden, der Woh­nungslosen – wird dieses soziale Univer­sum zu einer neuen terra incognita?

Altes Thema – Neue Verpackung

Gegen diese Annahme spricht, daß der in­vestigative Journalismus Brasiliens zu diesem Thema jüngst einen Bestseller landen konnte: Claudio (“Caco”) Barcel­los, ein Reporter des Medientrusts “Globo”, schrieb einen Kriminalroman unter dem Titel “ROTA 66. A história da polícia que mata”.(*) Der Titel spricht für sich: In Brasilien weiß jeder, daß die Ab­kürzung ROTA 66 für eine berüchtigte Killereinheit der Militärpolizei in Sao Paulo steht. Ihre Entstehungsgeschichte seit 1970, ihre Praktiken, statistische In­formationen über ihre Einsätze und Morde, ihre politischen Hintermänner, ihre Deckung und Einbindung in den ge­samten polizeilichen und militärischen Apparat finden sich – nicht in einer politi­schen Analyse, nicht in einer juristischen Anklageschrift, nicht in einer soziologi­schen Abhandlung über Repression und Armut – sondern in einem Kriminalroman. Dem Bestseller-Erfolg schloß sich keine Menschenrechtskampagne und keine staatsanwaltliche Ermittlung an. Für die sofortige Abschaffung dieser Spezialein­heit hat bisher keine Demonstration statt­gefunden.
Ein Kriminalroman: Zum einen bietet dem Autor dieses Genre Möglichkeiten, auch persönliche Geschichte aufzuarbeiten. Als Jugendlicher lebte Caco Barcellos Anfang der 70er Jahre in der Kultur der Gegen­bewegungen, die gerne nächtliche Auto­rennen in der Stadt veranstalteten, häufig kifften, die Rolling Stones hörten. ROTA 66 brachte den Tod auch in diese Gruppen mittelständischer Herkunft: So zieht sich das Band der Reportage von diesen frühen Erfahrungen bis zu dem Versuch einer journalistisch gefärbten Bestandsauf­nahme dessen, was aus dieser Killerein­heit heute geworden ist. Am gelungensten sind sicherlich die “politischen” Passagen: Dort verläßt Caco Barcellos die Krimi-Handlungsstränge und berichtet, resü­miert, klagt an. So festigt sich der Ein­druck, daß hier etwas erzählt wird, für das es im Grunde kein literarisches Genre mehr gibt. Ein Hintergrundaufsatz zum Thema würde keine Beachtung finden, eine große Aufmachung, eine Enthüllung wäre morgen vergessen. Also wird ver­packt in die Form des Krimis.
Und damit ist die andere Seite angedeutet: Ein Kriminalroman ist Lektüre aus einer anderen Welt, ähnlich wie Science Fic­tion. Ein Krimi entspricht der Schnelle­bigkeit unserer Zeit. Der Zugewinn an Er­kenntnis wird gesellschaftlich nicht umge­setzt. Der Bestseller, die kritisch-krimina­listische Aufarbeitung, gehört gleicherma­ßen zum Bestehenden wie “die Polizei, die tötet”.
Jeder weiß von den Todesschwadronen. Man weiß, welche Autos sie fahren. Man kennt die Namen der Veranwortlichen. Die Einsatzzentrale ist bekannt. Aber über die sozialpolitischen Gründe ihrer Konti­nuität, über die systemhaften Ziele ihrer Einsätze, über ihre gesellschaftliche Funktion wird nicht gesprochen, nicht ge­schrieben, dagegen wird nicht gehandelt.
Der Krimi von Claudio “Caco” Barcellos ist zu empfehlen. Dem Autor gebührt Re­spekt und Schutz – er hat Todesdrohungen erhalten. Der Zugewinn an kritischer Er­kenntnis ist beispielhaft.
Doch die Existenz dieses Buchs weist dar­auf hin, daß die herrschende Gesellschaft Grenzen im eigenen Lande aufzieht: Be­richtet wird über die andere Welt der Ausgeschlossenen, der bis aufs Blut Aus­gebeuteten, der Verhungernden, der von Killerkommandos Bedrohten nur noch in den Formen des schnellen Vergessens: Skandalblätter, Krimis und Massakermel­dungen werden zur Abschottung dieser neuen terra incognita beitragen.
Caco Barcellos berichtet, daß er sich oft als Reporter in lebensbedrohlichen Situa­tionen befunden hat: Er eilt zum Ort des Verbrechens in die Favelas und wird von einer aufgebrachten Menge empfangen. Er schreibt, die Favelabewohner würden die Reporter regelmäßig mit den Polizisten “verwechseln”, die dort als Killerkom­mandos gewütet haben, und es würde un­endliche Mühe kosten, sie zu überzeugen, auf welcher Seite die Reporter in Wirk­lichkeit stehen. Vielleicht ahnt Caco Bar­cellos aber auch, daß die Herumstehenden in der Regel richtig erkannt haben, aber in der Situation ohnmächtig sind, weil sie keine Stimme in der Medienwelt haben. Im Grunde arbeitet sich Barcellos an die­sem Widerspruch ab, und gerade das macht das Buch von ihm so lesenswert.

(*) Wörtlich: Sondereinsatzkommando (Rondas Ostensivas Tobias Aguiar) Nummer 66. Die Geschichte der Polizei, die tötet”. Sao Paulo 1992. Der deutsche Titel “Mord in Sao Paulo. Den Todesschwadronen auf der Spur”, Göttingen (Lamuv) 1994 erfaßt leider nicht die Brisanz des Originalstitels. An manchen Textstellen des Kriminalromans wäre eine freiere Übersetzung angebracht. Die assoziative Einbettung in das Großstadtleben Sao Paulos ist für das hiesige Lesepublikum ohne Erläuterungen teilweise schwer nachzuvollziehen.

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