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Die Welt des „King of Bongo“!

Me llaman el desaparecido“ singt Chao gleich zu Anfang seines vor einigen Wochen erschienenen Albums „Clandestino“ (Virgin). Und recht hat er. So kehrte der quirlige kleine Hansdampf nach der Auflösung von Mano Negra der französischen Musikszene den Rücken, ging nach Spanien und zog es nunmehr vor, mit lateinamerikanischen Bands wie Skank (Brasilien), Todos tus muertos (Argentinien) oder Tijuanano (Mexiko) zu arbeiten. Doch das reichte ihm nicht aus. Chao, ein innovatives Energiebündel mit einem eigenwilligen Hang zu unkonventionellen musikalischen Synthesen und ausgefallenen Produktionen, wollte sich nicht allein mit musikalischen Aktivitäten zufrieden geben. In seiner neuen Heimat Galizien ist er mit der künstlerischen Betreuung und Organisation des „Festival de las Mentiras“, einer 2000-Jahr-Feier der spanischen Region, zu der Künstler aus aller Welt erwartet werden, beauftragt worden. Zur gleichen Zeit arbeitete er an einem Zirkusprojekt („Circo da Madrugada“) mit brasilianischen Straßenkindern, welches ihn ein Jahr durch Lateinamerika führte.
Doch jetzt ist er wieder da. Mit einem Album, wie es typischer für ihn nicht sein könnte. Die Kompositionen klingen noch immer nach Mano Negra, doch sind sie spartanischer und minimalistischer instrumentiert. Ein paar Gitarren, ein dumpfer Baß, Perkussion und eine Wersi-Orgel, die hierzulande nur noch in Volkshochschulkursen eingesetzt wird, machen „Clandestino“ zu einem kleinen Juwel in der Welt der bombastischen 36-Spur Aufnahmen. Das vermittelt den 16 zum Großteil in spanischer, aber auch französischer und brasilianischer Sprache aufgenommenen Titeln eine warme und intime Stimmung, welche sich durch das gesamte Album zieht.

Ein musikalischer Reisebericht

Der Versuch, Manu Chao einer musikalischen Schublade zuzuordnen, wäre gerade in Bezug auf sein aktuelles Werk fatal. Das Album stellt vielmehr einen Reisebericht durch die verschiedensten Genres moderner populärer Musikrichtungen dar, so daß neben diversen lateinamerikanischen Stilen vor allem Jazz-, Rock- und Reggaeelemente in seine Musik einfließen. Dabei verschmelzen die einzelnen Stücke zu einer internationalen und multikulturellen Klangcollage, so daß das Album nicht so sehr durch einzelne Titel hervorsticht, sondern eher in seiner Gesamtheit an Wirkung gewinnt.
Unweigerlich fällt einem beim Hören das häufige Wiederholen gewisser Wortspiele oder ganzer Textpassagen auf. Hinzu kommen die im Vergleich zu den Arbeiten mit Mano Negra relativ monoton wirkenden Arrangements der Stücke. Lediglich die Kombination einzelner Instrumente sorgt für gelegentliche Abwechslung, wobei sich diese jedoch nur auf minimale Nuancen beschränken. Die einzigen Variationen stellen also die unterschiedlichen Gesänge dar, welche aber nur vom einem Sänger, Chao nämlich, stammen. So entsteht eine Voraussehbarkeit der verwendeten Stilmittel, die bei häufigerem Hören schnell in eine Langeweile führen kann: Man hat gelegentlich das Gefühl, ein Lied „schon einmal“ gehört zu haben.
Trotzdem ist „Clandestino“ ein Album von besonderem Wert und Reiz. Es ist ein sehr persönliches Album, das den bizarren und oft unterschätzten kreativen Vordenker von Mano Negra in einem vollkommen neuen Licht zeigt. Wer Mano Negra mochte, wird auch „Clandestino“ lieben.

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