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Die Welt umdrehen

Eines war von Anfang an klar: An diesem Abend sollte es schwierig werden, nicht in Latino-Klischees zu verfallen. Auf der Bühne ein tätowierter, muskulöser Rapper aus Puerto Rico mit Glatze, dahinter eine braunäugige Schönheit als Backgroundsängerin und kubanische Blechbläser. Drei Stunden Vollgas auf der Bühne und das Publikum eine ausgelassene Menge junger Menschen mit guten Sprunggelenken.
Calle 13 in Berlin. Das ist – und diese Floskel ist hier durchaus angebracht – viel mehr als ein Musikkonzert. Dieser Gedanke bahnt sich an, als 3.500 Menschen in der ausverkauften Columbiahalle stolz den „Baile de los Pobres“ („Tanz der Armen“) tanzen und dabei rufen, dass sie für gute Laune kein Geld brauchen und ein paar Kupfermünzen völlig ausreichend seien. Kein Zweifel an der Bedeutung der Musik bleibt, als „Latinoamérica“ gespielt und lauthals in allen anwesenden Spanischdialekten mitgesungen wird – da klingt das Lied wie die moderne Hymne eines geeinten Kontinents.
Vielleicht ist dies einer der Momente, in denen die beiden Bandgründer, René Pérez und sein Halbbruder Eduardo Cabra, gespiegelt bekommen, wie erfolgreich der Wandel ihrer Gruppe war. Begonnen hatte alles in einer 13. Straße in San Juan, Puerto Rico. In jungen Jahren besuchte Eduardo regelmäßig René zum Musik machen. So entstanden die Künstlernamen Visitante (Besucher) und Residente (Anwohner). Im Mutterland des Reggaeton entstanden war Calle 13 zunächst eine Band, die sich als reggaetoneros einen Namen machte. Cumbia- und Reggaetonbeats mit frechem Rap über dicke Autos und Frauen mit Miniröcken verhalfen der jungen Gruppe weit über die Grenzen Puerto Ricos hinaus zu Berühmtheit. Bereits ihr erstes Album im Jahr 2005 mit dem Hit „Atrévete-te-te“ war ein Erfolg.
Doch in dieser Welt fühlten sich der Lyriker René und das Instrumentalmultitalent Eduardo nicht lange wohl. Calle 13 wuchs um einige Musiker*innen, darunter die Sängerin Ileana, Schwester von René. Die Band veränderte sich: Die Texte wendeten sich spätestens mit dem vierten Album „Entren los que quieran“ politischen Themen zu und die Musik mixte Merengue, Cumbia, Rock, Salsa, Rap und Folklore erfrischend einzigartig. Im Lied „La Vuelta al Mundo“ dreht René einmal seine Welt um und macht alles anders, das sollte ab jetzt das Motto der Band werden. Das Album „Entren los que quieran“ schlug ebenso ein, wie seine drei Vorgänger, Calle 13 sammelte weiter Grammys und fand seine Identität als Sprachrohr eines neuen unabhängigen Lateinamerikas.
Mit den Texten veränderte sich auch die Zuhörerschaft. Die Songs strahlten weit über die Tanzflächen des Kontinents hinaus und junge, politische Menschen fanden sich in den Liedern wieder und wurden von den Musiker*innen gehört. Zunehmend positionierte sich die Band, die Konzerte wurden zur Artikulationsfläche für soziale Bewegungen auf dem ganzen Kontinent. Bei Preisverleihungen und Galas lenkten die Künstler*innen die öffentliche Aufmerksamkeit auf soziale Themen oder zeigten ihre Sympathie für den verstorbenen venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez. Es folgten eine Reihe von Konzerten, mit deren Erlöse Kampagnen zur Armutsbekämpfung finanziert oder – wie beispielsweise in El Salvador – auch direkt Lebensmittelvorräte für die Bevölkerung gekauft wurden, die in der Zeit vor dem Konzert unter nicht endenden Regenströmen zu leiden hatte. Das war 2011.
Der Ruhm der Band reichte aus, um sich vier Jahre Zeit zu lassen, um das nächste Album zu veröffentlichen. Dann kam „Multiviral“ – ein nachdenkliches Album, auf dem der WikiLeaks-Aktivist Julian Assange zu hören ist und der kubanische Liedermacher Silvio Rodriguez bei „Ojos Color Sol“ mitträllert.
Die Tournee zum Album führte Calle 13 auch in die Columbiahalle nach Berlin-Tempelhof. „Ob es denn hier jemanden gibt, der Spanisch spricht?“, fragt René. Es gibt keine*n, der zur Antwort nicht „Sí“ schreit. Dann beginnt er zu rappen, dass er kein Rapper mehr sein will. Zumindest keiner jener, die mit Kappe und Sonnenbrille von dicken Autos schwafeln und Straßengangs so etwas wie eine Legitimation verschaffen. Sein Gesicht wird ernster und schon seine Körpersprache verrät, dass es ihm um mehr geht, als gute Unterhaltung. Heute Abend ist er sich sicher, dass er verstanden wird. Im Publikum antworten einige Chilen*innen mit Transparenten, die die Studierendenproteste unterstützen.
Dann lässt sich die verschmolzene Menge aus Musiker*innen und Publikum vom Rhythmus in den bunten Lichtern treiben: „Vamo´ a Portarnos Mal“, „Cumbia de Los Aburridos“, „Fiesta de Locos“, „Un Beso de Desayuno“, „El Aguante“. „Muerte en Hawaii“. Mittlerweile hat Calle 13 genug Hits gesammelt, um damit einen ganzen Abend zu füllen und sich dabei sicher sein zu können, dass das Publikum textsicher einspringt, falls der Sänger einmal müde werden sollte.
Als der Abend später wird, die Luft im Innenraum vor Hitze zu zerreißen droht und die tosenden Fans die dritte Zugabe erklatschen, ist es Zeit für den Klassiker„Atrévete-te-te“. Jubelschreie, Jungs und Mädels schwingen die Hüften, es geht um schöne Frauen und starke Männer.
Dass das nun irgendwie trotzdem passt und ebenso gefeiert wird, ist vielleicht das wahre Geheimnis von Calle 13.

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