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Die Würde der MigrantInnen

Vier kleine Mädchen stehen mit dem Rücken zum Betrachter am Rande eines Sandweges, einander die Arme um die Schultern gelegt. Neben ihnen steht ihre Mutter mit drei weiteren Geschwistern. Auch sie schaut wie die anderen die Straße hinunter, an deren Horizont man als kleinen Punkt den Mann und Familienvater erkennen kann. Das Foto Salgados, aufgenommen im mexikanischen Bundesstaat Chiapas, zeigt eine alltägliche Situation: Gehen die Männer frühmorgens auf die Felder, fürchten Frauen und Kinder, dass sie nie wiederkehren. Ermordungen von Bauern gehören in Chiapas zum Alltag.
Auf allen Kontinenten werden täglich zigtausende Menschen gegen ihren Willen aus ihrer Heimat vertrieben. Andere machen sich voller Hoffnung auf den Weg in eine Stadt oder in ein anderes Land.
Sebastião Salgado widmete sich mit seinem neuesten Projekt den Menschen, die auf der Flucht sind oder auf der Suche nach einem besseren Leben ihre Heimat verlassen, die vom Land in die Großstädte drängen oder noch weiter bis in die Vereinigten Staaten beziehungsweise nach Europa. Das Ergebnis seiner Arbeit veröffentlichte Salgado in den zwei Fotobänden Migranten und Kinder der Migration und setzte seine Idee um, das Projekt als Ausstellung zeitgleich auf allen Kontinenten zu zeigen. Damit hoffte er, eine weltweite Diskussion über die Situation der Vertriebenen und Flüchtlinge, der Opfer von Krieg, Armut und Naturkatastrophen zu entfachen.

Kinder zwischen Beton

300 Fotos, verteilt auf fünf Themenbereiche, sind ab Oktober im Kronprinzenpalais ausgestellt: „Migranten und Flüchtlinge. Der Überlebensinstinkt“, „Die Afrikanische Tragödie – Kontinent der Entwurzelten“, „Lateinamerika: Landflucht und Chaos in den Städten“, „Asien: das neue urbane Gesicht der Welt“ und „Kinder von heute, Männer und Frauen des neuen Jahrhunderts“.
Im Ausstellungsteil zu Lateinamerika hat Salgado folgende Themen versammelt: die AmazonasindianerInnen, die Landflucht in Ecuador, die Vertriebenen der zapatistischen Gemeinden im mexikanischen Bundesstaat Chiapas, der Exodus in die Metropolen und die brasilianische Bewegung der Landlosen.
Ein Foto von Sebastião Salgado, aufgenommen in São Paulo, zeigt vor der Kulisse hochaufragender Betonneubauten spielende kleine Kinder auf dem teerigen Flachdach eines Zentrums der Jugendwohlfahrtsstiftung. Sie wurden verlassen in den Straßen der Stadt gefunden oder von den Eltern, die sie nicht mehr ernähren konnten, im Zentrum abgegeben. Diese dreißig auf dem kalten Beton umherkrabbelnden Kinder spiegeln auf erschütternde Weise eine der Folgen des Überlebenskampfes in den Großstädten wieder.
Die Armut in den ländlichen Gebieten führt weltweit zu einer Zuwanderung in die Städte. Auf Fotos aus Ecuador zeigt Salgado die Dörfer im Hochland, in denen nur noch Frauen und Kinder leben, weil die Männer ausgewandert sind. Diese und eine unzählige Masse anderer MigrantInnen überschwemmen die Städte, die mit dem Ansturm hoffnungslos überfordert sind. Viele Städte auf der ganzen Welt sind davon gleichermaßen betroffen: Mexiko-Stadt ist mit 20 Millionen Einwohnern die weltweit größte
Metropole, dicht gefolgt von São Paulo mit mittlerweile 18 Millionen.
Aber auch Salgados Fotos aus Asien zeigen das unkontrollierte urbane Wachstum. Das Bild dieser Großstädte ist, wie Salgados Fotografien eindrücklich dokumentieren, auf der ganzen Welt fast ununterscheidbar: riesige Elendsviertel an den Stadträndern, Scharen von BettlerInnen und Straßenkinder, die Klebstoff schnüffeln.

Zeit des Wartens

Viele Menschen wurden durch Kriege aus ihrer Heimat vertrieben und leben in Flüchtlingslagern, in behelfsmäßigen Hütten aus Plastikplanen oder in alten Güterwagons, wo sie darauf warten, irgendwann in ihre Dörfer zurückkehren zu können.
In dieser Situation des Wartens hat Salgado Menschen auf allen Kontinenten angetroffen und porträtiert, in Chiapas genauso wie in den palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon oder
Syrien, oder im ehemaligen Jugoslawien.
In Mosambik können nun nach dem Ende des Bürgerkrieges hunderttausende Flüchtlinge aus den Lagern in ihre Heimat zurückkehren. Auf einem Foto, aufgenommen 1994 in Mosambik, sieht man zerschlissene Taschen, Säcke und Strohmatten verstreut auf einem sandigen Platz, dazwischen, auf dem Boden, wartende Menschen. Unter ihnen, als Einzige auf einem Stuhl sitzend, befindet sich eine junge Frau. Sehr gerade, die Hände nebeneinander in den Schoß gelegt, sitzt sie da und schaut ernst in die Kamera. Ruhe und Festigkeit liegen in ihrem Blick. Für das Wiedersehen mit ihren Verwandten hat sie ihr schönstes Kleid angezogen. Man ist beeindruckt von ihrem Stolz inmitten von Staub und Lumpen.
Salgados Fotografien zeigen immer auch die Würde der Dargestellten. Sie enthüllen nicht, um zu verletzen.
Salgado spielt nicht mit ersten Eindrücken, er lernt erst die Leute und die Orte kennen und verbringt Monate damit, die Lebensformen, das Verhalten der Menschen zu studieren, bevor er sie fotografiert. Seine Fotos unterscheiden sich von der makabren, obszönen Zurschaustellung von Katastrophen vieler PressefotografInnen, die in eiligen Besuchen zu den Schauplätzen von Verzweiflung und Gewalt aus einem Helikopter steigen und den Auslöser betätigen. Im Gepäck ein paar Aufnahmen mit blutigen Motiven, kehren sie von ihrem Tagesgeschäft zurück, ohne sich auf die Menschen eingelassen zu haben.

Facetten der Migration

Salgado hingegen verweilte fünfzehn Monate in der Sahel-Wüste für eine Reportage über die dortige Hungersnot, sieben Jahre lang reiste er durch Lateinamerika für ein paar Aufnahmen. Auch für das MigrantInnen-Projekt hat er sich sechseinhalb Jahre Zeit genommen, bevor er eine Auswahl präsentierte. 47 Länder hat er bereist, um ein größtmögliches Spektrum der Formen von Migration zu beobachten.
Einerseits vermittelt Salgado zwar durch die Vielzahl der Länder das globale Ausmaß der Migration, andererseits tritt die Verschiedenartigkeit der einzelnen Konflikte zurück und die heterogenen Ursachen werden nicht deutlich gemacht. Er hält in seinen Fotos nicht die Gründe der Flucht, die Gewalt und die Vertreibung, die Täter fest, sondern konzentriert sich darauf, die Auswirkungen, die Spuren des Leidens in den Gesichtern der Menschen einzufangen. Das setzt ihn der Kritik aus, dass das Leid losgelöst von den Strukturen, die es verursachen, dargestellt wird. Einige KritikerInnen werfen ihm deswegen zum einen die Ästhetisierung des Elends, zum anderen eine unkritische Sicht auf die Welt vor, in der Unglück, Krieg und Armut als schicksalhaft wahrgenommen werden.
Seine Fotos, in strengem Schwarz-Weiß gehalten, zeigen das Grauen, das Elend in bizarrer Schönheit. Gerade dieser Widerspruch macht sie so bewegend, so intensiv, aber eben auch so umstritten.

Die Bildbände zur Ausstellung – Migranten und Kinder der Migration – erschienen bei Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2000, kosten 99,- bzw. 35,- DM.

KASTEN:
Sebastião Salgado

Geboren 1944 in Aimores, im Staat Minas Gerais in Brasilien, studierte Sebastião Salgado Wirtschaft in São Paulo und Paris und arbeitete von 1968 bis 1973 als Ökonom in Brasilien und England. Anfang der 70er Jahre, während eines Afrika-Aufenthaltes als Vertreter der International Coffee Organization, begann er, sich ernsthaft der Fotografie zuzuwenden.
Der Mensch und seine selbst unter den schwierigsten Lebensbedingungen bewahrte Würde stehen im Mittelpunkt seiner Fotografien. Mit seiner erschütternden Reportage der Hungersnot im Sahel, die er 1984/85 in der Wüste aufnahm, während er 15 Monate lang die Arbeit der „Ärzte ohne Grenzen“ begleitete, erlangte Salgado internationale Anerkennung. Es folgte das Projekt „Workers“ (1986-92), eine Dokumentation über den Überlebenskampf der arbeitenden Menschen auf der ganzen Welt, aufgenommen in 26 verschiedenen Ländern.
Von 1980 bis 1996 arbeitete er in Brasilien an einem Projekt über die LandarbeiterInnen und ihren Kampf um die Zurückgewinnung des Bodens, dessen ungerechte Verteilung die Ursache ihres Daseins in Abhängigkeit und Ausbeutung darstellt.
Ab 1993 richtete er seinen Blick auf die Massenwanderungen von Menschen, worauf in den folgenden sechs Jahren eine Fotodokumentation über die MigrantInnen entstand, die nun in Auszügen in der Berliner Ausstellung im Kronprinzenpalais zu sehen sein wird.
1984 wurde Salgado als erster Lateinamerikaner Mitglied der renommierten Fotoagentur Magnum. Salgado gilt als einer der bedeutendsten Dokumentarfotografen der Gegenwart. Sein Werk widmet sich dem Leben der Unterprivilegierten, ein Werk, das zehn Bücher und viele Ausstellungen füllte und für das er mit mehr als 50 internationalen Preisen ausgezeichnet wurde.

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