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“É mais gostoso com humor“

Das ist doch wirklich ihre eigene Schuld, wenn sie ihn so provoziert.“ „So etwas kann ein Mann sich nicht gefallen lassen, das muss ihr doch klar gewesen sein.“ Die Nachbarn sind sich einig: Eine verheiratete Frau, die ohne ihren Mann ausgeht, die sich eine Arbeit außer Haus sucht oder „provozierende“ Kleidung trägt, hat es verdient, wenn ihr Mann sie verprügelt. Man muss schon verstehen, wenn er da eifersüchtig wird. Und schließlich zeigt er ihr damit nur seine Liebe – oder? Eine alltägliche Szene im Leben von Frauen (nicht nur) in Brasilien. Ein Problem, das öffentlich selten zur Sprache kommt.
Die Einrichtung spezieller Frauenkommissariate zeigt seit 1985, dass Gewalt gegen Frauen eher die Regel als die Ausnahme ist. Im Jahr 2000 beispielsweise wurden allein in São Paulo 310.058 Anzeigen von Frauen aufgenommen, die Gewalt erlitten hatten. Betroffen sind Frauen jedes Alters und aller sozialen Schichten.
Weil Gewalt gegen Frauen zum großen Teil in den vier Wänden des eigenen Zuhauses geschieht und die Täter in den meisten Fällen Partner, Söhne, Schwiegereltern oder andere ihnen nahe stehende Personen sind, wird sie im Allgemeinen als privates Problem gesehen. Die große gesellschaftliche Akzeptanz dieser Gewalt führt dazu, dass auch Frauen sie oft als normal und natürlich annehmen und sich selbst die Schuld daran geben. Aus Scham und Schuldgefühlen schweigen dann auch sie.

Loucas auf der Straße

Um die Mischung aus Schweigen und heimlicher Zustimmung zu durchbrechen, braucht es besondere Mittel. Die „Loucas de Pedra Lilás“ (Lila Verrückte), eine Frauentheatergruppe im brasilianischen Recife, bringen mit ihren kurzen Theaterstücken die Gewalt gegen Frauen ans Licht der Öffentlichkeit und diskutieren mit neugierigen PassantInnen. Ihr Erfolgsrezept? Die Fähigkeit, harte Realität spielerisch zu vermitteln und Lösungsansätze aufzeigen zu können, ohne schulmeisterlich daherzukommen. Wenn Gigi mit ihrem Wollschnurrbart, mit stolzgeschwellter Brust und breitbeinig, als könne sie vor Kraft nicht laufen, den Macker in der Bar mimt, dann müssen alle herzlich lachen. Aber diese Witzfigur, die mit der Pistole herumfuchtelt und den ebenso betrunkenen Kumpel wegen eines lächerlichen Streits über den Haufen schießt, karikiert treffend die Gewalt, wie sie sich jedes Wochenende in unzähligen Häusern und Vierteln zuträgt. Eine enorm hohe Gewaltrate ist zurückzuführen auf den Alkoholkonsum gepaart mit einer Frauen verachtenden Haltung. In den nachgespielten Versionen, die dieses Problem thematisieren, bleibt auch so mancher Zuschauerin und manchem Zuschauer das Lachen im Halse.

Der rote Faden: Gewalt

1989 haben die Loucas begonnen, die Forderungen der Frauenbewegung auf die Straße und so ins Bewusstsein der breiten Bevölkerung zu tragen. Damals fanden sich Frauen aus verschiedenen Basisorganisationen – von der Hausangestelltengewerkschaft über ein feministisches Frauengesundheitszentrum bis zu Mädchengruppen aus zwei Favelas – zusammen, um bei Demonstrationen der Frauenbewegung zum Beispiel zum 8. März oder zum Internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen mit Phantasie und Humor ihre Forderungen einsichtig zu machen. In den 14 Jahren haben sie auch kaum ein anderes Thema ausgelassen. Wie ein roter Faden zieht sich das Thema Gewalt gegen Frauen durch ihre Arbeit. Mit ihren Stücken gegen Gewalt an Frauen haben die Loucas im Jahr 2001 einen Preis beim internationalen Wettbewerb des V-Day (einer internationalen Bewegung gegen Gewalt an Frauen und Mädchen) in New York und den zweiten Preis des Deutschen UNIFEM-Komitees gewonnen.
Das Theater dient aber auch als Austausch- und Bildungsprogramm für die Frauengruppen, in denen die „Schauspielerinnen“ außerhalb des Theaters politisch aktiv sind. Denn die „Verrückten“ tragen ihre Erfahrungen weiter. Auch in den Favela-Gruppen werden viele Themen mittels Theaterszenen erarbeitet und verbreitet. Für die etwa zehn Mitspielerinnen bedeutet Theater, sich aktiv an politischen Diskussionen zu beteiligen und zu lernen, für die eigene Meinung einzustehen – öffentlich und selbstbewusst.

Mitmachen statt Diskutieren

Nicht nur die anonyme Straße ist Ort der Aktion. Die „Verrückten“ machen auch Workshops mit Jugendlichen oder Landarbeiterinnen, spielen vor kleinen lokalen Gesundheitsstationen genauso wie auf feministischen Kongressen. Theater ist partizipative Bildungsarbeit. Mitdenken und mitmachen liegt hier viel näher als bei abstrakten politischen Diskussionen.
Ein Beispiel: Julianas Mann verprügelt sie im Suff, weil sein Essen schon wieder nicht so ist, wie er es mag. Am nächsten Morgen, wieder nüchtern, bittet er sie unter Tränen um Vergebung und verspricht sich zu bessern. Das Stück bricht mittendrin ab, wird „eingefroren“. Die ZuschauerInnen sollen bestimmen, wie weitergespielt wird und dabei auch überlegen, wie sie selbst Liebesbeziehungen leben möchten oder wie sie eingreifen könnten, wenn sie als NachbarInnen oder zufällige PassantInnen Gewalt gegen Frauen miterleben.
Die Szenen der Loucas machen deutlich, dass Männergewalt gegen Frauen Ausdruck der Ungleichheit in der Gesellschaft ist und nur aufhören wird, wenn Frauen sich wehren. Dabei können sie sich kaum auf die Unterstützung von Staat und Justiz verlassen. Denn Straflosigkeit ist in Brasilien generell weit verbreitet, und Frauen bekommen das zu spüren. Ein Mann, der seine Frau umbringt und behauptet, sie hätte ihn betrogen, kann sich der Billigung des Gerichts fast sicher sein und eine Verurteilung ist höchst unwahrscheinlich.
Für die Loucas ist das jedoch kein Grund zu resignieren. Sie bauen vor allem auf die Solidarität von Frauen und auf die Diskreditierung der Täter. Dafür suchen sie nach Wegen, noch mehr Menschen mit ihren Anliegen zu erreichen. So haben sie die Kampagne der weißen Schleifen, die Männer dazu auffordert ihr Engagement gegen Gewalt öffentlich zu zeigen, wieder aufleben lassen. Als Nächstes sind sogar Fernsehspots geplant, in denen sich Menschen aus den Wohnvierteln über Gewalt äußern.

KASTEN:

Inoffizielles Frauentheatertreffen beim Kirchentag
Die Loucas de Pedra Lilás sind vom 29. Mai bis zum 8. Juni 2003 auf Einladung des Weltgebetstages der Frauen und der ASW zu Besuch in Berlin

Im Rahmen des ersten Ökumenischen Kirchentages nehmen die Loucas de Pedra Lilás am Samstag, den 31. Mai, an einer Diskussion über Gewalt gegen Frauen teil und werden einige Szenen aus ihrem Stück „Genug des Schmerzes“ vorführen. Dieses Stück wendet sich an SchülerInnen, StadtteilbewohnerInnen sowie Gesundheits- und BildungsarbeiterInnen und ruft zur Solidarität mit Frauen auf, die in Gewaltsituationen leben.
Während des Kirchentages sind die Loucas außerdem am Infostand von ASW und Lateinamerika Nachrichten anzutreffen (Halle 32 e-33). Dort werden sie gemeinsam mit der RESPECT-Theatergruppe aus Berlin die Situation von Hausangestellten in Brasilien und Deutschland in kurzen Szenen darstellen.
RESPECT ist ein europäisches Netzwerk zur Unterstützung von Migrantinnen in der bezahlten Hausarbeit. Fast alle diese Frauen arbeiten in ungesicherten Beschäftigungsverhältnissen, meist schlecht bezahlt und ohne die für andere ArbeitnehmerInnen selbstverständlichen Rechte. Die RESPECT-Theatergruppe hat kleine Szenen erarbeitet, welche die Gründe von Frauen, in Deutschland ihr Glück zu versuchen, darstellen, und sich um ihre Erfahrungen bei der Arbeit und im Alltag drehen. Für die Frauen der Gruppe ist das Theater eine Möglichkeit, sich über Erfahrungen auszutauschen und sie ohne Vermittlung deutschsprachiger „DolmetscherInnen“ weitergeben zu können.
Die Loucas werden außerdem zwischen dem 2. und dem 8. Juni ihr aktuelles Stück „Mit der Macht der Kehle“ zur Kampagne der lateinamerikanischen Frauen gegen alle Fundamentalismen auf Berlins Straßen aufführen. Einzelheiten dazu erfragen Sie bitte bei der ASW (Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt e.V.), Hedemannstr. 14, 10969 Berlin, Tel.: 030-25 94 08 01, E-Mail: mail@ASWnet.de.

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