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Ein angekündigtes Verbrechen

Alegría ist ein kleines Städtchen auf der „Route der 1000 Hügel”, die seit einigen Jahren von einer wachsenden Zahl nationaler und internationaler TouristInnen besucht wird. Umgeben von Kaffeeplantagen und mit einer Aussicht auf halb El Salvador liegt Alegría am Fuß des Vulkans von Tecapa, der mit seiner grünen Lagune eines der 25 Naturschutzgebiete des Landes ist. Inmitten der friedvollen Landschaft kam es zu Beginn des Jahres zu einem Doppelmord.
Am Morgen des 9. Januar wurden der amtierende Bürgermeister Wilber Moisés Funes sowie die städtische Angestellte Zulma Jaqueline Rivera auf dem Weg zu einem Projekt ihrer Kommune in der Siedlung Las Casitas erschossen. Nach Zeugenaussagen hielt ein Unbekannter den weißen Pick-up, mit dem die beiden unterwegs waren, am Straßenrand an, stellte den InsassInnen eine Frage und eröffnete dann das Feuer. Anschließend floh er in einem Wagen, in dem zwei weitere Personen auf ihn warteten.
Die Polizei startete eine Fahndung im gesamten Osten des Landes. Am Tatort wurden 45mm-Projektile sichergestellt. Bereits am folgenden Tag versicherte der Polizeichef Héctor Mendoza Cordero der salvadorianischen Tageszeitung La Prensa Gráfica, dass man die Namen der Täter kenne, allerdings noch kein Haftbefehl vorläge. Bis Redaktionsschluss befanden sich die Täter weiterhin auf freiem Fuß.
Dass es im Gemeindewesen von Alegría nicht immer idyllisch zuging, war allgemein bekannt. Nach zwölf Jahren rechtsgerichteter ARENA-Regierung übernahm im Mai 2006 die nach den Friedensverträgen aus der Guerrillabewegung hervorgegangene FMLN (Frente Farabundo Martí para la Liberación Nacional) die Stadtverwaltung und der neue Bürgermeister klagte seine Vorgänger am Bundesrechnungshof der Korruption und Veruntreuung staatlicher Gelder an. Eine Lizenz, welche der Ex-Bürgermeister Carlos Antonio Luna einem seiner Verwandten erteilt hatte, an der Lagune inmitten des Naturschutzgebietes einen Hotelkomplex zu erbauen, wurde von der aktuellen Verwaltung als widerrechtlich zurückgezogen.
Nachdem er öffentlich schwere Unregelmäßigkeiten der Vorgängerregierung denunziert hatte, hatte Wilber Moisés Funes wiederholt Morddrohungen auf seinem Handy erhalten. Schon während des Wahlkampfes wurde er zweimal überfallen. Auf der letzten Ratssitzung vor der Jahreswende kündigte er ein hartes Arbeitsjahr für 2008 an, auch mit Hinsicht auf die Kampagne zu den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen im März 2009. Den Morddrohungen maß er keine große Bedeutung bei und brachte sie nicht zur Anzeige, was ParteifreundInnen heute als großen Leichtsinn bezeichnen.
Im März 2006 war bereits sein Vater, Angel Funes, angeschossen worden, überlebte aber den Anschlag. Als Verantwortlicher wurde damals Roberto Monterrosa ausfindig gemacht. Es handelt sich um den Bruder von Domingo Monterrosa, dem Kopf des Batallon Atlacatl, einer Eliteeinheit der salvadorianischen Armee. Die war während des Bürgerkriegs unter anderem für die Massaker in El Mozote 1981 und an der Jesuitenuniversität 1989 verantwortlich. Der Vater des Ermordeten erklärte, dass der Anschlag auf ihn schon damals seinem Sohn gegolten habe. Ein rechtsradikaler Hintergrund auch der Ermordung des FMLN-Politikers ist damit sehr wahrscheinlich.
Der 31-jährige Wilber Moisés Funes, Vater von zwei Kindern, war sehr beliebt im Landkreis Alegría. Zur Beerdigung des Bürgermeisters und seiner Mitarbeiterin kamen mehr als 5.000 Menschen aus dem Landkreis und anderen Teilen des Landes. Wo sonst die zahlreichen Gärtnereien die TouristInnen mit ihrer Blumenpracht locken, türmten sich an diesem Tag Kränze und Gestecke der Trauergemeinde auf dem zentralen Platz der Stadt.

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