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Ein Geisterhaus ohne Geist

Das Buch hatte ich vor Jahren gelesen und ich war schlichtweg begeistert von dieser phantasievollen Familiengeschichte. Vor kurzem kam es mir wieder in die Hände und ich entschloß mich, Isabel Allendes Meisterwerk ein zweites Mal zu lesen. Als ich etwa die Hälfte gelesen hatte, lief der Film an. Gedreht von Bernd Eichinger, der sich mit Filmen wie “Der Name der Rose” einen Namen gemacht hatte und mit einer weiteren Romanverfilmung “Salz auf unserer Haut” diesen Namen fast wieder verloren hat.
Daß der Film natürlich nicht wie das Buch sein kann, war mir von vornherein klar – aber das, was ich dann zu sehen bekam, habe ich nun doch nicht erwartet. Ein völlig langweiliger, platter Film und dazu auch noch einer mit Überlänge. Mehr als die Rahmenhandlung – die Geschichte der Familie Trueba – haben Film und Buch nicht gemeinsam.
Die Darstellung der faszinierenden Charaktere, die das Buch so einmalig macht, bleibt völlig flach und oberflächlich und die Lebensstationen der einzelnen Familienmitglieder werden im Schnelldurchgang abgehakt, was dann ungefähr so ausssieht: Der Jugendliche Estéban Trueba (Jeremy Irons) verliebt sich in die schöne Rosa (die im Film leider keine grünen Haare hat). Sie fällt wenig später einem Giftanschlag zum Opfer, während er in einer Goldmine schuftet, um ihr ein würdiges Leben bieten zu können. Rosas kleinere Schwester Clara (Meryl Streep) hat das Unglück durch ihre hellseherischen Fähigkeiten vorausgesehen. Sie fühlt sich schuldig am Tod der Schwester und verfällt daraufhin in Stummheit. Um seinen Schmerz zu vergessen, kauft sich Estéban eine heruntergekommene Hazienda (“Tres Marías”) und macht aus ihr ein kleines Paradies. Circa zwanzig Jahre später (das Alter ist an ihm vorbeigegangen) kehrt er zurück, um nun die erwachsene Clara zu heiraten. Sie willigt ein und spricht auch prompt wieder. Die Story geht im selben Stil weiter, wobei merkwürdigerweise einige DarstellerInnen in dem Film einfach nicht älter werden, wohingegen andere inzwischen schon als Greise über die Leinwand tattern.
Estebans Schwester Férula (Glenn Close) zieht auf die “Tres Marías”, wird aber von ihrem Bruder bald wieder vertrieben, da er hinter der Zuneigung der beiden Frauen füreinander schweinische Umtriebe vermutet. Clara bekommt eine Tochter namens Blanca (die Söhne werden im Film einfach weggelassen), die innerhalb kurzer Zeit erwachsen ist und sich in den Revoluzzer Pedro verliebt.
Auch hier schafft es der Film nicht einmal ansatzweise, die umfassende Liebe und berauschende Sinnlichkeit der beiden glaubhaft darzustellen. Und weiter geht’s : Férula stirbt einsam und verlassen. Ach! Und ein Graf ist da auch noch, der es natürlich mehr auf das Vermögen als auf Blanca abgesehen hat. Dann gibt es noch den Wahlsieg der Sozialisten und kurz danach, natürlich zum Weihnachtsabend und im Winter, der in Chile anscheinend mit den gleichen Christbäumen wie in Deutschland begangen wird, den Militärputsch (der ja eigentlich im September war). Clara stirbt noch recht theatralisch und so plätschert es weiter: ein bißchen Folter für die Tochter, ein bißchen späte Einsicht des Vaters und Friede, Freude, Eierkuchen mit dem verhaßten Geliebten der Tochter.
Schlußszene: Blanca sitzt auf der Terasse der Hazienda, im Hintergrund eine wunderschöne kitschige Landschaft, die übrigens im ganzen Film nie fehlt, und dann ihr Schlußsatz: “Für mich ist das Leben selbst das wichtigste geworden”. Ach wie schön! Edel-Kitsch auf Breitband-Leinwand.
Als ich dann wieder zuhause war, nach diesem mißglückten Kinoabend, nahm ich mein angefangenes Buch zur Hand und las freudig weiter, als hätte es diesen Film nie gegeben.

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