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Ein Mann mit vielen Gesichtern

In Brasilien gehörten Chico Science, der bei einem Autounfall im Februar 1997 ums Leben kam, und seine Begleitband Nação Zumbi schon zu den Größten ihrer Zunft. Man nannte sie in einem Atemzug mit Namen wie Gilberto Gil, João Gilberto oder Caetano Veloso. Kennzeichen des musikalischen Schaffens von Chico Science und seinen Mannen war die originelle Verschmelzung nordbrasilianischer Musiktraditionen mit Rock und Hip Hop der neunziger Jahre. Auf dem neuen (Doppel-) Album „C.S.N.Z (Dia)“ befindet sich neben vier neuen Stücken auch altes Live-Material, das noch einmal die unbändige Energie des jungen Exzentrikers wiedergibt. Als Bonus gibt es auf der zweiten CD diverse Mixe aus alten Songs von Chico, die von bekannten Größen des Genres neu interpretiert werden. Die Platte ist schon jetzt ein Meilenstein brasilianischer Rockgeschichte und porträtiert einen leider viel zu wenig bekannten Künstler.

Forro meets Hip Hop

Wer war nun aber dieser Typ mit dem merkwürdig klingenden Namen? Geboren als Francisco França wird Chico Science schon früh von der aus den USA überschwappenden Welle des Funk sowie später des Hip Hop geprägt. So hört man noch heute in seinen Stücken die rudimentären Spuren von Kurtis Blow, Grandmaster Flash oder James Brown. Doch Science kopiert nicht, er kreiert. Er verbindet diese Einflüsse mit dem, was ihn täglich umgibt: Mit den traditionellen Musikstilen Brasiliens. Besonders der in Nordbrasilien dominierende Forro, der Maracura und natürlich auch der Samba sind immer wieder zentrale Elemente in seiner Musik. Genannt hat er diese wohl einmalige Mischung mangue beat. 1991 formiert Chico Science die Band Nação Zumbi um sich und stellt seine musikalische Synthese dem brasilianischen Publikum vor. Dieses reagiert mit Begeisterung auf die achtköpfige Kapelle, welche sich vor allem durch ihre energiegeladene Live-Show schnell einen Namen im ganzen Land macht. Es folgen die Alben „De Lama ao Caos“ und „Afrociberdelia“, welche Chico Science zu einer musikalischen Größe seines Landes machen, sowie Gastspiele mit dem brasilianischen Superstar Gilberto Gil, einem bekennenden Verehrer der Formation, und ein Auftritt auf dem Jazz Festival in Montreux.

Der Tag und die Nacht des Chico Science

Das aktuelle Album „C.S.N.Z. (Dia)“ stellt einen sehr interessanten und auch persönlichen Querschnitt des Menschen und Musikers Chico Science dar. Aufgeteilt ist das (Doppel-) Album in zwei Teile: den Tag und die Nacht. Auf der ersten CD befinden sich neues sowie Live-Material, das ganz deutlich zeigt, warum der Versuch, Chico Science musikalisch einzuordnen, zum Scheitern verurteilt ist. Hier treffen wilde Percussions auf Hip Hop- Attitüden, traditioneller Samba auf jamaikanischen Dub, harte Gitarren auf funkigen Groove. Es findet zusammen, was zusammenfinden will. Chico Science spielt frech und ungeniert mit den Musikstilen der letzten Jahrzehnte und wirkt dabei alles andere als ungelenk. Trotzdem siedelt sich die CD vor allem live eher bei dem härteren Genre an und beläßt es meist bei hartem bis teilweise nur mittelmäßigem Rock. Das was noch eben frisch und ungezwungen groovte, wirkt live plötzlich übertrieben hart, ja fast brutal. Man hört jedoch immer die enorme Filigranität der einzelnen Musiker heraus, welche Science auf seiner Reise durch sämtliche musikalische Sphären begleiten, so daß man sich förmlich wünschte auch einmal live dabei gewesen zu sein. Der zweite Teil des Albums, die Nacht, ist eine Hommage bekannter Remixer, Kenner der Szene oder einfach Freunde von Chico Science, die seinem Material eine eigene Interpretation geben. Dabei reicht die Bandbreite von Ex-Talking Head Sänger David Byrne über den Dub-Remixer Mad Professor bis hin zu Goldie.

Doppelplatin in Brasilien

Es ist eigentlich auch nicht weiter verwunderlich, daß sich „C.S.N.Z. (Dia)“ mit mehr als 2 Millionen verkauften Einheiten in Brasilien seit Monaten im oberen Drittel der Charts bewegt. Das Album besticht neben seiner musikalischen Qualität vor allem durch seine Intimität, mit der sie die abstrakten und teils skurrilen Stücke dem Ohr näherbringt. Dabei wird jede Facette der musikalischen Bandbreite des Künstlers Science ohne Rücksicht auf die Homogenität der Stücke auf dem Album vorgestellt, so daß die Bezeichnung Rock für dieses Album wohl eher eine Beleidigung wäre. Es ist vielmehr eine Verkettung und Vermischung von traditionellen und modernen Musikstilen, die bei all ihrer Unterschiedlichkeit jedoch immer eines gemein haben: Sie porträtieren den Künstler Chico Science.

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