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Ein unermüdlicher Kritiker

Im vergangenen Jahr kündigte Venezuelas Präsident Hugo Chávez die Verleihung eines Preises für kritisches Denken an. Der „Premio Libertador al Pensamiento Crítico“ soll dazu dienen, der Vorherrschaft des neoliberalen Denkens in Lateinamerika entgegen zu wirken.
Jüngst gab die Jury nun Franz-Josef Hinkelammert als ersten Preisträger bekannt. Geehrt wird er für seinen Text El Sujeto y la Ley, retorno del sujeto („Das Subjekt und das Gesetz, die Rückkehr des Subjekts“), der nach Aussagen der Jury ein „sozialphilosophisches Werk kritischen Denkens im strengsten Sinne des Wortes“ darstellt. Es handele sich um „eine erschöpfende Kritik des Westens, der Moderne, der Postmoderne, des Kapitalismus, des sowjetischen Sozialismus, der Globalisierung und ihrer Strategie und des Imperialismus.“ Anfang Juni wird Hugo Chávez den Preis persönlich überreichen.
Der heute 75-jährige Franz Hinkelammert studierte zunächst in Münster, dann an der Freien Universität Berlin Volkswirtschaftslehre, Soziologie und Philosophie. Nach Erlangung des Doktortitels in Ökonomie wurde er in den frühen sechziger Jahren Funktionär der Konrad-Adenauer-Stiftung in Santiago de Chile. Seine engen Kontakte mit dem linken Flügel der chilenischen Christdemokraten, der sich 1969 von der Partei abspaltete, führten ihn zu der Entscheidung für ein Leben in Chile. Er wurde Ökonomie-Professor an der (rechten) Universidad Católica de Chile, wo er mit politischen Freunden das (linke) „Zentrum für die Erforschung der nationalen Realität“ (CEREN) aufbaute, das nach dem Wahlsieg des Sozialisten Salvador Allende eines der akademischen Aushängeschilder der Regierung wurde. Mit seinem Buch Dialéctica del desarrollo desigual („Dialektik der ungleichen Entwicklung“, 1970) zählte Franz Hinkelammert sofort zu den prominenten Theoretikern, die sich dem damals in Südamerika vorherrschenden „Abhängigkeitsansatz“ verpflichtet fühlten.
Der Militärputsch vom 11. September 1973 setzte seiner Arbeit in Chile jedoch ein gewaltsames Ende: Franz Hinkelammert musste mit seinen damals drei Kindern in die BRD ausreisen.

Unrecht darf niemals beschönigt werden

Nach seiner Ausreise aus Chile erhielt Franz Hinkelammert, wie auch der ebenfalls aus Chile geflohene André Gunder Frank, eine Gastprofessur in Soziologie bzw. Politischer Ökonomie an der Freien Universität Berlin. Für „den Franz“, wie er von Freunden bald genannt wurde, war es eine Selbstverständlichkeit, sich intensiv an der Solidaritätsarbeit für Chile zu beteiligen: dazu gehörte auch, sich bei den Redaktions- und Umbrucharbeiten der Chile-Nachrichten die Nächte um die Ohren zu schlagen.
Die Redaktion war häufig erstaunt, von welchem beinahe heiligen Zorn dieser sonst so sanft erscheinende Riese gepackt werden konnte, wenn wieder einmal jemand, der eigentlich zum Dienst am Menschen verpflichtet war, das Unrecht zu beschönigen suchte. Der Erzbischof Valenzuela von Valparaíso zum Beispiel: Als dieser mitten im Wüten der Mörderbanden des Militärs nichts Besseres zu verkünden wusste als eine Warnung an die jungen Frauen, sie müssten das Tragen von Bikinis am Strand von Viña del Mar unbedingt unterlassen, konnten wir Franz nur schwer die Beschimpfungen ausreden, mit denen er Hochwürden publizistisch buchstäblich zur Sau gemacht hätte.
Als die beiden vakanten Professuren, dank derer die Gastprofessuren von Hinkelammert und Frank möglich waren, ausgeschrieben wurden, bewarb sich Hinkelammert – und wurde von der Universität auf die erste Stelle der Besetzungsliste gesetzt. Doch der damalige Berliner Wissenschaftssenator und ausgewiesene Linkenhasser Löffler, dem Chile-Flüchtlinge offenbar per se verdächtig schienen, vereitelte Hinkelammerts Berufung.
So musste sich Hinkelammert notgedrungen eine andere Stelle suchen: er fand sie schließlich in Tegucigalpa (Honduras), wo er beim Mittelamerikanischen Universitätsverband für Sozialwissenschaften (CSUCA) tätig wurde. Die Arbeit war nicht gerade gut bezahlt, bot aber Gelegenheit zu ruhigen und gründlichen Studien in Ökonomie, Philosophie und Theologie.
Der enge Kontakt zu wichtigen Vertretern der Befreiungstheologie in Zentralamerika sollte für die weitere Entwicklung des Lebens und Werks von Franz Hinkelammert entscheidend sein. Nicht zuletzt der rege Austausch mit den vor den Militärdiktaturen Südamerikas geflohenen Theologen führte 1976/77 zum Aufbau des Ökumenischen Forschungsinstituts (Departamento Ecuménico de Investigaciones, DEI) in San José de Costa Rica, dessen Mitbegründer Hinkelammert ist. Das Institut machte es sich zur Aufgabe, sich kritisch mit den Hauptströmungen eines der neoliberalen Globalisierung dienenden Denkens auseinander zu setzen – in der Forschung, in Lehrgängen zu Theologie, Ökonomie und Sozialwissenschaften sowie in zahlreichen Publikationen.

Verdiente Auszeichnung

In den inzwischen dreißig Jahren am DEI hat Franz Hinkelammert eine große Zahl von theologisch-philosophischen Traktaten veröffentlicht und eine ganze Serie von Büchern herausgebracht. Dazu gehören auch sozialphilosophische Werke im engeren Sinne wie etwa das Buch Kritik der utopischen Vernunft. Eine Auseinandersetzung mit den Hauptströmungen der modernen Gesellschaftstheorie von 1984. Andere Schriften wie etwa der Sammelband Der Hurrikan der Globalisierung (1999) sind den konkreten Entwicklungstendenzen der Weltökonomie gewidmet. Und Hinkelammerts Analyse zu Ausmaß, Ursachen und Bedeutung der lateinamerikanischen Schuldenkrise von 1982 zählt nach wie vor zu den gründlichsten Untersuchungen dieses Themas.
Auf sein nun preisgekröntes neues Werk dürfen wir gespannt sein. Den Preis hat Franz Hinkelammert fraglos verdient. Und gebrauchen kann er ihn auch.

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