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Einmal Hauptstadt und zurück

Als vor dreieinhalb Jahren der bewaffnete indianische Aufstand im südmexikanischen Chiapas begann, kündigte die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung EZLN in ihrer Kriegserklärung an, ihre Truppen würden nach Mexiko- Stadt vorrücken. Was damals Rhetorik war wurde am 12. September Wirklichkeit: 80.000 Menschen begrüßten die Rebelllnnen aus dem Süden, die mit ihrer bunten Karawane durch die Bundesstaaten Oaxaca, Puebla und Morelos gefahren waren.
Drei Ziele verfolgten die Zapatistas: In Mexiko-Stadt fand vom 13. bis 16. September der Gründungskongreß der Zapatistischen Front FZLN statt, zu deren Formierung die EZLN bereits im Januar 1996 aufgerufen hatte. Eine Abordnung der Zapatistas wohnte den Debatten auf dem Kongreß bei. Ein anderer Teil der Marchistas nahm gleichzeitig an der bundesweiten Versammlung der Dele-gierten des Nationalen Indigena Kongresses CNI teil, einer Koordination von Indigena-Organisationen aus ganz Mexiko, die seit etwa einem Jahr besteht. Der dritte Grund für die ungewöhnliche Karawane bestand darin, die öffentliche Aufmerksamkeit für den Konflikt in Chiapas wiederzugewinnen, nachdem der spektakuläre Wahlsieg der Opposition bei den Bürgermeisterwahlen in Mexiko-Stadt und den Parlamentswahlen am 6. Juli Chiapas weitgehend aus den Medien verdrängt hatte.
Eine schwere Geburt
Bereits zwei Mal hatte die EZLN zur Gründung einer zivilen bundesweiten Oppositionsorganisation aufgerufen, um gemeinsam mit ihr den Kampf gegen das autoritäre System der seit 68Jahren regieren-den Staatspartei PR1 und die neoliberale Politik zu führen. Doch bei- de Versuche, die im August 1994 von 8.000 Delegierten in der Selva Lacandona gegründet Nationale Demokratische Konvention CND und die Bewegungfür die Nationale Befreiung MLN, die Anfang Februar 1995 in Querétaro entstehen sollte, sind definitiv gescheitert. Javier Elorriaga, Koordinator des FZLN-Gründungskongresses, erklärt sich den ersten Schiffbruch so: “Die CND war noch sehr stark auf den Kampf um die Macht orientiert. Die Führerlnnen der verschiedenen Mitgliedsorganisationen machten Allianzen mit anderen Führerlnnen, aber es wurde sehr wenig an der Basis gearbeitet. Die ganze Zeit über bekämpften sich die Leitungsmitglieder.”
Als sich im Herbst 1994 ab-zeichnete, daß die CND nicht die erforderliche Kraft entfalten würde, um zu einer relevanten Oppositionsbewegung zu werden, und sich stattdessen die Spaltungslinien zwischen den verschiedenen Fraktionen vertieften, rief die EZLN Anfang 1995 zu einer neuen Anstrengung auf: Eine breite Oppositionsfront aus der EZLN, dem Rest der CND und den Anhängern von Cuauhtemoc Cardenas, dem ehemaligen Präsidentschaftskandidaten der PRD, sollte entstehen. Diese Bewegung für die Nationale Befreiung MLN sollte die unterschiedlichen und zerstrittenen Strömungen der mexikanischen Linken auf der Grundlage eines Minimalprogramms zusammenführen. Doch das ambitionierte Unternehmen scheiterte bevor es begonnen hatte. Am 9. Februar kommandierte Präsident Zedillo die Bundesarmee in den Lakandonen-Urwald und brach den Waffenstillstand, um die zapatistischen Comandantes verhaften zu lassen. Die Militäraktion war zwar ein Schlag ins Wasser, aber der politische Bewegungsspielraum der EZLN blieb über Monate äußerst eingeschränkt. Andererseits weigerte sich der radikale Flügel der CND kategorisch, mit dem als reformistisch verpönten Cardenas zusammenzuarbeiten. Stattdessen formierte sich diese Strömung im Januar 1996 in Acapulco in der Breiten Front für den Aufbau der Bewegung für die Nationale Befreiung FAC-MLN, die heute hauptsächlich in Guerrero, Oaxaca und Mexiko-Stadt, aber auch in anderen Teilen Mexikos über eine beträchtliche Basis verfügt. Die EZLN forderte gleichzeitig ihre Sympathisanten dazu auf, Komitees zu bilden und die FZLN-Gründung vor- zubereiten.
Die mexikanische Linke ist da-mit heute in drei Lager gespalten: Die moderate PRD, die am 6. Juli mit Cárdenas einen historischen Wahlsieg in der Hauptstadt errungen hat und hauptsächlich in den südlichen Bundesstaaten über eine breite Basis verfügt; andererseits EZLN und FZLN, die im Gegensatz zur PRD nicht auf Wahlen setzen und sich vor allem dem Kampf für die Rechte der indigenen Bevölkerung und Demokratisierung verschrieben haben; als dritter Flügel die FAC-MLN, die am „klassischen” Programm der radikalen Linken der 70er Jahre und dem Kampf für eine Arbeiter-und Bauernregierung orientiert ist. Die im letzten Jahr aufgetauchte Guerilla Revolutionäre Volksarmee (EPR) ist zumindest programmatisch eher diesem Teil zuzuordnen.
Viel Applaus -wenig Substanz
Die FZLN-Gründung zeichnete sich hauptsächlich durch die beeindruckende Fähigkeit der Delegierten aus, minutenlang immer wieder die gleichen Parolen zu rufen: „Zapata vive, la lucha sigue!”
An einer realistischen Einschätzung der eigenen Stärke und vor allem an klaren programmatischen Grundlagen scheint es trotz der
1 8 Monate Vorbereitungszeit leider zu fehlen. Das ist zumindest der Eindruck, den viele Beobachter vom Kongreß mitgenommen haben. 3.107 Delegierte wurden offiziell für den Kongreß akkreditiert. Die meisten von ihnen sind Mitglieder der mehreren hundert zivilen Komitees für den Dialog, welche die Basisgruppen der FZ- LN bilden sollen und sich in den letzten Monaten im ganzen Land gebildet haben. In 14 Arbeitsgruppen diskutierten sie das politische Programm, die geplanten Aktionen sowie die organisatorische Struktur der neuen Organisation. Das Hauptergebnis ist, daß die FZLN nicht nach der Macht streben und sich nicht als politische Partei konstituieren wird. Sie sieht sich vielmehr als eine Basisbewegung, die politischen Druck erzeugen will und zum Kampf für Demokratisierung und gegen neoliberale Wirtschaftspolitik beitragen möchte, eine Art linksradikale Bürgerbewegung a la mexicana: „Was die FZLN anbietet, ist eine auf lange Sicht angelegte Arbeit an der Basis mit wenig öffentlicher Aufmerksamkeit und Artikeln in den Zeitungen. Das wird viele abstoßen, die um die Macht kämpfen”, er-klärt Javier Elorriaga den schwierigen Weg, den sich die FZLN vor-genommen hat.
Der Kongreß schloß nach kontroverser Diskussion eine Doppelmitgliedschaft in einer Partei aus, nicht aber in einer anderen sozialen Organisation. Damit hat sich die FZLN organisatorisch klar von der PRD distanziert, obwohl weite Teile der PRD-Basis dem Zapa-tismus viel Sympathie entgegen-bringen und der frisch gewählte Bürgermeister Mexiko-Stadts Cuauhtemoc Cárdenas den FZLN-Kongreß in einer Grußbotschaft als „wichtigen Schritt” bezeichnete.
Nicht dabei: Mayor Moises
Die FZLN könnte sich also als in ein linkes, basisdemokratisches Korrektiv gegenüber der PRD an der Macht entwickeln und so den Demokratisierungsprozeß weiter- treiben und außerdem Druck da- rauf ausüben, daß die PRD ihre Wahlversprechen einhält.
Bei einem Fußballspiel zwischen einer Mannschaft der EZLN und Angehörigen der Zivilgesellschaft, die sich in der FZLN organisieren will, haben die maskierten Balltreter aus dem Lakandonen-Urwald am Rande der Konferenz ihre zivilen Gegenüber mit 10:2 klar ausgestochen. Es war vor allem Teamgeist, Übersicht, Strategie und Disziplin, die den Vermummten den Vorteil sicherte. Die FZLN hat genau hier ihre Defizite, die sie überwinden muß, wenn sie sich als politische Kraft etablieren will. Wenn ihr das nicht gelingt, droht ihr der selbstzerfleischende Kannibalismus der mexikanischen Linken, der bereits der CND das Leben gekostet hat.
Boris Kanzleiter

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