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Endstation Carandirú

São Paulo – Gilmar Mariano de Lima lag blutüberströmt auf dem Boden. Zwei Männer waren am Vormittag in sein Büro im Zentrum von São Paulo gekommen und hatten den Ex-Sträfling und Leiter eines Gefangenenhilfsprojekts mit einem Schuss in den Hinterkopf hingerichtet. An die Wand hatten sie die Initialen PCC geschrieben.
Die Buchstaben stehen für Primeiro Comando da Capital (Erstes Kommando der Hauptstadt), die mächtigste Verbrecherorganisation Brasiliens. Sie beherrscht nicht nur die Strafanstalten des Landes. Das PCC betreibt Drogenhandel, begeht Banküberfälle, Morde und Entführungen – und es organisierte die größte Häftlingsrevolte in der Geschichte des Landes, die am 18. Februar diesen Jahres in 29 Gefängnissen des Bundesstaates São Paulo gleichzeitig stattfand. Die Gangster protestierten damit gegen die Verlegung fünf ihrer Anführer in andere Zuchthäuser.
Etwa 28.000 Strafgefangene beteiligten sich an der so genannten Megarebellion. Über Handys, die hinter die Gefängnismauern geschmuggelt worden waren, hielten die Meuterer Kontakt zueinander. An einem Sonntag, dem traditionellen Besuchstag in den Gefängnissen, nahmen sie rund 10.000 Besucher als Geiseln, darunter viele Frauen und Kinder. Der Aufstand, in dessen Verlauf 16 Menschen getötet wurden, dauerte 24 Stunden, bis die Stoßtruppen der Militärpolizei ihn niederschlugen (vgl.LN 321).
Ausgegangen war die Revolte von Carandirú, dem größten Gefängnis Lateinamerikas. Mehr als 7.200 Häftlinge sitzen hinter den Mauern des riesigen Gebäudekomplexes, nur wenige U-Bahn-Stationen vom Zentrum São Paulos entfernt. Bei seiner Einweihung 1956 war der Knast für 3.250 Insassen gedacht, in den 70er Jahren wurde seine Kapazität auf 6.300 erweitert.
„In Carandirú herrschen ungeschriebene Gesetze. Sie sind härter als außerhalb der Gefängnismauern. Und die Höchststrafe ist der Tod“, sagt der Arzt Drauzio Varella. Der 58-Jährige Krebsspezialist und Kolumnist der Tageszeitung Folha de São Paulo hat über zehn Jahre lang Aids-kranke Häftlinge in Carandirú behandelt (sieben Prozent der Inhaftierten sind HIV-positiv). In seinem Buch Station Carandirú, das vor zwei Jahren erschien und zum Bestseller avancierte, beschreibt Varella das Schicksal einzelner Gefangener und deren Alltag. „Die Leute draußen meinen, hier drinnen lebe eine Masse von Wilden, die sich gegenseitig umbringen. Aber das stimmt nicht. Der Messerstecher unterscheidet sich vom Drogenhändler, der Bankräuber vom Mörder. Jeder hat sein eigenes Gesicht, seine eigene Identität.“
Auf der untersten Stufe stehen die Vergewaltiger. Zusätzlich zur Haftstrafe sind sie der Willkür der Mithäftlinge ausgesetzt. Ganz oben rangieren die Anführer des PCC. Sie bestimmen auch die Preise für die besten Zellen: Eine normale Einzelzelle in Carandirú zum Beispiel kostet umgerechnet rund 200 Mark monatlich, für eine Luxuszelle mit Ehebett und Spiegeln muss ein Häftling bis zu 2.000 Mark berappen. Zigaretten, Pornohefte, Schnaps, Kokain, ein Transvestit als „Geliebte“, eine Waffe, ein Handy – in Carandirú gibt es alles zu kaufen. Die Grenzen nach draußen sind durchlässig. Die „Ware“ bringen Besucher mit oder die Wärter, die sich noch etwas zu ihrem Monatslohn von etwa 800 Mark hinzuverdienen wollen.

Lebensgefährlicher Knast

Im Laufe seiner Arbeit beobachtete Varella einen Wandel in Carandirú. Zwei Ereignisse haben nach seinen Worten die Situation der Gefangenen entscheidend verändert: Zum einen, als die Droge Crack vor ein paar Jahren erstmals hinter die Gefängnismauern gelangte und sie innerhalb kurzer Zeit zahlreiche Häftlinge abhängig machte, und zum anderen das Massaker im Oktober 1992. Damals war es nach einem Streit zwischen rivalisierenden Banden zur Revolte gekommen. Die Militärpolizei rückte mit Maschinenpistolen an und sorgte für ein Blutbad: 111 Gefangene kamen ums Leben.
Seitdem bestimmt die Gewalt vollends das Leben in Carandirú. Dort ist die Gefahr, ermordet zu werden, nach offiziellen Angaben zehn Mal so hoch wie in den gefährlichsten Städten der Welt. „Traute sich der Gefängnisdirektor früher noch in einen Zellentrakt, verzichtet er jetzt ganz auf die Besuche“, erklärt Varella. Die Herrschaft übernahm das PCC. Das „Kommando“ ist bestens ausgerüstet: Im vergangenen Jahr hatte man sogar 24 Kilogramm Sprengstoff gefunden, vermutlich für einen der zahlreichen Fluchtversuche durch selbst gebaute Tunnel.

Auf der Todesliste des PCC

Wer gegen den PCC-Kodex verstößt, hat sein Leben verspielt. Das bekam auch Gilmar Mariano dos Santos zu spüren. Der 45-Jährige stand auf der Todesliste des PCC. Der Ex-Gefangene hatte engen Kontakt zu den Inhaftiertern, verschaffte ihnen Anwälte und half ihnen nach ihrer Entlassung bei der Arbeitsuche. Weshalb er sterben musste, ist bis heute ungeklärt.
Inzwischen hat das PCC Konkurrenz bekommen. Die beiden Häftlinge Carlos Alberto Almeida Teixeira und Luciano Rodrigues Souza gehörten anderen Organisationen an und hatten sich vor kurzem an der Ermordung eines PCC-Anführers beteiligt. Sie wurden daraufhin in das Gefängnis von Ribeirao Preto 319 Kilometer nördlich von São Paulo verlegt – zu ihrem eigenen Schutz. Doch die Sicherheitsmaßnahme nutzte nichts: Im Laufe einer erneuten Häftlingsrevolte am 29. März wurden sie vom PCC entdeckt. Nach Polizeiaussagen schlugen ihnen die Mitgefangenen die Köpfe und Hände ab und stachen ihnen die Augen aus. „Sie aßen ihre Herzen“, fügt einer der Militärpolizisten, die den Aufstand nach 13 Stunden niederschlugen, hinzu.
Die „Megarebellion“ im Februar war nur der bisherige Höhepunkt einer Entwicklung, die sich seit Jahren zugespitzt hat. Die Gefängnisse in Brasilien sind um fast ein Drittel überbelegt: Auf 170.000 Plätze kommen 230.000 Gefangene, in einigen Zellen leben mehr als 20 Häftlinge. Die meisten von ihnen haben gerade einmal drei Quadratmeter Platz. Viele schlafen auf dem Boden. Die hygienischen Bedingungen sind erschreckend: In einigen Gefängnissen gibt es nicht einmal Toilettenpapier, Seife und Kleidung. Dabei ist die Haftzeit bei rund 20 Prozent der Gefangenen schon abgelaufen – nur wissen sie nichts davon.
Im vergangenen Jahr kam es allein im Bundesstaat São Paulo monatlich zu zwei Aufständen. Die Behörden sind hilflos. Dabei haben andere Staaten schon bewiesen, dass es auch anders geht. In Rio de Janeiro werden die Gefängniswärter speziell für brenzlige Situationen geschult – mit der Folge, dass die Aufstände nachließen. Ein weiteres Beispiel bietet das Gefängnis Guarapuava im Bundesstaat Paraná: Dort sind nur 250 Gefangene untergebracht. In Guarapuava können sie arbeiten, bekommen Schulunterricht und erhalten die Chance zur Reintegration.

Der Unruheherd wird geschlossen

Schließlich hat auch São Paulos Gouverneur Geraldo Alckmin reagiert: Carandirú soll bis März 2002 geschlossen werden. Das Regionalparlament nahm Alckmins Antrag an. Die Gefangenen will man in elf kleinere Gefängnisse verlegen, die in den nächsten Monaten für rund 100 Millionen Mark gebaut werden sollen, 35 Millionen steuert die brasilianische Regierung zu, die um Imagepflege bemüht ist. „Das Gefängnis von São Paulo ist ein perverses Beispiel für unseren Strafvollzug“, sagte Justizminister José Gregori.
Doch die Zeit drängt, denn immer wieder kommt es zu neuen Meutereien. Bei einem Aufstand in einem Jugendgefängnis wurde ein Wärter getötet, mehr als 30 Jugendliche wurden verletzt. Die Meuterer wollten auf die unmenschlichen Bedingungen aufmerksam machen. Die Untersuchung durch eine Menschenrechtskommission hatte kurz zuvor ergeben, dass rund 80 Prozent der Jugendlichen Foltermerkmale aufwiesen. Bereits im vergangenen Oktober hatte amnesty international die Zustände in den brasilianischen Gefängnissen verurteilt und auf Folter hingewiesen.
Über Ostern kam es in mehreren Gefängnissen des Landes zu Fluchtversuchen. Bei einer Revolte in einer Haftanstalt im Staat Mato Grosso wurden 150 Geiseln genommen. Die Meuterer stritten sich, als einer ihrer Rädelsführer ein Fernsehinterview geben wollte. Bei dem Kampf kamen sechs Häftlinge ums Leben. Die Polizei verteilte unter den befreiten Geiseln Ostereier.
In Carandirú ist es unterdessen wieder ruhiger geworden. Sonntags besuchen Hunderte von Menschen ihre Angehörigen. Direkt gegenüber der U-Bahnstation „Carandirú“ an der Avenida Cruzeiro do Sul bildet sich dann vor dem Haupteingang eine lange Schlange. Die sonntägliche Ruhe wird nur unterbrochen von den Rufen einer Frau, die ihrem Geliebten am Zellfenster ihre Liebesschwüre zuruft – und von einem Kleintransporter, der Gasflaschen auf der Ladefläche liegen hat. Aus seinem Lautsprecher dringt Beethovens „Für Elise“.

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