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ENDSTATION TIJUANA

Grenze dicht Nur wenige Meter vom Zaun entfernt befindet sich die Unterkunft der Migrant*innen (Foto: Wolf-Dieter Vogel)

Am 26. November klettert die hochschwangere Maryury Serrano Hernandez mit ihrem Mann Miguel Ortiz sowie ihrem zweijährigen Sohn in Tijuana über den Metallzaun, der die Vereinigten Staaten von Mexiko trennt. In dem Moment, in dem sie sich den US-Migrationsbeamt*innen stellen, bekommt die Honduranerin ihre ersten Wehen. Keine 24 Stunden später gebiert sie im Krankenhaus von San Diego ihr zweites Kind. Nach der Geburt verbringt die Familie noch fünf Tage im Aufnahmelager, dann werden sie freigelassen. Zunächst bleiben sie in der US-Grenzstadt, dann machen sie sich auf den Weg zu ihren Angehörigen im Bundesstaat Ohio.

Ja, es gibt Geschichten wie diese, die der Journalist Pedro Ultreras vom mexikanischen Fernsehsender Univison in seinem Tagebuch über die Migrant*innen-Karawane festgehalten hat. Geschichten von Menschen, die es nach dem monatelangen Marsch Richtung Norden unter dramatischen Umständen über die Grenze in die USA geschafft haben. Wie viele von den Menschen, die Mitte November mit dem Treck im nordmexikanischen Tijuana angekommen sind, inzwischen tatsächlich in die USA eingereist sind, ist unklar. Aber immer wieder kommen die Erfolgsmeldungen von der anderen Seite des Zauns. Und das, obwohl US-Präsident Donald Trump Tausende von Soldat*innen an den Grenzfluss Río Bravo geschickt hat, regelmäßig gegen die Einwanderer*innen hetzt und Stacheldraht installieren ließ, um die Menschen auf der Flucht an der Grenze abzuwehren.
Etwa zwei Wochen verbrachten die Migrant*innen, die sich Mitte Oktober aus Mittelamerika auf den Weg in die USA gemacht hatten (siehe LN 534), im Sportzentrum Benito Juárez in Tijuana. Zunächst waren es ungefähr 2.400 Männer, Frauen und Kinder, die auf dem Gelände ausharrten, das nur noch ein ausgetrocknetes Flussbett und zwei Zäune von ihrem Ziel trennte. In kleinen Zelten, unter provisorisch gespannten Plastikplanen und in einer Turnhalle schützten sie sich vor der Sonne. Auf einem Baseballplatz, gleich neben einer Autobahn, standen 20 Toiletten und ein paar Schläuche, die als Duschen dienten. Mit der Zeit kamen immer mehr, insgesamt wurden über 6.000 Personen registriert. Viel zu viele für die Anlage.

Zudem machte der Regen das Leben unerträglich. Die Geflüchteten wurden daraufhin in das 23 Kilometer entfernte Veranstaltungszentrum „El Barretal“ verlegt, doch dort kam bis zum 3. Dezember nicht einmal die Hälfte jener an, die sich vorher in Benito Juárez aufgehalten hatten.
Etwa 500 von ihnen sind zunächst rund um die Sportanlage geblieben, andere haben sich mit Hilfe mexikanischer Behörden auf den Rückweg nach Honduras, Guatemala oder El Salvador gemacht. Wo sich die weiteren rund 2.000 Menschen aufhalten, ist nicht bekannt. Viele dürften den gleichen Weg eingeschlagen haben wie Maryury Serrano Hernandez und Miguel Ortiz. Oder sie haben sich einen coyote (Schlepper) gesucht, der sie gegen Bezahlung durch die Wüste oder auf anderen gefährlichen Wegen in die Vereinigten Staaten gebracht hat.

Die Chancen, den Wall auf legalem Wege zu überwinden, sind gering. Einer Untersuchung des Institutes Colegio de la Frontera Norte (Colef) zufolge hatten 20 Prozent der an der Karawane Beteiligten vor, in den USA politisches Asyl zu beantragen. Doch das Prozedere ist langwierig und die Erfolgsaussichten sind nicht allzu hoch. Über 5.000 Namen stehen auf der Liste der Anwärter*innen, die allein in Tijuana auf einen ersten Termin warten, bei dem sie ihre Fluchtgründe vorbringen müssen. Zwischen 40 und 100 Anträge bearbeitet die US-Behörde täglich. Wer abgelehnt wird, muss damit rechnen, sofort in die Heimat abgeschoben zu werden. Wer durchkommt, wartet Monate, wenn nicht Jahre auf ein Asylverfahren in den USA, das nur für ein Viertel der Schutzsuchenden aus mittelamerikanischen Staaten erfolgreich verläuft.

Von 2.000 Personen fehlt nach der Verlegung ihrer Unterkunft in Tijuana jede Spur

Um mit den komplizierten Vorgaben klar zu kommen, erklären solidarische US-Anwält*innen den Interessierten in den Unterkünften von Tijuana die wichtigsten Regeln. Doch Vicente Romero Pimea kann dieser Option nichts abgewinnen. „Zu Hause sitzen meine Frau und das Kind. Sie brauchen jetzt Geld“, sagt der 48-jährige Honduraner. Seit dem 13. Oktober ist er bereits gemeinsam mit seinem Freund Marvin Josua Fernández unterwegs. Mit 160 weiteren Menschen haben sie sich von der honduranischen Stadt San Pedro Sula aus auf den Weg gemacht. Schon Monate vorher hatten sie überlegt, ihrer Heimat den Rücken zu kehren. „Es gibt keine Arbeit, wir wussten nicht mehr, wie wir die Familien ernähren sollten“, erzählt Pimea.

Es ist die größte Migrant*innen-Karawane, die jemals durch diese Region gezogen ist

Fast zwei Drittel der honduranischen Bevölkerung leben in Armut, jede vierte Person im Land muss mit weniger als zwei US-Dollar am Tag auskommen. Auch Fernández und Pimea hatten nicht mehr genug Geld verdient, um für ihre Frauen und Kinder Essen sowie Kleidung zu finanzieren. Deshalb stand der Entschluss schnell fest. „Als wir in den Nachrichten von der Karawane hörten, haben wir uns sofort angeschlossen“, erzählt Fernández. Andere mussten ihre Heimat verlassen, weil sie befürchteten, dass ihre Söhne von bewaffneten Jugendbanden rekrutiert oder getötet werden.

Gedränge unter dem Sonnenschutz Auf dem Gelände eines Sportzentrums harren die Migrant*innen aus (Foto: Wolf-Dieter Vogel)

Innerhalb weniger Tage war der Treck so auf mehrere tausend Menschen angewachsen: Frauen und Männer, Kleinkinder und Jugendliche, auch eine Gruppe von Schwulen, Lesben und Trans*-Personen war dabei. Mit etwa 7.500 Beteiligten wurde der Zug zur größten Migrant*innen-Karawane, die je durch diese Region gezogen ist. Viele nutzten die Gelegenheit, den Weg durch Mexiko nicht allein hinter sich bringen müssen. Denn auf der Strecke lauern überall Gefahren: Überfälle und Entführungen durch Kriminelle ebenso wie Misshandlungen durch Mitglieder der Migrationsbehörden. Einer Untersuchung des mexikanischen Netzwerks von Migrant*innenorganisationen REDODEM zufolge wurden 76 Prozent von 28.000 Befragten im Jahr 2017 ausgeraubt und 3,8 Prozent entführt. Im Vergleich dazu und zu den teuren Reisen mit einem Schlepper sei der Treck eine günstige und sichere Möglichkeit gewesen, um sich Richtung USA zu bewegen, erklären die Wissenschaftler*innen von Colef. Durch die Begleitung sozialer und Menschenrechtsorganisationen sowie die Präsenz der Presse seien die Migrant*innen sichtbar geworden und hätten Schutz genossen.

Vom mexikanischen Süden aus reisten die Männer, Frauen und Kinder über die Hauptstadt in den Nordwesten des Landes. Wer Glück hatte, konnte ein paar Kilometer auf der Ladefläche eines Kleintransporters oder dem Anhänger eines Sattelschleppers zurücklegen. Und wer es sich leisten konnte, fuhr mit Kleinbussen zum nächsten Tagesziel. Immer wieder, so betont Pimea, hätten ihnen Bürger*innen geholfen. „Sie gaben uns etwas zu essen, schenkten uns Wasser und kümmerten sich um medizinische Versorgung.“ Ab Mexiko-Stadt hatten Unterstützergruppen (Interview in diesem Heft, siehe S.17-19) Busse organisiert, die die Geflüchteten und Migrant*innen kostenlos nach Tijuana brachten.

Stacheldraht, Straßensperren, Tränengas und Militärhubschrauber sichern die Grenze zur USA

Indes hatten sich zahlreiche Menschen in weiteren Karawanen auf den Weg gemacht. Einige von ihnen sind nun ebenfalls in Tijuana angekommen, manche blieben an der guatemaltekisch-mexikanischen Grenze hängen. Nach Angaben der mexikanischen Flüchtlingsbehörde COMAR haben 3.200 der Migrant*innen, die seit Mitte Oktober mit den Karawanen nach Mexiko einreisen konnten, dort Asyl beantragt. Auch hier kann es lange dauern, bis die Behörden eine Entscheidung treffen, zumal die Zahl der Asylanträge zwischen 2013 und 2017 um 1.000 Prozent zugenommen hat. Doch während der Wartezeit genießen die Geflüchteten einige Vorteile: Sie können arbeiten und erhalten, verbunden mit einer Beschäftigung, Zugang zum mexikanischen Sozialsystem. In Tijuana äußerte laut der Colef-Umfrage aber nur ein Fünftel der Befragten den Wunsch, in der Grenzstadt zu bleiben.

Dieser relativ geringe Anteil dürfte auch dem scharfen Vorgehen der US-Behörden gegen die Migrant*innen geschuldet sein. Mit weiteren Stacheldrähten und Straßensperren sicherten sie die Grenze ab. Auf den Versuch einer Gruppe von Männern, Frauen und Kindern, am 25. November den Zaun zu überwinden, reagierten die Beamt*innen mit Tränengas. Auch zwei Militär- sowie zwei Grenzschutzhubschrauber waren im Einsatz. Der Übergang nach San Diego war sechs Stunden gesperrt. Die mexikanischen Behörden schoben in der Folge einige der an der Aktion Beteiligten in ihre Herkunftsländer ab.

Haben sich der Karawane angeschlossen Die Freunde Vicente Romero Pimea und Marvin Josua Fernández (Foto: Wolf-Dieter Vogel)

Während die Karawane auf ihrer Reise durch Mexiko von Stadtregierungen und vielen Bürger*innen meist wohlwollend aufgenommen wurde, änderte sich das Bild in Tijuana. Handelsverbände und die Tourismusbranche beklagten Einbußen, rassistische Parolen wurden laut, obwohl etwa die Hälfte der Einwohner*innen der Grenzmetropole selbst nicht in Tijuana geboren ist und die Stadt ihre Bedeutung vor allem der Migration verdankt. Mitte November marschierten aufgebrachte Männer und Frauen vor das Sportzentrum Benito Juárez. Sie brüllten „Honduraner raus!“, schwenkten die Nationalfahne und hielten Schilder in die Höhe, auf denen sie „Mexiko zuerst“ und „Raus mit den Invasoren“ forderten. Nur eine gut ausgerüstete Polizeieinheit konnte die Meute daran hindern, auf das Gelände vorzudringen. Etwa 300 Gegner*innen der Karawane hatten sich zuvor in einem anderen Stadtteil versammelt, ein Drittel von ihnen lief schließlich bis zu der Unterkunft. Einige Tage vorher hatte der Bürgermeister von Tijuana, Juan Manuel Gastélum, zudem die Stimmung gegen die Menschen auf der Flucht angeheizt. „Das ist ein Haufen Arbeitsscheuer und Drogenabhängiger“, sagte er. Die Ruhe und Sicherheit in Tijuana sei gefährdet, erklärte er. Und das in einer Stadt, in der dieses Jahr schon 2.300 Menschen ermordet wurden.

Für viele der in der Grenzstadt gestrandeten Mittelamerikaner*innen ist immer noch unklar, wie es weitergeht. Mexikos neuer Präsident Andrés Manuel López Obrador hat auch ihnen Arbeitsplätze versprochen, tatsächlich ist vor Ort eine kleine Jobbörse entstanden. Doch viele haben ihren „American Dream“ noch nicht aufgegeben. Auch wenn die US-Migrationsbehörde jüngst meldete, dass im November mit 25.000 dreimal so viele Familien an der Grenze festgesetzt worden seien wie im selben Monat 2017. Botschaften wie die von Maryury Serrano Hernández und ihrem Mann Miguel Ortiz lassen die Menschen auf der Flucht dennoch weiter hoffen.

 

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